Es waren Rastatter, die verschleppt wurden

Rastatt (sl) – Eine Sonderausstellung über Judendeportation nach Gurs ist zurzeit im Stadtmuseum Rastatt zu sehen. Die Exponate lassen die Ereignisse von damals ganz nah erscheinen.

Auf einem Plan der Rastatter Innenstadt lässt sich nachvollziehen, wo Juden lebten, die 1940 abgeholt wurden. Vor den Häusern liegen heute Stolpersteine. Foto: Frank Vetter

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Auf einem Plan der Rastatter Innenstadt lässt sich nachvollziehen, wo Juden lebten, die 1940 abgeholt wurden. Vor den Häusern liegen heute Stolpersteine. Foto: Frank Vetter

Ziemlich weit weg erscheint den Nachgeborenen 80 Jahre später das Leid jener Menschen, die 1940 aus dem deutschen Südwesten ins französische Lager Gurs deportiert wurden. Und dann steht man plötzlich im Rastatter Stadtmuseum vor einem großen Stadtplan mit dem bekannten Straßenmuster der Barockstadt, um zu erkennen: Die abtransportierten Juden wohnten vielleicht direkt in deiner Nachbarschaft. In derselben Straße, im selben Haus sogar. Da ist Geschichte plötzlich ganz nah.
Rastatt ist nicht die einzige Stadt in Baden, die zurzeit eine vom Haus der Wannseekonferenz Berlin erstellte Wanderausstellung über die Deportation südwestdeutscher Juden nach Gurs in der Zeit der Naziherrschaft zeigt. Doch hier haben sie zwei neue Mitarbeiter des Fachbereichs Museen mit Dokumenten aus dem Stadtarchiv erweitert, die von den Ereignissen in Rastatt selbst erzählen. Eine klare Aufwertung ist den Historikern Christian Fäßler vom Stadtarchiv und Chris Hirtzig vom Stadtmuseum da gelungen. Denn je weniger Hochbetagte es gibt, die noch aus eigenem Erleben von der Zeit der Naziherrschaft berichten können, desto abstrakter wird die Erinnerung.

Viele sterben an Lagerbedingungen

Fotos, Briefe und andere Dokumente aus Papier können die Begegnung mit Zeitzeugen zwar nicht ersetzen. Aber sie zeigen, dass es auch in Rastatt Opfer, Täter und Profiteure gab. Dass die Stadtverwaltung selbst Schuld auf sich geladen hat, wird ebenfalls nicht verschwiegen.

Am 22. und 23. Oktober 1940 wurden Tausende Juden aus Baden, der Pfalz und dem Saarland in den unbesetzten Teil Frankreichs verschleppt. Mehr als 1.000 starben dort an den katastrophalen Lagerbedingungen in Gurs am Fuß der Pyrenäen, einigen gelang die Flucht, viele wurden später in die Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau und Sobibor transportiert, um dort ermordet zu werden.

Probelauf für spätere Deportationen

Der Verschleppung nach Gurs kam eine besondere Bedeutung zu, berichtet Christian Fäßler im Pressegespräch, denn sie war eine Art Probelauf für die späteren Deportationen nach Osten. 30 Rastatter Juden teilten das Schicksal der Verschleppten. Wie sich an den Einwohnermeldekarten im Rastatter Stadtarchiv nachweisen lässt, sind nur drei nach dem Krieg in ihre Heimatstadt zurückgekehrt.

Wer sich neben der Tafelausstellung im Stadtmuseum auch den Raum mit den Exponaten aus dem Rastatter Stadtarchiv ansieht, kann eigentlich nur den Kopf schütteln. Es wird klar: Um 1900 waren Juden ein integrierter Bestandteil der Bürgerschaft. 40 Jahre später wurden sie abtransportiert und ermordet. Sie waren Händler, Anwälte, Ärzte, übten Funktionen in Vereinen aus, erzählt Chris Hirtzig. Die Stimmung begann nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg zu kippen. In der Zwischenkriegszeit kursieren auch in Rastatt, wo wirtschaftlich Not herrschte, antisemitische Hetzschriften, die typische Vorurteile gegenüber Juden transportierten.

