Essen wir schon bald Fleisch aus dem Labor?

Karlsruhe (nad) – Seit Jahren forschen Wissenschaftler an In-vitro-Fleisch und verfolgen dabei große Ziele: Die visionäre Technologie soll künftig Massentierhaltung ersetzen und das Klima schonen.

Der erste Burger aus der Petrischale wurde 2013 vom Unternehmen Mosa Meat präsentiert. Foto: David Parry/Handout/dpa

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Der erste Burger aus der Petrischale wurde 2013 vom Unternehmen Mosa Meat präsentiert. Foto: David Parry/Handout/dpa

Die weltweite Fleischproduktion nimmt stetig zu, die Folgen davon sind mittlerweile kein Geheimnis mehr – Massentierhaltung ist ein Klimakiller. Doch Forscher geben mit einer visionären Technologie Hoffnung: Fleisch aus dem Labor. Ist das sogenannte Clean Meat die Lösung, um den globalen Fleischhunger zu stillen und gleichzeitig die Umwelt zu entlasten?

Zumindest werben Start-ups, die an Methoden zur Herstellung von In-vitro-Fleisch (Latein für „im Glas“) tüfteln, offensiv mit Versprechen, mit ihren Produkten die Umwelt zu schützen, vielleicht sogar zu retten. „Ein nächster Schritt, der für uns alle – und den Planeten – schonender ist, ohne dass wir auf Geschmack verzichten müssen“, heißt es beispielsweise ins Deutsche übersetzt auf der Homepage des niederländischen Unternehmens Mosa Meat, welches 2013 den weltweit ersten Burger aus dem Labor präsentierte. Auch AlephFarm aus Israel gibt den Besuchern ihrer Internetseite mit ihren englischen Slogans das Gefühl, dass Laborfleisch gut für das Klima sei und man endlich Fleisch essen könne, ohne dabei ein schlechtes Gewissen haben zu müssen: „Genießen Sie Ihr Steak. Bewahren Sie den Planeten. Eine Win-Win-Situation“(ins Deutsche übersetzt).

Forschungsgruppe am KIT

Von derartigen „Heilversprechen“, wie es Technik-Philosophin Silvia Woll nennt, hält die Karlsruherin nicht viel. Sie war zwei Jahre lang Teil der Forschungsgruppe „Visionen von In-vitro-Fleisch“ am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), die sich von 2015 bis 2017 ausführlich mit den Chancen und Problemen der Technologie auseinandergesetzt hat. Woll sieht Clean Meat nicht als die einzige Lösung, um die Ernährung nachhaltig zu gestalten. „Die nachhaltigste Lösung wäre immer noch, wenn die Menschheit sich vegetarisch, vielleicht sogar vegan, ernähren würde“, kritisiert sie das öffentliche Bild, das Verbraucher durch Werbespots- und Slogans von In-vitro-Fleisch bekommen – denn es werde als „Weltretter“ dargestellt. Sie hält die Versprechen, dass kultiviertes Fleisch die Umwelt schonen werde, für fragwürdig. Schließlich „steckt die Technologie noch in den Kinderschuhen“, und Forscher stünden vor der Herausforderung, nur mit „Vermutungen und Schätzungen“ rechnen zu können. Bei der Frage, wie sich die Massenproduktion von Laborfleisch auf die Umwelt auswirken wird, ist vor allem ausschlaggebend, wie zu diesem Zeitpunkt Energie hergestellt wird. „Wenn wir es wirklich schaffen, grüne Verfahren zu haben, die eine deutlich geringere Umweltbelastung mit sich bringen, dann ist In-vitro-Fleisch ein Gewinn in dieser Hinsicht“, betont Woll im BT-Gespräch. „Und wenn wir es bis dahin nicht geschafft haben, dann eben nicht – daran wird sich das entscheiden.“

Trotz vieler Unsicherheiten und noch zu bewältigenden Hürden ist der Hype um die Zukunftsvision groß: Erst kürzlich wurde bekannt, dass der Schauspieler Leonardo DiCaprio in Mosa Meat und AlephFarm investiert hat. „Einer der wirkungsvollsten Wege im Kampf gegen die Klimakrise ist, unser Lebensmittelsystem zu verändern“, wird DiCaprio in einer Mitteilung der beiden Unternehmen zitiert.

Die Zukunft der Fleischindustrie? Eine saubere Laborproduktion könnte die Umwelt entlasten. Foto: Innocent Meat

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Die Zukunft der Fleischindustrie? Eine saubere Laborproduktion könnte die Umwelt entlasten. Foto: Innocent Meat

Auch bis dato einige wenige deutsche Start-ups wollen ein Stück vom (Fleisch-)Kuchen abbekommen und beteiligen sich an der Entwicklung von massentauglicher Produktion des gezüchteten Fleischs. So beispielsweise das Rostocker Unternehmen Innocent Meat (Englisch für „Unschuldiges Fleisch“). Das Unternehmen will seinen Kunden ein automatisiertes System zur Produktion von Fleisch anbieten, erklärt Geschäftsführerin und Mitbegründerin, Laura Gertenbach, im Gespräch mit dem BT. Die 37-Jährige wuchs als Kind von Landwirten auf, half ihren Eltern schon immer viel bei deren Tätigkeiten und hatte später dann ein Fleischgeschäft im Biosegment.

