Studieren aktuell: „Es erfordert viel Durchhaltevermögen“

Baden-Baden (kli) – Viele jungen Leute kennen ihr Studium nur unter Lockdown-Bedingungen. Keine Präsenz, alles digital. Wie geht es Zweitsemestern, die das BT schon im ersten Semester befragt hat?

Studiert seit zwei Semestern Musikjournalismus, alles online: Tabita Prochnau. Foto: Tabita Prochnau

Studiert seit zwei Semestern Musikjournalismus, alles online: Tabita Prochnau. Foto: Tabita Prochnau

Die Einschränkungen durch die Corona-Pandemie lähmen auch viele Studenten in ihrem Alltag. Vor einem halben Jahr befragte das BT junge Menschen, die in Karlsruhe neu ein Studium begonnen haben, wie ihre Erfahrungen als Erstsemester in der Pandemie sind. Sie alle hofften auf bessere Bedingungen im Sommersemester. Das ist jetzt da – aber das Virus auch noch. Das Erfahrungsupdate:

Tabita Prochnau: Die 19-Jährige begann im Wintersemester, an der Hochschule für Musik, Musikjournalismus zu studieren. Auch sie hatte zunächst auf Besserungen im Sommersemester gehofft, die nun nicht eintreten. Alles läuft online, und das werde auch so bleiben. Einzig beim Gesangunterricht überlege man, ob man diesen vielleicht draußen stattfinden lassen kann. Zwar habe die Hochschule ein Hygienekonzept: Trennwände und regelmäßiges Lüften, aber man wolle eben kein Risiko eingehen. Hat sie sich inzwischen an das Online-Studium gewöhnt? „Ich habe da gemischte Gefühle“, gesteht Prochnau. „Die Abläufe sind einfacher als im vergangenen Semester. Aber es erfordert viel Mühe und geistige Kraft, viel Durchhaltevermögen, sich selbst fürs Studieren zu motivieren“, berichtet sie. Manche Vorlesungen seien aufgezeichnet. „Dann gerät man in Versuchung, auf die Pausetaste zu drücken, um in Ruhe mitschreiben zu können. Aber dann dauert es ja doppelt so lang.“ Prochnau fehlt der reelle Austausch, die Abwechslung, die zufälligen Begegnungen im Flur. „Wir studieren jetzt schon sechs Monate zusammen, aber wir kennen uns immer noch nicht“, beschreibt sie das „komische Gefühl“. Sie studiert immer noch gern, die Themen interessieren sie, aber ihr bleibt jetzt nur das Prinzip Hoffnung: darauf, dass das kommende Wintersemester wirklich besser wird.

Nilani Suriakumar studiert seit zwei Semestern Mathe und Physik auf Lehramt an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Foto: Nilani Suriakumar

© Surikamunar

Nilani Suriakumar studiert seit zwei Semestern Mathe und Physik auf Lehramt an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Foto: Nilani Suriakumar

Nilani Suriakumar: Anfangs war für sie alles schwierig, aber inzwischen habe sie sich als Studentin unter Corona-Bedingungen „gut eingelebt“. Ein Studium während der Pandemie bringe auch Vorteile mit sich. „Die Dozenten geben sich Mühe, dass es zu einem echten Austausch kommt“, findet die 19-Jährige, die Mathe und Physik auf Lehramt an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe studiert. Etwa dass man Themen in Kleingruppen digital bearbeitet. „Das ist nicht so anonym. Jeder kann frei mitreden, wird miteinbezogen“, erzählt sie. Auch habe sie sich inzwischen darauf eingestellt, selbstständig zu lernen. Das habe sie anfangs überfordert. Sie wohnt immer noch bei ihren Eltern in Pforzheim, Pendeln in die Fächerstadt lohnt sich nach wie vor nicht, dort findet ja nichts statt. „Ich habe nie erfahren, was Präsenzunterricht ist. Es wäre eine Umstellung für mich, wenn Vorlesungen wieder in Präsenz wären“, gesteht sie. Die PH habe mitgeteilt, man müsse sich nun im Frühjahr/Sommer auf ein weiteres Semester im Digital-Modus einstellen. „Ich gehe davon aus, dass es noch lange dauern wird, bis ich die PH von innen sehe.“ Ein „echtes“ Studium fände sie schon auch wünschenswert: „Man könnte sich mehr austauschen, in den Fluren zum Beispiel. So bleibt nur der Austausch in Whatsapp-Gruppen, aber da fehlt das Persönliche.“ Sie habe bisher nur eine ihrer Mitstudentinnen persönlich getroffen. Diese hat mit ihr das Praktikum an derselben Schule gemacht. Immerhin das hat in Präsenz stattgefunden, was auch richtig sei. „Für die Arbeit mit Kindern braucht man Nähe“, sagt Suriakumar.

Arbeitet mittlerweile bei der Deutschen Bahn: Ex-Corona-Erstsemester Tim Johann. Foto: Tim Johann

© Johann

Arbeitet mittlerweile bei der Deutschen Bahn: Ex-Corona-Erstsemester Tim Johann. Foto: Tim Johann

Tim Johann: Der 23-Jährige war im vergangenen Semester im ersten Semester für Elektro- und Informationstechnik an der Hochschule Karlsruhe für Technik und Wirtschaft eingeschrieben. Inzwischen hat er sich umorientiert und das Studium aufgegeben. Schuld daran ist auch die Pandemie. „Das Studium sollte eigentlich sehr praxisnah sein. Aus den fünf vorgesehenen Laborversuchen wurden zwei, aber auch die fanden nicht in Präsenz statt. Wir bekamen Videos von Studenten aus höheren Semestern und sollten diese interpretieren. Das bringt aber in der Mechanik nicht so viel, wenn man es nicht selbst in der Hand hat“, berichtet Johann. „Ich hing den ganzen Tag vor dem PC, von acht bis 19 Uhr oder noch länger auf einem Stuhl und kam nie aus dem Zimmer raus.“ In den Weihnachtsferien hat er Bewerbungen geschrieben. Die Deutsche Bahn hat sich sogleich gemeldet und ihn eingestellt. Johann arbeitet nun seit 1. April in Landau. Er kann sich als Elektroniker in drei Jahren zum Signalmechaniker fortbilden lassen. Johann ist froh über den Neubeginn. „Anfangs war ich im Studium noch optimistisch, aber es wurde ja immer schlimmer“, sagt er. „Ich war immer zuhause und habe keinen Mitstudenten kennengelernt, das hat mich belastet.“ Jetzt, im Job, dürfe er mit anderen „in echt“ zusammenkommen, sich bewegen. Johann glaubt: „Wenn Corona nicht gekommen wäre, hätte ich das Studium sicher durchgezogen.“ So aber meint er: „Ich wäre vereinsamt und irgendwann durchgedreht.“ Seit der mündlichen Zusage der Bahn habe er keine Vorlesungen mehr besucht. Die Prüfungen zum Schluss des Wintersemesters habe er gar nicht mehr abgelegt und mit dem Unterschreiben des Arbeitsvertrags auch die Exmatrikulation an die Hochschule geschickt. Eine Bestätigung der Exmatrikulation hat er bisher nicht erhalten.

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Erstellt:
28. April 2021, 21:00 Uhr
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