Erste Lehren aus Missbrauchsfall

Rastatt (ema) – Der mutmaßliche Sexualstraftäter im Wintersdorfer Kindergarten hat zuvor in mindestens zehn Einrichtungen gearbeitet. Die Verantwortlichen ziehen erste Lehren.

Der Kindergarten St. Michael Wintersdorf: Der mutmaßliche Missbrauchstäter arbeitete in einem abseits gelegenen Gruppenraum. Jetzt soll baulich reagiert werden. Foto: Vetter

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Der Kindergarten St. Michael Wintersdorf: Der mutmaßliche Missbrauchstäter arbeitete in einem abseits gelegenen Gruppenraum. Jetzt soll baulich reagiert werden. Foto: Vetter

Der mutmaßliche sexuelle Missbrauch durch einen 50-jährigen Erzieher im katholischen Kindergarten Wintersdorf zieht, abgesehen von den strafrechtlichen Ermittlungen und den Hilfen für die Opfer, erste Konsequenzen nach sich. Das Gebäude soll baulich verändert werden, da der Pädagoge in einer Gruppe arbeitete, die räumlich abseits liegt. Unterdessen ist bekannt geworden, dass der in der vergangenen Woche verhaftete Verdächtige vor seiner Tätigkeit im Ried in mindestens zehn anderen Einrichtungen gearbeitet hat.
Für die katholische Verrechnungsstelle Rastatt stehen im Moment die Hilfen für die Opfer im Vordergrund, wie der Abteilungsleiter Kindergarten-Geschäftsführung, Bernd Gramlich, im BT-Gespräch betont. Gleichwohl mache man sich bereits erste Gedanken, welche Lehren aus dem Fall zu ziehen sind. Ein Aspekt betrifft das Gebäude selbst, das der Stadt Rastatt gehört: Gramlich zufolge habe der Verdächtige in einem Raum gearbeitet, der durch ein Treppenhaus von den übrigen Räumen getrennt sei. Ob diese Lage im Abseits die vorgeworfenen Straftaten begünstigten, dazu wollte sich Gramlich unter Hinweis auf die Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft nicht äußern. Jedenfalls habe man Lösungsansätze im Blick, die man demnächst mit der Stadtverwaltung besprechen wolle. Es müssten dabei Grundsätze des Kinderschutzes und Brandschutzes beachtet werden. Bei der Lösung für die Umgestaltung wolle man die Eltern mit einbeziehen. Bürgermeister Arne Pfirrmann kündigte am Montag für den 28. September einen Ortstermin an.

Erzieher arbeitete in mindestens zehn Einrichtungen

Überdenken will man in der Verrechnungsstelle auch die Praxis der Personaleinstellung: Bislang müssen Bewerber(innen) ein Führungszeugnis vorlegen, eine Erklärung zum grenzachtenden Umgang unterschreiben und eine Schulung zum Thema sexueller Missbrauch durchlaufen. Ob das ausreicht und eventuell nachgesteuert werden muss, sollen weitere Beratungen zeigen, in die man auch Empfehlungen der Kriminalpolizei einbeziehen wolle, so Gramlich.

Was nicht passieren dürfe, so der Kita-Geschäftsführer: Männliche Erzieher unter Generalverdacht stellen. Unter den 475 Fachkräften in den 26 katholischen Einrichtungen zwischen Iffezheim und Forbach befänden sich 19 männliche Erzieher, davon sechs Auszubildende. Bislang seien geschlechterspezifische Probleme noch nie aufgetreten, unterstreicht Gramlich, der hervorhebt, dass männliche Pädagogen auch andere Ideen in die Arbeit einbringen und damit zu einer Bereicherung beitragen könnten. Nicht zu vernachlässigen sei der gesellschaftliche Aspekt, so die Einschätzung in der Verrechnungsstelle. Wegen der Frauendominanz in Kitas und Grundschulen und der steigenden Zahl von Alleinerziehenden würden immer mehr Kinder Kontakt zu einer männlichen Bezugsperson erst in der weiterführenden Schule bekommen.

Eine Ungleichbehandlung verbietet sich jedoch auch aus rechtlichen Gründen – Männer dürften vor dem Gesetz nicht diskriminiert werden. Und schließlich bekommen die Kita-Träger auch den Fachkräftemangel zu spüren, der es mitunter gar nicht erlaube, auf geeignete Bewerber zu verzichten, weil sonst die Reduzierung von Öffnungszeiten drohe, was wiederum bei Eltern auf Kritik stoße.

Zu BT-Informationen, dass der mutmaßliche Sexualverbrecher bereits vor seiner im Jahr 2017 in Wintersdorf begonnenen Tätigkeit in auffallend vielen Kitas gearbeitet hat, wollte Gramlich unter Hinweis auf den Datenschutz keine Stellung nehmen. Fakt sei, dass der Mann in den dreieinhalb Jahren nicht aufgefallen sei.

Staatsanwalt Michael Klose sagte auf BT-Nachfrage, dass der Verdächtige zuvor in rund zehn Einrichtungen gearbeitet habe. „Wir werden in die Vergangenheit schauen müssen“, so der Strafverfolger, der für die Gespräche mit Kita-Leitungen und Eltern eine „diskrete“ Vorgehensweise versprach. Bislang lägen keine Anhaltspunkte vor, dass es an früheren Arbeitsstellen des Verdächtigen zu Problemen gekommen sei.


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