„Es ist anders als in Europa“

Baden-Baden (mi) – Dominik Kahun hat 188 NHL-Spiele in der besten Eishockey-Liga der Welt bestritten. Über seine Erfahrungen und die Rückkehr nach Europa spricht er im BT-Interview.

Dominik Kahun (Zweiter von rechts) will sich bei der WM für das schwache Olympia-Abschneiden rehabilitieren. Anthony Wallace/AFP)

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Dominik Kahun (Zweiter von rechts) will sich bei der WM für das schwache Olympia-Abschneiden rehabilitieren. Anthony Wallace/AFP)

BT: Herr Kahun, Sie kennen alle Arenen in der DEL und NHL. Hat der SC Bern mit dem besten Zuschauerschnitt und der größten Stehtribüne Europas die lautesten Fans weltweit?
Dominik Kahun: Ich würde sagen ja bei den Hallen, in denen ich bislang spielte. Wenn es so richtig abgeht, ist es auf jeden Fall die lauteste Arena.

BT: Sie waren in München der Publikumsliebling und sind auch in Bern sehr populär. Empfinden Sie das als besondere Auszeichnung vor dem Hintergrund der Rivalität zwischen der Schweiz und Deutschland im Eishockey?
Kahun: Es freut einen immer, wenn die Fans erkennen, dass man auf dem Eis alles gibt, in jedem Spiel hart arbeitet. Das ist auch für mich cool.

BT: Sie befinden sich mitten in der WM-Vorbereitung. Glauben Sie, dass die WM in Finnland erfolgreicher verläuft als die missglückten Olympischen Winterspiele?
Kahun: Ja, das ist unser großes Ziel. Wir wollen eine gute Antwort geben auf Olympia. Ich muss hinzufügen, dass die Winterspiele im Nachhinein schlechter dargestellt wurden, als es wirklich war. Natürlich war der 1:5-Auftakt gegen Kanada nicht gut, dann hat sich jeder zu Hause über das Ergebnis gegen China aufgeregt (3:2, Anmerkung der Redaktion), aber ich denke, wir hätten in diesem Spiel einige Tore mehr schießen können. Das letzte Gruppenspiel gegen die USA war beim 2:3 unser bestes. Das Viertelfinal-Qualifikationsspiel gegen die Slowaken beim 0:4 haben wir uns natürlich anders vorgestellt. Wir waren leistungsmäßig nicht so weit entfernt, wie es immer dargestellt wurde. Wir wissen aber auch, dass wir nicht unsere besten Leistungen zeigten. Deshalb wollen wir uns bei der WM schnellstmöglich rehabilitieren.

BT: Wenn Sie die Olympia-Silbermedaille von 2018 heute noch mit Stolz betrachten: Wird das ein einmaliges Erlebnis für Deutschland bleiben oder halten Sie eine Wiederholung bei einer Weltmeisterschaft für möglich?
Kahun: Natürlich halten wir das für möglich, deshalb machen wir sehr viel dafür. Alle Jungs, die hier in der Vorbereitung dabei sind, arbeiten seit drei Wochen jeden Tag wirklich hart, egal, ob einige vor der WM noch ausgetauscht werden. Alle sind im Fokus und wollen sich verbessern und spielen mit Stolz für Deutschland. Natürlich wollen wir dann in Finnland auch ein gutes Ergebnis erzielen.

BT: Ihr guter Freund Leon Draisaitl, mit dem Sie schon bei den Jungadlern Mannheim und später den Edmonton Oilers zusammen spielten, ist ein Superstar in der besten Liga der Welt. Die jungen Tim Stützle und Moritz Seider sind auf dem besten Weg, ihm als Topspieler nachzufolgen. Braucht Deutschland drei Draisaitls, drei Stützles und drei Seiders, um endgültig in der Weltspitze anzukommen?
Kahun: Ich glaube, dass wir schon bewiesen haben, dass wir auch ganz oben mithalten können. Natürlich ist es umso besser, wenn all die Jungs von Übersee zu uns kommen angesichts ihrer Qualität. Gerade die von Ihnen Genannten sind Weltklasse, das macht uns natürlich stärker. Man braucht aber auch einen guten Mix, nur Superstars dabei zu haben, ist nicht das Optimalste. Als die Finnen zum Beispiel 2019 Weltmeister wurden, hatten sie gerade mal einen NHL-Spieler dabei. Am Ende zählt einfach der Zusammenhalt, der Teamgeist der Mannschaft. Wenn alle zusammenhalten, kann man auch erfolgreich sein.

BT: Sie haben 188 NHL-Spiele bestritten, wurden von 2018 bis 2021 aber gleich zwischen vier Klubs von Chicago, Pittsburgh, Buffalo und Edmonton mit Draisaitl hin- und hergetradet. Wurde der anfängliche Traum, in der besten Liga der Welt zu spielen, am Schluss zum Alptraum?
Kahun: Auf keinen Fall. Nach Edmonton wurde ich nicht mehr getradet, das hatte ich mir selbst ausgesucht, da ich ein Free Agent war. Ich habe damals nach Olympia meinen Traum gelebt und bewiesen, dass ich in der NHL spielen kann. Auch meine Statistiken waren sehr gut. Ich denke, dass ich heute noch in der Liga spielen könnte, wenn ich damals einen neuen Vertrag unterschrieben hätte. Es war damals meine Entscheidung, wieder nach Europa zurückzukehren, um mein Selbstvertrauen zurückzubekommen. Die Tür zur NHL ist sicher noch nicht zu.

BT: Würden Sie das Abenteuer also nochmals wagen, wenn Sie zum Beispiel eine starke WM spielen?
Kahun: Ich habe in Bern eine Klausel in meinem Vertrag, dass ich nach jeder Saison wieder in die NHL wechseln könnte. Ich mache mir da keinen großen Kopf darüber, ich warte einfach mal. Meine Saison war sehr gut, ich habe gute Leistungen gezeigt, und jetzt schauen wir, was bei der WM passiert. Im Sommer werden wir dann weitersehen.

BT: Kann man speziell als Europäer in der NHL vereinsamen, da es recht wenig Kontakt unter den Spielern gibt, weil der interne Konkurrenzkampf so unerbittlich hart ist?
Kahun: So schlimm ist es dann doch nicht, auch wenn es etwas anders ist, als wir es in Europa kennen. Natürlich ist der Konkurrenzkampf sehr stark, stärker ausgeprägt als in anderen Ligen, aber es ist auch nicht so, dass man als Europäer mit den Nordamerikanern weniger spricht. Es sind alles immer noch sehr nette Jungs, der Zusammenhalt ist da.

BT: Bei den vier NHL-Vereinen, wo Sie waren: Wer ist der Beste, mit dem Sie zusammengespielt haben?
Kahun: Connor McDavid von den Edmonton Oilers.

BT: Und wer gewinnt den Stanley Cup?
Kahun: Oh, das ist schwer vorherzusagen, weil es in der NHL so ausgeglichen ist. Es gibt natürlich einige Teams, die als Topfavorit gehandelt werden. Die Florida Panthers, die seit Jahren überragend sind, zum Beispiel. Man redet auch immer über die Toronto Maple Leafs, aber am Ende klappt es dann doch nicht. Ich finde, dass Colorado seit Jahren schon brutal stark ist, aber sie scheitern dann meistens in den Playoffs. Mit Tampa Bay Lightning als zweimaliger Cupsieger in Folge muss man natürlich auch immer rechnen.

Ihr Autor

Von BT-Redakteur Michael Ihringer

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Erstellt:
9. Mai 2022, 06:45 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 58sec

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