Erste Premiere nach Corona-Zwangspause

Baden-Baden (thw) – Das Theater Baden-Baden hat mit dem Stück „Der Vorname“ einen Neustart gewagt: Unter strengen Abstandsregeln und vor reduziertem Publikum fand die erste Premiere nach Corona statt.

Sicherheitsabstand auf der Theaterbühne: Die Inszenierung von Katrin Hentschel gewinnt im Lauf des Abends an Intensität. Foto: Theater Baden-Baden

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Sicherheitsabstand auf der Theaterbühne: Die Inszenierung von Katrin Hentschel gewinnt im Lauf des Abends an Intensität. Foto: Theater Baden-Baden

Am 13. März hätte „Der Vorname“ von Matthieu Delaporte und Alexandre La Patellière im Theater Baden-Baden Premiere haben sollen – das Corona-Virus und die daraus resultierenden Einschränkungen verhinderten dies in nahezu letzter Sekunde. Nun bekam das Schauspiel seine zweite Chance – nicht nur zur Freude der Intendantin Nicola May, die die getreu den Corona-Regeln überschaubare Besucherzahl im Theater begrüßte.
Wobei die Inszenierung von Katrin Hentschel im März sicher anders auf die Bühne gekommen wäre. Die strikten Abstands- und Hygieneregeln, die dem Theater auferlegt wurden – sie haben mit dem, was das Leben im öffentlich Raum oder vielen Restaurants prägt, kaum mehr etwas zu tun –, erschweren die Interaktion der Darsteller doch erheblich. Dass auf der Bühne des Ausstatters Josef Halldorsson, deren Hintergrund ein Stadtplan von Paris dominiert, weitgehend auf Requisiten und vor allem auf das für dieses Stück so bedeutsame festliche Mahl verzichtet werden muss, ist hingegen dank der sich steigernden Intensität zu verschmerzen.

Der revueartig tänzelnde Beginn wirkt noch recht zäh, man spürt, dass die Darsteller unbedingt spielen wollen, sich aber immer wieder selbst bremsen müssen. Was da Regel-Zwang oder doch Teil der runderneuerten Regiekonzeption von Katrin Hentschel ist, bleib in der Schwebe. Zu den leitmotivisch den ganzen Abend genutzten Klängen des A-cappella-Songs „For the longest time“ von Billy Joel präsentieren sich zu Beginn die Akteure, stellen sich vor, sprechen direkt zum Publikum, was hier immer wieder als ein den Handlungsfluss zurücknehmendes, das Geschehen reflektierendes Mittel eingesetzt wird.
Pierre Garaud, ein etwas überheblicher Literaturwissenschaftler, Spezialgebiet Michel de Montaigne, ist der Hausherr, dessen fürsorgliche Ehefrau Elisabeth nicht nur ein marokkanisches Mahl zaubert, sondern auch die gelegentlich aus dem Off quengelnden Kinder beruhigt. Geladen sind der stille Claude Gatignol, Elisabeths Jugendfreund, ein klassischer Posaunist, der im Smoking mit rotem Kummerbund präsentiert wird. Elisabeths Bruder Vincent ist ein wenig gebildeter, erfolgreicher Immobilienmakler, der die Zeit bis zu Ankunft seiner schwangeren Lebensgefährtin Anna Caravati großsprecherisch zu überbrücken sucht. Man kennt sich seit Jugendzeiten, hat eine klare Vorstellung von den anderen: Holger Stolz gibt Pierre Garaud mehr als einen Hauch von professoraler Eitelkeit mit. Sebastian Mirow als Vincent Larchet spielt den erfolgreichen Geschäftsmann, etwas oberflächlich, der Bildungswut von Pierre immer wieder seine geschäftlichen Erfolge gegenüberstellend. Claude Gatignol (Patrick Schadenberg) ist in diesem Bund scheinbar nur die Rolle des Zuhörenden zugewiesen, was besonders von Elisabeth geschätzt wird. Für Catharina Kottmeiers Elisabeth, sehr klischeehaft auf graue Maus getrimmt, scheint da nur der Part der perfekten Hausfrau und Mutter übrig.
Matthieu Delaporte und Alexandre La Patellières Schauspiel lebt von Wortwitz und Pointen, immer wieder überraschenden Drehungen, einer Entblätterungsstrategie, die alle Personen im Laufe des Abends im neuen Licht zeigt, scheinbar sicher Geglaubtes wird ins Gegenteil verkehrt. Denn Vincent nutzt die anfängliche Abwesenheit seiner Lebensgefährtin Anna – später spielt Lilli Lorenz diese mit starker Präsenz – zu einer wohl kalkulierten Provokation: Er will seinen Sohn „Adolphe“ nennen, wohlgemerkt mit „ph“, was bei Pierre einen furiosen Ausbruch ob dessen Geschichtsvergessenheit auslöst. Ob „ph“ oder „f“, gesprochen wird der Name „Adolf“. Und seinen Sohn nach einem der größten Verbrecher der Menschheitsgeschichte zu nennen sei unmöglich, gar ein politisches Statement. Daraus entwickelt sich in Baden-Baden eine langsam dem Potenzial der Darsteller immer mehr Raum gebende Auseinandersetzung.
Die Saat geht auf, die Spannungen, die sich teilweise über Jahre aufgebaut haben, manchen sich Luft. Am Ende erweisen sich die Frauen als die Stärkeren: Lilli Lorenz‘ selbstbewusste Anna lässt aus dem überheblichen Popanz Vincent schnell die Luft raus.
Und wie Catharina Kottmeier die im Laufe des Theaterabends doch sehr strapazierten Klischees der dienenden Hausfrau abwirft, wird zum fulminanten Finale einer Inszenierung, die nach einer längeren Anlaufzeit noch merklich an Spannung und Tiefe gewinnen kann.

Ihr Autor

Thomas Weiss

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Erstellt:
26. Juni 2020, 21:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 58sec

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