Es gibt kein Ironman auf Hawaii

Baden-Baden (ket) – Erst wurde der weltweit bekannteste Triathlon zeitlich verschoben, dann auch noch örtlich. Statt an diesem Samstag findet er nun am 7. Mai in St. George im Bundesstaat Utah statt.

So oder so ähnlich sieht die Bucht von Kona beim Start des Ironman Hawaii aus. Foto: Bruce Omori/dpa

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So oder so ähnlich sieht die Bucht von Kona beim Start des Ironman Hawaii aus. Foto: Bruce Omori/dpa

Dass im Paradies etwas nicht stimmt, ist länger schon bekannt, man denke da nur an Adam und seine Eva und – vor allem – an deren Appetit auf Äpfel. Dieser zog – und das nicht nur sporthistorisch betrachtet – damals den ersten Platzverweis nach sich. Nun ist es tatsächlich zu einem zweiten gekommen. Erst vor ein paar Wochen gab die WTC, also die World Triathlon Corporation, bekannt, dass der weltberühmte Ironman Hawaii nicht wie ursprünglich geplant an diesem Samstag auf Hawaii stattfindet, sondern am 7. Mai nächsten Jahres und zwar – Achtung! – in St. George im US-Bundesstaat Utah.
Ob es dort auch nur einigermaßen trinkbares Bier gibt, konnte auf die Schnelle nicht eruiert werden, ist für den Fortlauf der Geschichte aber auch nicht wesentlich. Wesentlicher ist da schon, dass es sich so ganz genau genommen – und diese Kolumne nimmt es immer sehr genau – bereits um die dritte Absage beziehungsweise Verschiebung des Ausdauerspektakels handelt. Die 2020er-Ausgabe fiel wegen Corona komplett aus, die aktuelle, also jene von 2021, wurde Mitte August vom 9. Oktober auf Februar verschoben, daraus ist nun besagter 7. Mai in Utah geworden.

Nun ist all dies in Zeiten von Corona kein großes Unglück, sondern, nun ja, bestenfalls ein Luxusproblem. Auch der Großteil der betroffenen Athleten sieht das so. Die Verärgerung im Kreis der eisernen Männer und Frauen ist dennoch enorm, wobei in erster Linie nicht Absage und Verschiebung an sich im Zentrum der Kritik stehen, sonder das wie. „Ich habe davon, kein Witz, über den Hawaii-Kurier erfahren“, hat Jan Frodeno, dreifacher Hawaii-Champion und absoluter Star der Branche, gerade der „FAZ“ erzählt. Und: „Es ist sehr schade, dass es keine Kommunikation und keine Konzepte gibt.“

Immer offenbarer wird stattdessen, um was es der WTC wirklich geht: Ums Geld! Und zwar nur ums Geld. Um die Athleten schert sie sich eher einen feuchten Dreck.

Beispiel eins: Beim Ironman Frankfurt Mitte August vergab die WTC nocheinmal 100 der begehrten Hawaii-Startplätze und kassierte dafür sofort und noch vor Ort jeweils 1.010 Dollar. Nur ein paar Tage später erfuhren die Qualifizierten dann, dass der Event, für den sie sich qualifiziert hatten, nicht wie geplant im Oktober, sondern im Februar stattfinden soll und sie all ihre Pläne von Urlaub über Reise bis Training über den Haufen werfen können.

Beispiel zwei: Die Verlegung von Februar in den Mai nächsten Jahres hatte weniger Corona als Grund, als vielmehr die Tatsache, dass der Februar die traditionelle Hauptreisezeit für Hawaii ist, gerade von den Festland-Amerikanern. Soll heißen: Flüge, Hotels, Mietwagen und Sonstiges wären für die Triathleten derart kurzfristig so gut wie nicht zu haben gewesen. Ein umsichtiger Verband hätte das im Vorfeld wissen müssen.

„Hawaii ist der Grund von allem“

Wobei die WTC – und das ist am Ende wohl des Pudels Kern – ohnehin kein Verband ist, sondern ein auf Gewinnmaximierung ausgerichtetes Wirtschaftsunternehmen. Um Zahlen zu nennen: Als die WTC 2015 von Wanda gekauft wurde, blätterte der chinesische Sportvermarkter 650 Millionen Dollar hin. Dafür gab es einen 90-prozentigen Marktanteil am Triathlongeschäft mit (damals) weltweit 236 Veranstaltungen und rund 230.000 Teilnehmern. Als die Chinesen den Ironman-Konzern fünf Jahre später an die amerikanische Unternehmensgruppe Advance weiterveräußerten, kassierten sie bereits 730 Millionen Dollar.

