„Es kann nur noch schlechter werden“

Bühl (ket) – Im BT-Interview spricht Bisons-Manager Oliver Stolle über den Sieg gegen Berlin, die Tabellenführung und Corona.

So jubeln Bundesliga-Tabellenführer: Die Bühler Mannschaft während des Spiels. Foto: Seiter

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So jubeln Bundesliga-Tabellenführer: Die Bühler Mannschaft während des Spiels. Foto: Seiter

Stell dir vor, die Bundesliga-Volleyballer des TV Bühl werden Tabellenführer – und keiner hat dabei zugesehen. Am Samstag, beim sensationellen 3:1-Sieg der Bisons über den deutschen Meister Berlin Volleys, ist genau dies geschehen. BT-Sportredakteur Frank Ketterer sprach darüber mit Bisons-Manager Oliver Stolle.

BT: Herr Stolle, der TV Bühl ist Tabellenführer der Volleyball-Bundesliga. Haben Sie schon einen Rahmen gekauft?

Oliver Stolle: Nein. Aber ich bin gerade dabei, meine Kündigung zu schreiben. Wenn man am Zenit seiner Karriere angekommen ist, kann es nur noch schlechter werden. Das heißt: Man muss sofort aufhören. Nach dem 3:1 gegen Berlin ist genau dieser Fall eingetreten. Aber mal Spaß beiseite und zurück zu Ihrer Frage: Nein, ich habe nichts gekauft, um die aktuelle Tabelle einrahmen zu können.


BT: Standen die Bisons überhaupt schon einmal auf Platz eins in der Bundesliga?

Stolle: Ja. Das hatten wir schon mal. Da hatten wir unser Saisoneröffnungsspiel mit 3:0 gewonnen und alle anderen nur mit 3:1. Aber fragen Sie mich bitte nicht, wann das war.

BT: Das Bittere am 3:1-Erfolg gegen Berlin am Samstag ist, dass kein Zuschauer ihn gesehen hat. Wie sehr trübt das die Freude?

Stolle: Natürlich ist das extrem bedauerlich. Zumal ich mir gut vorstellen kann, was in der Halle losgewesen wäre, hätten Zuschauer dabei sein können. Ich glaube, wir hätten die Leute nachts um drei noch nicht aus der Halle gekriegt, weil sie immer noch gefeiert hätten. Das ist uns durch das Virus verwehrt geblieben – und das ist mehr als schade. Aber wir können es nicht ändern, sondern müssen damit leben, auch weiterhin.

BT: Berlin war sagenhafte 545 Tage ungeschlagen, also quasi unschlagbar. Wie konnten die Bisons diese Mannschaft dennoch besiegen?

Stolle: Natürlich haben unsere Jungs eine tolle Motivation gezeigt. Und ich glaube, dass das auch der große Unterschied zur Mannschaft der vergangenen Saison ist. Selbst wenn ein Fehler passiert, haben die Jungs ein gesundes Selbstvertrauen und halten als Mannschaft zusammen. Sie haken einen Fehler einfach ab und konzentrieren sich auf den nächsten Punkt. Hinzugekommen ist, dass wir die Mannschaft natürlich darauf eingestellt hatten, dass sie auch Berlin schlagen kann, schließlich standen wir schon letzte Saison in eigener Halle vor dem Punktgewinn und haben im vierten Satz mit 24:21 geführt. Von daher wussten wir, dass wir auch die prinzipiell schlagen können. Das haben wir diesmal getan, auch weil wir uns unserer Stärken bewusst waren und trotzdem unbeschwert aufgespielt haben.

BT: Auch Friedrichshafen, die zweite deutsche Übermannschaft der letzten Jahre, hat am Wochenende verloren. Wie sehr haben diese beiden Niederlagen der Branchenführer mit Corona zu tun? Hat die Krise die Kluft zwischen oben und unten kleiner gemacht?

Stolle: Ich denke schon. Denn eines ist doch klar: Die guten Spieler kosten Geld, weshalb man sie sich nur leisten kann, wenn man ein entsprechendes Budget hat. Das haben wir nicht. Deshalb können wir uns auch diese Hochkaräter nicht leisten. Auf der anderen Seite muss man ganz klar sagen: Wir sind immer noch am Anfang der Saison, was auch heißt: Alle Mannschaften sind noch immer ein bisschen in der Findungsphase. Da können solche Lucky-Punches schon mal vorkommen.

Oliver Stolle. Foto: Martin/Bisons

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Oliver Stolle. Foto: Martin/Bisons

BT: Die Corona-Krise hat sich bei den Bisons vor allem in der Größe des Kaders niedergeschlagen, der einer der kleinsten der Liga ist.

Stolle: Stimmt. Wir haben mit nur neun professionell bezahlten Spielern sicherlich den kleinsten Kader und damit auch eines der schmalsten Budgets der Liga.

BT: Wie sehr könnte dies im weiteren Saisonverlauf noch zum Problem werden, beispielsweise bei Verletzungen?

Stolle: Natürlich ist das ein Problem. Am Samstag hat sich beispielsweise Alpar Szabo verletzt. Er wird am Mittwoch gegen Unterhaching wahrscheinlich nicht auflaufen können, und wir werden auf unsere Youngster zurückgreifen müssen, die zwar gut sind, aber natürlich noch kein Bundesliganiveau haben. Wenn sich so eine Verletzung mal über vier, fünf Wochen hinziehen sollte, schwächt uns das natürlich. Dann geht so ein Spiel wie jenes gegen Berlin auch mal ganz schnell anders aus.

BT: Wie wichtig ist bei der aktuellen Corona-Gemengelage ein Sieg wie jener gegen Berlin, gerade im Hinblick auf Sponsoren?

Stolle: Das wird sich zeigen. Die Sponsoren, die unsere wichtigste wirtschaftliche Säule sind, freuen sich natürlich über Siege wie den am Samstag. Andererseits muss man sehen, dass sie für eine bestimmte Leistung bezahlen, wie zum Beispiel Werbung, Catering, gemütliches Beisammensein. All das findet derzeit nicht statt. Inwieweit „nur“ ein sportlicher Erfolg den Sponsoren genügt, um weiterhin Sponsor zu bleiben, obwohl sie eigentlich die bezahlte Leistung nicht konsumieren können, wird sich erst im Laufe der Saison zeigen.

BT: Gleich die ersten beiden Partien der Bisons mussten abgesagt werden. Auf welch dünnem Eis bewegt sich der Ligabetrieb?

Stolle: Auf sehr dünnem. Wir können nur hoffen, dass wir weiterhin keine positiven Fälle haben – und nicht in Quarantäne müssen. Wenn noch mehr Spiele wegen positiver Fälle und Quarantäne ausfallen, wird es eng, den Spielbetrieb wie geplant aufrecht zu erhalten.

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Erstellt:
2. November 2020, 21:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 38sec

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