„Es ist zum Heulen“

Rastatt (as/sawe/sl/dm) – Der Albtraum ist wahr geworden, ganze Branchen, Vereine, der Kulturbetrieb werden am Montag wieder in den Corona-Lockdown geschickt. Reaktionen von Betroffenen in Rastatt.

Trotz „Schneewittchenhaube“ wie bei „La Belle“: Kosmetikstudios müssen schließen. Foto: Christine Trieloff

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Trotz „Schneewittchenhaube“ wie bei „La Belle“: Kosmetikstudios müssen schließen. Foto: Christine Trieloff

„Es ist zum Heulen“, beschreibt Christine Trieloff, Inhaberin des Kosmetikinstituts „La Belle“ in Rastatt, ihren Gemütszustand.
Schon beim Lockdown im Frühjahr musste sie vier Wochen schließen, dann gelang dank eines ausgeklügelten Hygienekonzepts mit Erlaubnis des Ordnungsamts der Neustart. Dazu gehört, dass bei ihr die Einzelbehandlung in vier großen Räumen möglich ist, die alle belüftet werden können. „Es befinden sich immer nur eine Kundin und eine Arbeitskraft im Raum“, erläutert Trieloff. Durch Einzelterminvereinbarung können Begegnungen vermieden werden. Zudem tragen bei Fußpflege und Maniküre Kundschaft und Behandelnde Mund-Nasen-Schutz. Einweghandschuhe sind sowieso obligatorisch, genau wie die Sterilisation aller verwendeten Geräte und die Handdesinfektion.

Für Kosmetikbehandlungen hat Trieloff zum Neustart im April zudem zwei Plexiglasvorrichtungen angeschafft, die sie selbst „Schneewittchenhaube“ nennt. Diese werden der Kundschaft über Kopf- und Brustbereich gestülpt, seitlich sind Eingriffe für die Kosmetikerin, die trotzdem noch Mund-Nasen-Schutz oder Gesichtsvisier trägt.

„Viele werden das nicht überstehen“

Umso unverständlicher ist für sie nun der angeordnete Lockdown für ihre Branche, den sie im Vergleich beispielsweise zu Friseuren als Ungleichbehandlung empfindet. „Viele werden das nicht überstehen“, befürchtet die 52-Jährige, auch wenn das angekündigte Hilfspaket ihr diesmal passgenauer erscheint. „Aber ich denke positiv“, betont sie. Bis zum Wochenende behandelt sie als medizinische Fußpflegerin nun vor allem noch alle „Problemfälle“. Dann wird sie sich Gedanken machen, wie man dennoch den Kundenkontakt pflegen kann.

„Es ist es schon ein Schlag, dass die Zukunft schon wieder mit einem Lockdown beginnt“, sagt Brigitta Lenhard. Foto: Frank Vetter

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„Es ist es schon ein Schlag, dass die Zukunft schon wieder mit einem Lockdown beginnt“, sagt Brigitta Lenhard. Foto: Frank Vetter

Die Zukunft beginnt mit einem Lockdown

„Es ist eine Katastrophe“, meint Brigitta Lenhard, Inhaberin des „Gymnasion“ in Rastatt. Niemals hätte sie gedacht, dass es noch einmal einen deutschlandweiten Lockdown geben würde. Den neuen Kursplan, der am Donnerstag druckfrisch geliefert wurde, könne sie gerade wieder in die Tonne kloppen. Seitdem das Fitness- und Gesundheitscenter nach dem ersten Lockdown wieder öffnen durfte, werde dort eine strenge Hausdisziplin unter anderem mit Maskenpflicht in vorgegebenen Laufrichtungen umgesetzt. Gerade im Hinblick auf Corona und die Zukunft sei auch beim Umbau im Haus mehr gemacht worden, aktuell läuft der Umbau im Herrenbereich, der bis Weihnachten fertig sein soll. Die Gesamtinvestition wird sich am Ende auf rund eine Million Euro summieren. Es sei sehr anstrengend, ein solches Großprojekt im Corona-Jahr zu stemmen. „Man soll sich ja antizyklisch verhalten und für die Zukunft rüsten, da ist es schon ein Schlag, dass die Zukunft schon wieder mit einem Lockdown beginnt. Aber der Umbau ist die richtige Entscheidung. Das hat auch das Feedback gezeigt“. Allerdings wirkt sich die Pandemie auch auf die Mitgliederzahlen aus. In Fitnessstudios gebe es immer Fluktuationen. Im Corona-Jahr hätten sich aber mehr ab- und weniger neu angemeldet als in den Vorjahren. Und gerade als wieder mehr Anmeldungen kamen, wurde die vorübergehende Schließung beschlossen. Lenhards größte Befürchtung ist es, dass der Lockdown verlängert werden könnte. „Das Loch, das werden wir wahrscheinlich noch die nächsten zwei Jahre durchschleifen müssen. Deshalb ist jede Hilfe, die jetzt kommt, bitter nötig.“

„Wir nehmen es hin, wie es ist“

Beim Amateurtheater Ensemble 99 wiederum hatte man sich schon sehr auf die für 12. November angekündigte Premiere von Georg Büchners „Lenz“ in einer Bearbeitung von Harald Hemprich in der Reithalle gefreut. Jetzt spricht der Rastatter Regisseur und Dramatiker von einer „Riesenenttäuschung“, zumal Theater aus seiner Sicht beim Infektionsgeschehen eigentlich nicht besonders problematisch ist.

Das vom städtischen Eigenbetrieb Kultur und Veranstaltungen entwickelte Hygienekonzept sei ausgefeilt und auch vom Ordnungsamt abgesegnet gewesen. Doch nun sind Theateraufführungen selbst mit Maske und Abstand nicht mehr möglich. „Wir können ja nicht einmal proben“, gibt Hemprich zu bedenken: Zwar habe das Stück nur sieben Akteure, doch sie leben in fünf verschiedenen Haushalten. Der Frust im Liebhaberensemble ist groß, doch Hemprich denkt auch an jene Bühnenkünstler, die anders als die Mitwirkenden des Ensembles 99 von der Schauspielerei leben. Die Premiere des „Lenz“ ist auf den 28. Januar vertagt.

Verwaiste Anlage: Das sportliche Vereinsleben wird in den kommenden Wochen komplett heruntergefahren. Foto: Frank Vetter

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Verwaiste Anlage: Das sportliche Vereinsleben wird in den kommenden Wochen komplett heruntergefahren. Foto: Frank Vetter

Beim RTV, Rastatts größtem Sportverein, stand das Telefon am Donnerstag nicht still. „Wir nehmen es hin, wie es ist“, sagt Geschäftsführer Mathias Reiche. Zwar gibt es noch keine neue Corona-Sportverordnung, doch Stand jetzt werden die Sportanlagen in Rastatt am Montag komplett gesperrt. „Wir informieren jetzt Mitglieder und Eltern“, so Reiche. Die Sache diszipliniert und gemeinschaftlich durchstehen, laute das Motto. Bereits der erste Lockdown hatte sich massiv aufs Vereinsleben ausgewirkt, mehr als 120 Mitglieder habe der RTV verloren und durch Corona insgesamt Mindereinnahmen im fünfstelligen Bereich zu verzeichnen. Ein „Chapeau“ spricht Reiche in diesem Zuge all denen aus, die der Vereinslandschaft in diesen Zeiten die Treue halten. Schlimm fände er eine Gesellschaft, in der jeder sein Ego in den Vordergrund stellt.


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