„Es liegt sicherlich so ein bisschen an meinem Background“, antwortet Gertenbach auf die Frage, weshalb sie an In-vitro-Fleisch forschen will. Denn der schon frühe Bezug zu Fleisch habe ihr gezeigt, wie aufwendig dessen Herstellung ist. Ihrer Meinung nach muss die traditionelle Tierhaltung- und Schlachtung ersetzt werden, um Fleisch wieder bedenkenlos genießen zu können. Aktuell sind mit ihr und Mitbegründer Patrick Nonnenmacher fünf Personen für Innocent Meat tätig, Neueinstellungen seien für nächstes Jahr geplant. „Schritt für Schritt“ will das Unternehmen die passende Software und biologischen Komponenten entwickeln, um künftig seinen Kunden – darunter laut Gertenbach Fleischverarbeiter und fleischproduzierende Supermärkte – eine Laborherstellung in großem Stil zu ermöglichen.

Viele bürokratische Hürden

Das passiert natürlich nicht von heute auf morgen und gerade in Deutschland und der Europäischen Union gibt es der Rostockerin zufolge viele bürokratische Hürden, die es vor der Marktzulassung noch zu meistern gilt. Ihrer persönliche Einschätzung nach wird man das Laborfleisch zuerst auf dem asiatischen Markt im Alltag konsumieren können. „Singapur ist da Vorreiter“, sagt Gertenbach, schließlich stehen dort bereits Chicken Nuggets vom kalifornischen Start-up Eat Just auf der Speisekarte eines Restaurants. „Als zweiten großen Kandidaten sehe ich die USA.“ Sie kann sich gut vorstellen, dass die amerikanischen Start-ups „vorpreschen“ und Clean Meat dort bereits Ende 2022/ Anfang 2023 zugelassen werden könnte. Europa wird erst später folgen, so Gertenbach, es blockiere sich „mit allen innovativen Sachen“.

Doch nicht nur die Marktzulassung stellt noch eine Herausforderung dar, auch die Kosten für die Produktion müssen noch deutlich reduziert werden, damit sich künftig jeder Normalverbraucher In-vitro-Fleisch leisten kann. Zwar verkündete Mosa Meat auf seinem Blog, dass die Herstellungskosten um ein 88-Faches reduziert werden konnten – für die Produktion des ersten Burgers wurden noch 250.000 Euro benötigt – trotzdem muss das Verfahren noch günstiger werden, um wettbewerbsfähige Preise zu erzielen.

Die Organisation The Good Food Institute prognostiziert, dass dies bis 2030 der Fall sein könnte, was Gertenbach für „sehr realistisch“ hält. Ihrer Einschätzung nach könnte das kultivierte Produkt bis dahin mindestens zum gleichen Preis wie geschlachtetes Fleisch angeboten werden, vielleicht sogar schon zu einem günstigeren.

Der Gründer von AlephFarm Didier Toubia möchte künftig auch Steak aus Stammzellen züchten. Foto: Ilia Yechimovich/dpa

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Der Gründer von AlephFarm Didier Toubia möchte künftig auch Steak aus Stammzellen züchten. Foto: Ilia Yechimovich/dpa

Doch wie genau läuft die Herstellung von Laborfleisch eigentlich ab und warum soll das ganze denn deutlich besser für das Klima sein als herkömmliche Haltung und Schlachtung von Tieren? Fest steht: Für technologisch hergestelltes Fleisch aus dem Labor müssen deutlich weniger Tiere gehalten werden. Mit einer Gewebeentnahme von 0,5 Gramm können laut Mosa Meat 80.000 Bratlinge produziert werden. Weniger Tiere bedeutet folglich einen vermutlich geringeren Ausstoß von Treibhausgasen und weniger Wasser- und Landflächenverbrauch.

„Eine Studie des Forschungs- und Beratungsinstituts CE Delft prognostiziert zum Beispiel, dass kultiviertes Fleisch unter Verwendung nachhaltiger Energie gegenüber konventionellem Rindfleisch 95 Prozent weniger Land und 78 Prozent weniger Wasser benötigt“, schreibt Lena Renz von der Ernährungsorganisation ProVeg. Also könnte beispielsweise die Rodung der Regenwälder und Zerstörung wichtiger Lebensräume aufgehalten oder zumindest reduziert werden. Trotzdem sieht ProVeg die pflanzliche Ernährung „eindeutig als Multiproblemlösung“, um der Zerstörung der Umwelt entgegenzuwirken, auch wenn In-vitro-Fleisch eine „geeignete Teillösung für mehr Klimaschutz“ darstellt, so Renz gegenüber dem BT.

