„Es ist kein Job, sondern eine Berufung“

Bühl (marv) – Martin Schilli, der Leiter der Gewerbeschule, geht nach zehn Jahren als Rektor in den Ruhestand.

Nach zehn Jahren auf dem Chefsessel hört Gewerbeschulleiter Martin Schilli zum Schuljahresende auf. Foto: Lauser

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Nach zehn Jahren auf dem Chefsessel hört Gewerbeschulleiter Martin Schilli zum Schuljahresende auf. Foto: Lauser

In seiner Laufbahn hat Martin Schilli einiges erlebt. Der Oberstudiendirektor erinnert sich, dass es, als er 1983 an die Gewerbeschule Bühl kam, dort noch keinen Kopierer gab. Für heutige Lehrkräfte undenkbar. Auch der Unterricht habe sich komplett verändert. Mittlerweile sei jeder Unterrichtsraum mit Beamern ausgestattet, auch Laptops und WLAN gibt es. Am Schuljahresende geht der 63-Jährige auf eigenen Wunsch in den Ruhestand.

Volker Bachura, der bisher die Carl-Benz-Schule in Gaggenau geleitet hat, wird sein Nachfolger. Ziel Schillis war es mehr als 22 Jahre lang, die Bühler Bildungsinstitution mit 1100 Schülern und etwa 70 Lehrkräften im Rahmen seiner Möglichkeiten weiterzuentwickeln. Bevor es an die Wissensvermittlung geht, sollte im ersten Schritt ein angenehmes, positives Lernklima geschaffen werden, ist Schilli überzeugt. „Es gibt Lehrer-Schüler-Beziehungen, da macht der Schüler gern die Aufgaben für den Lehrer, dabei machen die Schüler sie ja für sich selbst“, sagt Schilli und grinst dabei schelmisch.

„Es freut mich immer, wenn mich ehemalige Schüler grüßen, wenn sie mir auf der Straße begegnen, und sie nicht grußlos die Straßenseite wechseln“, sagt Schilli. Dass das Kollegium der Gewerbeschule in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten nicht allzu viel falsch gemacht zu haben scheint, unterstreicht die Tatsache, dass die Schule mittlerweile von Schülern besucht wird, deren Eltern Schilli schon unterrichtet hat, wie er stolz berichtet.

Man merkt dem Schulleiter an, dass er eher ein hemdsärmeliger Typ ist, der Kritik äußert, wenn ihm etwas nicht gefällt. Beispielsweise in Richtung Stuttgart, wie er mit einem Blick auf sein Regal verdeutlicht: „Zu Beginn meiner Laufbahn als Schulleiter standen da zwei gelbe Ordner mit Verordnungen, nun sind es drei.“

In der Region verwurzelt

Bereits nach dem Abitur in Bühl hegte Schilli den Wunsch, Lehrer zu werden. Mathe und Physik waren seine präferierten Fächer. „Die Einstellungschancen waren damals aber schwierig“, sagt Schilli heute. Maschinenbau-Diplomingenieur lautete daher die logische Alternative. Bis er erfahren hat, dass es einen Studiengang Maschinenbau speziell für Gewerbeschullehrer an der Universität Karlsruhe gibt. Nach dem Studium und Referendariat in Karlsruhe ging es für Schilli 1983 als Lehrer für Feinwerktechnik und Physik nach Bühl. Bevor er am 1. August 2010 zum Rektor wurde, war er zwölf Jahre lang stellvertretender Schulleiter. Diese Konstanz ist für heutige Lebensläufe „außergewöhnlich“, findet nicht nur Schilli. „Es ist nicht die Regel, dass Schulleiterstellen intern besetzt werden“, schiebt er, der sich mit „seiner“ Schule und der Region identifiziert, nach. Lehrer zu sein ist für ihn nicht bloß ein Job, sondern Berufung. „Wenn es einem Spaß macht, muss man nicht auf die Minute gucken, die Hauptmotivation ist bei Lehrern nicht das Geld“, sagt Schilli. Gerade in Krisen wie der aktuellen, sei die Verbeamtung und die Arbeitsplatzsicherheit, die diese bedeutet, aber ein Segen. Die Corona-Pandemie ist „mit die größte Herausforderung“, der er, der altersbedingt zur Risikogruppe gehört, in seiner Berufslaufbahn begegnen musste. Für Schilli sei es keine Frage gewesen, ob er trotz der Risiken weiter zur Arbeit gehe. „Ich habe schließlich einen Diensteid geschworen.“

Schilli ist passionierter Radsportler

Elf Seiten regeln, wie Abschlussprüfungen in diesem Jahr ablaufen sollen, schildert Schilli. Außer am Technischen Gymnasium (TG) sind an allen Schularten, die an der Gewerbeschule unterrichtet werden, mündliche Prüfungen nicht mehr verpflichtend. Schilli findet das „organisatorisch irrwitzig“, man bekomme das aber hin. Organisatorisch „ganz schlimm“, finde er auch, dass die Schüler des TG wählen können, ob sie den regulären Prüfungstermin wahrnehmen möchten oder einen von zwei Ausweichterminen. „Wir haben deutlich mehr Verwaltungsaufwand, aber unterm Strich weniger Prüfungsgeschehen“, erwartet Schilli.

15 Jahre in Folge ist die Lehrer-Radsportgruppe, die Schilli, der selbst passionierter Radsportler ist – gemeinsam mit einem Kollegen – vor circa 20 Jahren ins Leben gerufen hat, jedes Frühjahr zum Trainingslager nach Mallorca gereist. Auch da hat Corona einen Strich durch gemacht.

„Die Digitalisierung hat uns in Coronazeiten sehr geholfen“, sagt der scheidende Schulleiter. Man könne digitalen aber nicht mit Präsenzunterricht vergleichen, denn „eine digitale Drehmaschine gibt es nicht“. Der persönliche Kontakt von Schülern und Lehrern ist aus Schillis Sicht weiter unerlässlich. „Die Motivation ist zuhause einfach eine andere“, sagt er. Dennoch wird sich die Lernlandschaft durch Corona und die Digitalisierung stark verändern, prognostiziert Schilli. Aus seiner Sicht müssten aber auch die Prüfungen von der Digitalisierung profitieren. „Es macht keinen Sinn, dass die Schüler im Unterricht von den Vorteilen der Digitalisierung profitieren, die Prüfungen aber weiter in der Regel analog und ohne Hilfsmittel stattfinden.“

Es ist Schilli anzumerken, dass er noch immer für seinen Beruf brennt, auch wenn bald Schluss ist. Seine Abschiedsrede hat er schon geschrieben. Halten wird er sie jedoch wahrscheinlich nie. Dass seine offizielle Verabschiedung coronabedingt nicht stattfinden kann, darüber habe ihn die zuständige Referatsleiterin schon in Kenntnis gesetzt. Stattdessen will er sie per E-Mail an die Personen verschicken, die eingeladen worden wären, sagt Schilli im BT-Gespräch. „Das ist natürlich schade“, sagt Schilli: „Wenn etwas 22 Jahre gedauert hat, dann will man das auch mit einem Fest beenden, mit denen, die zum Gelingen beigetragen haben.“

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Erstellt:
21. Juni 2020, 22:00 Uhr
Lesedauer:
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