„Es ist nie zu spät!“

Muggensturm (as) – Kann man zu alt sein, um ein Instrument zu lernen? Diese Frage hört BT-Redakteurin Anja Groß im Rahmen der Serie „Vom Ton zum Klang“ immer wieder.

Von wegen zu alt: Musikalische Betätigung wie hier im Anfängerorchester des Musikvereins Muggensturm hält geistig fit. Foto: M. Krug

© red

Von wegen zu alt: Musikalische Betätigung wie hier im Anfängerorchester des Musikvereins Muggensturm hält geistig fit. Foto: M. Krug

Kann man zu alt sein, um ein Instrument zu lernen? Diese Frage höre ich im Zusammenhang mit meinen instrumentalen Gehversuchen an der Klarinette im Anfängerorchester für Erwachsene (AfE) des Musikvereins Muggensturm, die in dieser Serie beschrieben werden, immer wieder. Ich finde nein, aber was sagen Experten? AfE-Dirigent Peter Müller und der Leiter der Städtischen Musikschule in Rastatt, Markus Bruschke, sind sich einig: „Es ist nie zu spät!“

„Das Grundbedürfnis nach musikalischer Betätigung erstreckt sich über alle Altersstufen“, sagt Bruschke. Erwachsene würden zudem oft eine sehr viel höhere Motivation mitbringen und zielstrebiger lernen.

„Für alles braucht man Musikalität und eine gewisse körperliche Konstitution“, meint Peter Müller, um sogleich einzuschränken: „Wer sich zu alt oder zu schwach fühlt, wird wohl nicht auf die Idee kommen, ein Instrument lernen zu wollen.“ Es sei jedenfalls keine Frage, dass vor allem das Spielen eines Blasinstruments den Kreislauf in Schwung bringt. Das kann ich nur bestätigen – manchmal ist es sogar schweißtreibend.

Glückshormone werden ausgeschüttet

Geistig fit hält die musikalische Betätigung sowieso. Wenn man im Alter noch etwas Neues lernt, sei das wie Gehirnjogging, befindet Müller. Und es ist ein besonderes Erfolgserlebnis, wenn die Griffe, über die man anfangs nachdenken musste, sich plötzlich einfach eingeprägt haben, finde ich. Das motiviert!

Zahlreichen Studien zufolge fördert das Spielen eines Instruments die Gedächtnisleistung. Es werden im Gehirn neue Verknüpfungen gebildet und vorhandene reaktiviert. Dabei spielt die Koordination von Motorik, Gehörsinn, Körperwahrnehmung und Emotionen eine entscheidende Rolle. Es sei sogar nachgewiesen, dass Musiker vielfältiger und facettenreicher denken und empfinden als andere, lese ich in einem Artikel. Und: Musikergehirne unterscheiden sich von den Gehirnen nicht musizierender Menschen. Bei ihnen sind die Bereiche, die die Aktivitäten der Hände mit denen des Hörens und Analysierens verknüpfen, besonders stark ausgebildet. Erwiesen ist auch, dass Musizieren glücklich(er) macht: Es werden Glückshormone ausgeschüttet. Nicht ohne Grund wird Musiktherapie bei vielen Erkrankungen eingesetzt.

Keine Einschränkungen sieht Peter Müller bei der Auswahl des Instruments. Selbst körperliche Beeinträchtigungen seien nicht zwingend ein Hindernis, verweist er auf das beeindruckende Beispiel von Felix Klieser, der ohne Arme geboren wurde und Profi-Hornist ist – er spielt mit den Fußzehen. Eine zentrale Frage für erwachsene Anfänger sei aus Müllers Sicht auch, welches Ziel man erreichen möchte: Hausmusik oder Profiorchester?

Gerade Blasinstrumente wie die Klarinette hält Markus Bruschke für vorteilhaft, weil sich „schnelle Erfolge erzielen lassen“. Es sei verhältnismäßig schnell die Mitwirkung in einem Orchester möglich, was in Sachen Motivation regelrecht beflügeln könne.

Beide raten im Übrigen nicht zum Selbststudium, weil man sich vieles falsch beibringen könnte. Hilfreich seien Vorkenntnisse in Notenkunde oder Rhythmik, aber nicht unabdingbar, sind sich die beiden Musiker ebenfalls einig. „Der Unterricht muss das berücksichtigen“, erklärt der Leiter der Musikschule.

Eines müsse Anfängern jeglichen Alters aber klar sein: Es gibt immer ein Auf und Ab – Tage, an denen man besser und dann wieder schlechter spielt. „Oft folgt nach einer schlechten Phase dann ein deutlicher Fortschritt“, kennt Markus Bruschke das. Diese Erfahrung habe ich auch schon gemacht. Sich dann immer wieder zu motivieren, fällt manchmal schwer. Der Unterschied zwischen Erwachsenen und Kindern sei in solchen Situationen manchmal das bessere Durchhaltevermögen, weil die Älteren das aus der Lebenserfahrung schon kennen, weiß Bruschke. Fazit: „Musizieren ist ein permanenter Lernprozess, der aber viel Freude bereitet“, findet er. Und Peter Müller stellt fest: „Das Alter taucht in meinen Überlegungen gar nicht auf – es ist also in diesem Zusammenhang vollkommen unwichtig!“

Zum Artikel

Erstellt:
3. Februar 2020, 00:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 49sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.