Von der Stammzelle zum Burger-Patty

Bei der Laborherstellung von Fleisch werden dem Tier, zum Beispiel einer Kuh, zunächst per Biopsie Stammzellen aus dem Muskelgewebe entnommen. Diese werden dann in eine Nährlösung aus Fetten, Wachstumsfaktoren und anderen Proteinen gelegt, sodass sich die Zellen immer wieder teilen und vermehren. Man könnte sie auch mit weiteren Zusatzstoffen anreichern, etwa mit Omega-3-Fettsäuren, und so einen positiven Effekt auf die menschliche Gesundheit bewirken, erklärt Gertenbach.

Im früheren Stadion der Forschung wurde Blut von Kälberföten als Wachstumsserum benutzt, was auch heute ein „noch hartnäckig verbreiteter Irrglaube“ ist, wie die Rostockerin sagt. Bei Innocent Meat werden stattdessen Ackerpflanzen benutzt. „Wir programmieren Pflanzen so um, dass sie am Ende tierische Proteine herstellen.“ In Bioreaktoren wachsen die Muskelfasern zu Fleisch heran, nach circa zwei bis vier Wochen, so der Forschungsstand heute, könnte das Fleisch fertig sein und in die Supermärkte oder auf den Restaurantteller kommen. Vor allem Gehacktes, denn strukturiertes Fleisch herzustellen, etwa ein Rindersteak, stellt die Wissenschaftler noch vor eine große Herausforderung.

Klingt theoretisch alles erst mal nach der perfekten Lösung, um keine oder deutlich weniger Tiere töten zu müssen. Doch in der Praxis muss das Muskelgewebe toten Tieren entnommen werden, zumindest in Deutschland, wie Gertenbach erklärt. In der EU gelte die Biopsie am lebenden Tier nämlich als Tierversuch. „Also muss ich eine Autopsie machen.“ Aber „eine tote Kuh kann tausenden von Kühen das Leben retten“, verdeutlicht sie den Vorteil von kultiviertem Fleisch gegenüber industrieller Tierhaltung.

Erster Impuls ist oft Ekel

Doch auch wenn es wie Fleisch aussieht, danach riecht und so schmeckt: Die technischen und finanziellen Hürden zur Realisierung der Massenproduktion sind das eine. Die andere wichtige Frage ist, ob die Menschen das Fleisch aus dem Reagenzglas überhaupt annehmen und als Ersatz zum „echten“ Steak anerkennen werden?

„Das muss man alles abwarten“, meint Silvia Woll. Im Rahmen ihrer Forschungsgruppe wurden zwei Diskussionsrunden durchgeführt, bei denen je ein Drittel der Teilnehmer Vegetarier, Veganer und Allesesser waren. „Das war ganz interessant“, erinnert sie sich. Insbesondere bei den Fleischessern war der erste Impuls: „Das ist aber schon ekelhaft“, schließlich stamme das Produkt aus dem Labor und sei künstlich. Als die potentiell positiven Effekte auf Gesundheit, Umwelt und Tierwohl thematisiert wurden, kamen die Teilnehmer dann doch ins Nachdenken und konnten sich schon eher vorstellen, das Fleisch zu probieren.

Technik-Philosophin Silvia Woll beschäftigt sich mit den Chancen und Schwierigkeiten von In-vitro-Fleisch. Foto: Irma Chacall

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Technik-Philosophin Silvia Woll beschäftigt sich mit den Chancen und Schwierigkeiten von In-vitro-Fleisch. Foto: Irma Chacall

In einem Punkt waren sich alle einig: „Ein ganz elementarer Aspekt für alle war, dass sich das Tierwohl verbessern muss“, so Woll. Wenn die Laborherstellung das garantieren könnte, würden vielleicht auch diejenigen, die aus ethischen Gründen auf Fleischkonsum verzichten, Clean Meat in ihren Speiseplan zu integrieren.

Zwar werden laut der Technik-Philosophin noch keine „allzu großen Schritte“ in der Forschung gemacht, aber „es fängt an, zu rollen“. Deshalb kann sie sich gut vorstellen, wieder eine Forschungsgruppe am KIT zu initiieren. Idealerweise, wenn In-vitro-Fleisch dann zugelassen wird – „quasi von der Zukunftsvision in die Realität“. Die Vegetarierin findet die Thematik sehr spannend, denn „Ernährung gehört zu den wenigen Dingen, die uns wirklich alle betreffen“.

Ihr Autor

BT-Volontärin Natalie Dresler

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Erstellt:
4. November 2021, 07:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 5min 57sec

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