„Es darf uns nicht egal sein“

Freiburg (kli) – Wie sieht die Corona-Lage im armen Süden aus? Welche Probleme haben Entwicklungsländer mit dem Impfen? Der Leiter von Caritas International gibt im BT-Interview Auskunft.

„Die Chancen ärmerer Länder, an Impfstoff zu kommen, sind ohnehin schwach“: Oliver Müller, Leiter von Caritas international.     Foto: Patrick Seeger/dpa

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„Die Chancen ärmerer Länder, an Impfstoff zu kommen, sind ohnehin schwach“: Oliver Müller, Leiter von Caritas international. Foto: Patrick Seeger/dpa

Während hierzulande über das Impfchaos geklagt wird, haben ärmere Länder bislang noch schlechtere Aussichten, an Corona-Impfstoff zu gelangen. Über die Gefahren, die sich daraus ergeben und die Folgen der Pandemie für Entwicklungsländer sprach BT-Redakteur Dieter Klink mit Oliver Müller. Er ist Leiter des katholischen Hilfswerk Caritas International, das in Freiburg angesiedelt ist.
BT: Herr Müller, wie stark prägt die Corona-Pandemie den Alltag bei den von Ihnen auf den Weg gebrachten internationalen Hilfen?

Oliver Müller: Corona ist eine Großkatastrophe, die wir noch nie hatten, weil sie alle Länder betrifft, ohne den einen, singulären Effekt zu haben. Es ist anders als alle bisherigen Krisen. Vor elf Jahren gab es das Erdbeben in Haiti, das war eine klassische Großkatastrophe. Aber Corona ist eine fortdauernde Katastrophe und stellt uns in der Projektarbeit vor ganz neue Herausforderungen.

BT: Was haben die Corona-Probleme in Entwicklungsländern mit uns in Deutschland zu tun?

Müller: Die Pandemie ist erst vorbei, wenn sie für alle vorbei ist. Nicht nur aus ethischen Gründen muss es in unserem Interesse sein, dass die Corona-Pandemie in Afrika nicht ungebremst um sich greift.

BT: Man könnte sagen, wir haben selbst genug Probleme mit Corona. Warum sollten wir uns für die Südhalbkugel interessieren?

Müller: Für uns als christliches Hilfswerk steht der Gedanke der internationalen Solidarität im Mittelpunkt. Es darf uns nicht egal sein, wenn die Armut weltweit durch Corona steigt, wenn es so viele Menschen wie noch nie gibt, die von humanitärer Hilfe abhängig sind, 235 Millionen aktuell, wir dürfen dem nicht tatenlos zuschauen. Corona führt uns die Globalisierung unserer Welt vor Augen. Wenn ein Virus in Südafrika oder Brasilien mutiert, dann ist es kurze Zeit später hier in Deutschland. Wenn es in Südafrika nicht zu weiteren Mutationen kommt, haben auch die Menschen in Deutschland einen konkreten Nutzen davon.

„Leider zu wenig passiert“

BT: Wie also muss die internationale Gemeinschaft handeln?

Müller: Bislang ist der Impfstoff ungerecht verteilt. Reiche Länder, die 14 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen, haben sich über 50 Prozent des verfügbaren Impfstoffs gesichert. Das bedeutet: In Afrika können maximal 20 Prozent der Bevölkerung geimpft werden. Ein sinnvoller Ansatz ist die internationale Covax-Initiative: Die Länder zahlen in einen gemeinsamen Topf ein, aus dem Impfstoff für alle finanziert werden. Da ist einiges passiert, aber leider viel zu wenig.

BT: Woran hapert es?

Müller: Es fehlt vor allem an Geld. In der Covax-Initiative fehlen für dieses Jahr fünf bis sechs Milliarden Euro, um ihrem Auftrag gerecht zu werden. Deutschland ist bislang mit 675 Millionen Euro dabei. Die EU engagiert sich insgesamt mit 500 Millionen Euro. Es braucht viel mehr Geld. Aber was genauso wichtig ist: Wenn die Impfstoffe für Afrika zur Verfügung stünden, wäre der Kontinent kaum in der Lage, die tiefgekühlten Impfstoffe großflächig an die Menschen zu bekommen.

BT: Weil die Infrastruktur dafür fehlt?

Müller: Ja, in unseren hochtechnisierten Ländern ist das mit geringem Aufwand zu regeln, aber das ist in vielen ärmeren Ländern nahezu unmöglich. Es wird robustere Impfstoffe brauchen, die in hohem Umfang in Afrika verimpft werden können. Und es ist notwendig, das Gesundheitswesen insgesamt in Afrika zu stärken. Denn die Menschen sterben ja nicht an Corona, sondern an der einfachen Gesundheitsversorgung. Schwangere trauen sich nicht mehr ins Krankenhaus, weil sie Angst vor einer Ansteckung haben. Tuberkulose und Malaria sind wieder auf dem Vormarsch. Im vergangenen Jahr fehlten mehr als 100 Millionen Masern-Impfungen. Sie wurden nicht durchgeführt, weil es keinen Zugang zu den Zielgruppen gab und weil die Gesundheitseinrichtungen mit Corona befasst sind.