Kern des Geschäfts: Der Ironman Hawaii. Das Rennen rund um Kona ist für die WTC Heiliger Gral und Goldene Kuh in einem. Das „Goldene Ei“, nennt es Jan Frodeno. Thomas Hellriegel wiederum, 1997 erster deutscher Sieger der dreigeteilten Schinderei auf Big Island, hat es einmal so formuliert: „Hawaii ist der Grund von allem.“ Soll heißen: Wer Triathlon macht, macht es wegen Hawaii.

Dabei ist kaum mehr zu klären, wann genau das Rennen den Sprung geschafft hat vom ganz normalen Wahnsinn zum Mythos. Fest steht: Der Ironman Hawaii ist zu einer Art Perpetuum mobile geworden, einem Phänomen, das sich selbst in Bewegung hält: Triathleten aus aller Welt reisen auf die Pazifikinsel, weil sie dort den Mythos vermuten. Und der Mythos hält sich am Leben und wächst und gedeiht, eben weil Triathleten aus aller Welt Jahr für Jahr nach Hawaii kommen, um hier ihr ganz persönliches Oktoberfest zu feiern. Die kleine Hafenbucht, in der der Startschuss fällt, der lang gezogene Highway, über den ein Großteil des Rennens führt; das Energy Lab, jener schmale Weg hinunter zum Meer, auf dem sich so oft schon das Rennen entschieden hat, weil auf dem Weg zurück kein Wind mehr kühlt; schließlich der Alii Drive, diese Straße hin zum Ziel – es sind dies die Pilgerwege des Triathlons.

So jedenfalls war es bislang. Bis Corona kam – und eigentlich zwei vor Augen führte: Dass selbst für Triathleten ein Leben ohne Hawaii möglich ist. Und dass die WTC gerade in der Krise für sie, die Jünger und Kunden zugleich sind, wenig bis gar nichts getan hat. Das gilt für das Häuflein Profis ebenso wie das Heer an Amateuren, die sogenannten Agegrouper, die sich immer mehr finanziell ausgenommen fühlen. Nicht nur Superstar Frodeno kritisiert zudem die „Planlosigkeit“ und den „Mangel an Kreativität“, mit denen die WTC agiert.

Andere Anbieter holen auf

Dass bereits für Hawaii qualifizierte Athleten zuletzt die Möglichkeit hatten, ihre Startberechtigung bei der WM auf die Jahre 2023, 2024 oder 2025 vorzuverlegen, hat die Lage nur kurz, aber nicht wirklich entspannt. Schwerer wiegt hingegen, dass als Folge dessen in den nächsten Jahren und den einzelnen Altersklassen deutlich weniger Startplätze für Big Island vergeben und die Qualizeiten somit deutlich steigen werden. Um ein Beispiel zu nennen: Gab es beim Ironman Frankfurt im August in der Altersklasse M40-44 noch 16 Qualiplätze, werden es 2022 nur noch deren zwei sein. In Zeit umgerechnet: Statt 9:35,57 Stunden für Platz 16 müssten 9:09,17 Stunden für Platz zwei erbracht werden. Selbst für ambitionierte Amateure rückt Hawaii damit in immer weitere, kaum noch erreichbare Ferne.

Das spielt vor allem und naturgemäß den anderen Triathlon-Anbietern in die Karten, allen voran der Professional Triathlon Organization (PTO) des offenbar milliardenschweren Michael Moritz, die zuletzt schon durch die Ausrichtung und Finanzierung des Collin Cups auf sich aufmerksam machte. Mehr denn je hoch in der Gunst der Sportler stehen auch die Wettbewerbe der Challenge Family GmbH, die ihren Ursprung im fränkischen Roth hat, wo 1988 der erste Ironman in Deutschland ausgerichtet wurde.

Noch ist die WTC der Platzhirsch, der mit dem Ironman Hawaii auch den größten Joker in der Hand hält. Der Unmut freilich wächst. Es brodelt unter den Dreikämpfern. Über dem Paradies sind dunkle Wolken aufgezogen.

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Erstellt:
6. Oktober 2021, 22:00 Uhr
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