Ex-MiRO-Chef kämpft für die Rosneft-Raffinerie

Karlsruhe/Schwedt (BNN) – Ralf Schairer ist neuer Chef der russisch-kontrollierten PCK in Schwedt. Was zog den Ex-Chef der Karlsruher MiRO zu der Rosneft-Raffinerie?

Ralf Schairer in seiner Zeit als Chef der Großraffinerie MiRO in Karlsruhe: Für PCK will er „sein Bestes“ geben. Foto: Andrea Fabry/Archiv

Ralf Schairer in seiner Zeit als Chef der Großraffinerie MiRO in Karlsruhe: Für PCK will er „sein Bestes“ geben. Foto: Andrea Fabry/Archiv

Ralf Schairer ist auffällig gut gelaunt für jemand, der gerade den heikelsten Job der deutschen Energie-Branche angetreten hat. Der 57-jährige Schwabe ist seit Anfang April Chef der PCK-Raffinerie in Schwedt. „PCK ist ein großer Name in der Branche und ein sehr geschätztes Unternehmen“, sagt Schairer. Bis August 2020 hatte er die MiRO-Raffinerie in Karlsruhe geleitet.

Jetzt also Schwedt an der Oder. Wer in Berlin oder Brandenburg zur Tankstelle fährt oder Heizöl ordert, hat zu 90 Prozent ein PCK-Produkt im Tank. Seit 1963 wird bei PCK („Petrol-Chemisches Kombinat“) russisches Rohöl aus der Druschba-Trasse zu Kraftstoffen verarbeitet. „Druschba“ bedeutet Freundschaft. Der Name beschreibt das größte Problem von Ralf Schairer. Denn von deutsch-russischer Freundschaft kann derzeit keine Rede sein.

„Meinen Vertrag hatte ich Anfang des Jahres unterschrieben. Seither haben sich die Ereignisse überschlagen“, sagt Schairer. Mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine am 24. Februar änderte sich auch für die ostdeutsche Raffinerie die Geschäftsgrundlage.

Von „Krieg“ will man bei der Rosneft-Tochter lieber nicht sprechen

Vom „Krieg“ will man bei PCK allerdings nicht sprechen. Man bevorzuge das Wort „Konflikt“, erläutert eine Pressesprecherin am Telefon. Sie hat offenbar das „Fake-News-Gesetz“ im Blick, das der russische Machthaber Wladimir Putin Anfang März unterzeichnete. Es sieht drakonische Strafen für jene vor, die Putins vermeintliche „Spezialoperation“ einen Krieg nennen.

Allerdings gilt dieses Gesetz nur in Russland. Andererseits gehört die PCK-Raffinerie zum Großteil dem russischen Staatskonzern Rosneft. Im vergangenen November übte Rosneft ein Vorkaufsrecht auf den Erwerb von Shell-Anteilen aus. Zwei Tage vor dem Ukraine-Einmarsch genehmigte das Bundeskartellamt den Deal. Demnach hätte Rosneft 92 Prozent der PCK-Anteile, was allerdings noch vorbehaltlich eines Investitionsprüfungsverfahrens des Bundeswirtschaftsministeriums ist.

An der MiRO ist die Deutschland-Tochter von Rosneft mit 24 Prozent beteiligt. Zuletzt kamen 14 Prozent des in Karlsruhe verarbeiteten Rohöls aus Russland. Foto: Rake Hora/BNN

An der MiRO ist die Deutschland-Tochter von Rosneft mit 24 Prozent beteiligt. Zuletzt kamen 14 Prozent des in Karlsruhe verarbeiteten Rohöls aus Russland. Foto: Rake Hora/BNN

Rosneft als Anteilseigner: An der Mineraloelraffinerie Oberrhein GmbH & Co. KG (MiRO) ist die Deutschland-Tochter des russischen Öl- und Gaskonzerns Rosneft mit 24 Prozent beteiligt. Zuletzt kamen 14 Prozent des in Karlsruhe verarbeiteten Rohöls aus Russland.

Rosneft als Anteilseigner: An der Mineraloelraffinerie Oberrhein GmbH & Co. KG (MiRO) ist die Deutschland-Tochter des russischen Öl- und Gaskonzerns Rosneft mit 24 Prozent beteiligt. Zuletzt kamen 14 Prozent des in Karlsruhe verarbeiteten Rohöls aus Russland. Foto: Rake Hora

Ralf Schairer hatte schon von 2015 bis 2020 als Geschäftsführer der größten deutschen Einzelraffinerie MiRO in Karlsruhe Berührungspunkte zu den Russen. Die haben ihr Engagement auch bei MiRO verstärkt, nachdem Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder 2017 als Aufsichtsratsvorsitzender von Rosneft installiert wurde. Derzeit ist Rosneft Deutschland mit 24 Prozent in Karlsruhe beteiligt.

Ein Ölembargo hätte für ostdeutsche Raffinerie große Konsequenzen

Als MiRO-Chef war Schairer im November 2018 mit einer Delegation des Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft bei Putin im Kreml. Dabei traf er auch Rosneft-Boss Igor Sotschin.

Viel über die Russen reden, das will Schairer derzeit öffentlich nicht. Er räumt aber ein: „Jetzt schon sicher ist, dass die Interaktion mit der Politik deutlich stärker sein wird, als in allen meinen vorherigen Jobs.“ Denn die Signale werden immer besorgniserregender aus PCK-Sicht. Politiker wie der badische Unionsfraktionsvize Andreas Jung fordern nach dem Kohle-Embargo auch beim Erdöl einen schnellen Import-Stopp.

Für den Standort hätte das wohl existenzielle Konsequenzen, signalisiert Schairer und wirkt gar nicht mehr so aufgeräumt. Die Anlagen seien nun mal auf das Russen-Rohöl konfiguriert. Falle die Druschba aus, lasse sich das kaum kompensieren. Zuletzt sei man 2019 für vier Wochen auf die Ölleitung aus Rostock ausgewichen, weil die Druschba mit Chloriden verseucht war. Damals habe man aber noch russisches Öl von Schiffen zukaufen können.

Als Manager in Abu Dhabi Erfahrung mit Stellenabbau gesammelt

Auch die Eigentumsverhältnisse in Schwedt könnten noch Probleme bereiten. Nachdem Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) Anfang der Woche Gazprom Germania unter die Verwaltung der Bundesnetzagentur stellte, geht auch in Brandenburg das Wort von der Verstaatlichung um. Landwirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD) erklärte der ARD, es wäre wünschenswert, wenn der größte Arbeitgeber der Uckermark nicht mehr in russischer Hand wäre. Habeck nannte die Rosneft-Mehrheitsbeteiligung ein Damoklesschwert.

Raffinerie-Leiter Schairer verspricht: „Ich werde mein Bestes geben für diesen Standort und seine Beschäftigten.“ Im schlimmsten Fall hätte der in Welzheim bei Stuttgart aufgewachsene Ingenieur frische Erfahrung mit einem Stellenabbau. Zuletzt war er Senior Vice President beim staatlichen Ölkonzern ADNOC in Abu Dhabi, wo er einen Teilkomplex schließen musste.

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Ihr Autor

BNN-Redakteur Daniel Streib

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Erstellt:
7. April 2022, 07:30 Uhr
Lesedauer:
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