Die Armut steigt wieder

BT: Dabei war man bei Impfungen und der Bekämpfung des Hungers auf gutem Weg. Bis Corona kam.

Müller: Exakt. Die Zahl der hungernden Menschen wurde im letzten Jahrzehnt immer weiter gesenkt, trotz steigenden Bevölkerungswachstums. Jetzt sieht es erst mal so aus, dass die Zahl der in Armut lebenden Menschen wieder steigt. Das hat einen direkten Bezug zu Corona.

BT: Haben sich manche Regierungen in Entwicklungsländern auch zu spät um Impfstoff bemüht?

Müller: Die Chancen ärmerer Länder, an Impfstoff zu kommen, sind ohnehin schwach. Ärmere Länder können weniger bezahlen und haben dadurch einen Nachteil auf dem Markt für Impfstoff. Israel hat eine sehr hohe Impfquote, weil sie Impfstoff zu verhältnismäßig hohen Preisen eingekauft haben. Diese Möglichkeiten haben ärmere Länder nicht.

BT: Gibt es auch positive Beispiele, wo unterentwickelte Länder ganz gut mit der Corona-Krise zurechtkommen?

Müller: Man muss mit der Bewertung vorsichtig sein. Die geringen Infektionsraten in manchen Ländern sind auch auf geringe Testquoten zurückzuführen, die Dunkelziffern der Infizierten sind sicher höher. Aber generell haben sehr arme Länder wie Liberia, Sierra Leone oder der Kongo viel aus der bereits überwundenen Ebola-Krise gelernt. Nämlich wie man mit einfachen Hygienemaßnahmen Schutz bieten kann. Sie haben bei Ebola viel Überzeugungsarbeit und Vertrauensaufbau in der Bevölkerung geleitest und dafür sorgt, die Infektionsketten zu unterbrechen. Und Ebola war um ein Mehrfaches ansteckender als der Corona-Virus. Dass es gelungen ist, Ebola zu besiegen in einem so armen und vom Bürgerkrieg zerrütteten Land wie Kongo, ist eine ganz große Leistung, die sich vor allem kongolesische Ärzte und Hilfsorganisationen zurechnen können.

Schwierigkeiten der Tagelöhner

BT: Warum verschärft Covid-19 den Hunger auf der Welt?

Müller: Das Dramatische ist, dass gerade die notwendigen Corona-Schutzmaßnahmen den Hunger verstärken. Der Lockdown raubt zum Beispiel Tagelöhnern in Indien Einkommensmöglichkeiten. Sie verdienen in der Regel das, was sie am Tag fürs Leben brauchen, davon gehen 80 Prozent für Lebensmittel drauf. Es gibt dort kein Kurzarbeitergeld, keine soziale Absicherung. Wenn diese Menschen nicht arbeiten können, stehen sie vor dem Nichts. Oder nehmen Sie das Beispiel Nepal: Hunderttausende Nepalesen haben im arabischen Raum oder in Indien gearbeitet und sind dort nun wegen der Corona-Krise als erste entlassen worden. Deren Überweisungen nach Nepal haben einen beträchtlichen Beitrag zum Überleben von Familien sichergestellt, und das fällt nun weg. Das sind riesige Probleme. Deshalb muss die Impfung in diesen Ländern so schnell wie möglich kommen.

BT: Wo liegt für Sie als Hilfsorganisation das Hauptproblem? Wo konnten Sie bisher helfen?

Müller: Wir profitieren sehr von den langjährigen Kontakten zu den Projektpartnern. Lokale Organisationen haben direkten Zugang zu den Menschen. Uns hat positiv überrascht, dass wir ein erhöhtes Spendenaufkommen in der Corona-Zeit registrieren.

BT: Das geht wohl allen Hilfsorganisationen so.

Müller: Ja, und das muss man auch extra würdigen. Denn es zeigt, dass viele Menschen trotz aller Sorgen bei uns die internationale Lage nicht vergessen. Die Hilfsbereitschaft in der deutschen Bevölkerung ist enorm. Wir können mit den Spenden spezielle Schutz- und Hygienemaßnahmen umsetzen, um viele bestehende Nothilfeprojekte daran auszurichten. Zum Beispiel in Syrien brach wegen Corona zunächst die Versorgung der Menschen mit Lebensmitteln zusammen, aber wir haben die Versorgung durch Besuchsdienste aufrechterhalten. Insgesamt konnten wir mit unserer Corona-Hilfe bisher eine Million Menschen erreichen.

BT: Was haben Sie aus der Corona-Krise gelernt?

Müller: Wichtig ist, dass man vor Ort bewährte Partner hat. Wer jetzt erst beginnt, in Indien Hilfe aufzubauen, hat es ungleich schwerer. Wichtig ist auch, über Corona hinauszudenken. Es dreht sich bei der internationalen Nothilfe nicht alles um die Pandemie. Sondern es geht darum, langfristig tragfähige soziale Strukturen aufgebaut zu haben und die Selbsthilfekräfte der Menschen zu stärken. Das gilt in der Pandemie umso mehr.

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Erstellt:
22. Januar 2021, 18:00 Uhr
Lesedauer:
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