Bewegender Nachlass von Salomon Kuppenheimer

Besonders bewegend ist die Vitrine mit Gegenständen aus dem Nachlass von Salomon Kuppenheimer, weil sie beispielhaft und zugleich persönlich sind. In Kuppenheim geboren, zog Kuppenheimer 1890 nach Rastatt und starb 1944 im französischen Lager Montélimar. Militärpass und Mitgliedsausweise erzählen von einem zuvor eingebundenen Mitglied der Gesellschaft, Ein großes J für „Jude“ in einem Ausweisdokument berichtet von der Ausgrenzung und ein jüdisches Gebetbuch mit Notizen aus der Gefangenschaft sowie ein Brief an den französischen Präfekten vom grausigen Schicksal, das folgte. Es handelt sich um Stücke, die noch nie öffentlich ausgestellt wurden, betont Stadtarchivar Oliver Fieg. Schon Anfang der 1990er Jahre zeigte das Stadtmuseum eine Sonderausstellung über Rastatt im „Dritten Reich“. Damals meldeten sich einige Nachfahren jüdischer Rastatter, auch aus Frankreich und den USA. Ihnen war nicht entgangen, dass die Stadt verantwortungsvoll mit dem historischen Erbe umgeht, und boten deshalb Stücke aus den Nachlässen ihrer Vorfahren an, die so wieder in das Land der Täter zurückgelangten.

Das große J in diesem Ausweis steht für „Jude“. Salomon Kuppenheimer war einer der Rastatter, die deportiert wurden und in einem Lager starben.Foto: Frank Vetter

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Das große J in diesem Ausweis steht für „Jude“. Salomon Kuppenheimer war einer der Rastatter, die deportiert wurden und in einem Lager starben.Foto: Frank Vetter

Nachbarn reißen sich Hab und Gut unter den Nagel

Die Ausstellung wendet den Blick aber auch auf die Profiteure der Judendeportation. Sie zeigt Dokumente, die belegen, mit welcher Gier sich auch Rastatter das Hab und Gut der Verschleppten unter den Nagel rissen. Es gab ein Vorkaufsrecht für Beamte, das der damalige Landrat am 20. November 1940 zurücknahm, weil die kommunalen Mitarbeiter „wie die Hyänen“ über das Eigentum der abtransportierten Mitbürger hergefallen seien. Das fiel ihm auf, obwohl er selbst durchaus kein Gegner der Maßnahmen war, wie Hirtzig berichtet. Den entsprechenden Brief kann man in einer Vitrine der Ausstellung finden.

Eine kraftvolle künstlerische Äußerung zu den Ereignissen der Pogromnacht 1938, zwei Jahre vor der Deportation, sind die Holzschnitte des 2005 verstorbenen Rastatters Dieter Klumpp. Als Hansjakob-Schüler hatte er die sogenannte „Reichskristallnacht“ in Rastatt miterlebt, als auch die Synagoge niedergebrannt wurde. Sie ist als Holzmodell in der Ausstellung zu sehen. Gegen Ende seines Lebens beschäftigten die Kindheitserinnerungen den Künstler Klumpp noch so sehr, dass er eine ganze Serie von Holzschnitten anfertigte und dem Museum zur Verfügung stellte. Sie sind, abgesehen von Fotos der abgebrannten Synagoge, die einzigen Bilddokumente der Pogromnacht in Rastatt.

Thema ist gerade hochaktuell

Chris Hirtzig empfiehlt die Ausstellung ganz besonders für Schulklassen, gerade auch vor dem immer wieder aufflammenden Antisemitismus, der sich aktuell wieder in der Gesellschaft zeigt. Auschwitz liege weit weg, aber auch Rastatt könne von der Zeit der Judenverfolgung erzählen. Zum Beispiel mithilfe des erwähnten Stadtplans, auf dem alle Häuser markiert sind, vor dem inzwischen Stolpersteine liegen.

Die Ausstellung läuft bis zum 17. Oktober, wird eventuell noch auf den 81. Jahrestag der Verschleppung verlängert, wie Oberbürgermeister Hans Jürgen Pütsch angeregt hat. Auch er legt den Rastattern aus aktuellem Anlass und angesichts des Rechtsrucks in der Gesellschaft den Besuch ans Herz.

Ihr Autor

BT-Redakteur Sebastian Linkenheil

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Erstellt:
14. Juni 2021, 11:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 49sec

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