Experten rechnen mit geringeren Inflationsraten

Ettlingen/Pforzheim (BNN) – Die EZB-Direktorin erwartet mittelfristig einen Rückgang der Inflation auf unter zwei Prozent, Verbraucher sind aber trotzdem verunsichert.

Auch Gemüse liegt im Warenkorb, nach dem die allgemeine Inflationsrate bestimmt wird. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

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Auch Gemüse liegt im Warenkorb, nach dem die allgemeine Inflationsrate bestimmt wird. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

An einem Septembertag im Palais Biron in Baden-Baden: Isabel Schnabel weist vor Unternehmern darauf hin, dass die Inflation vor allem von statistischen Effekten getrieben sei. Wenige Wochen später beteuert die EZB-Direktorin gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg, sie erwarte mittelfristig einen Rückgang der Inflation auf unter zwei Prozent.

Viele Verbraucher sind verwirrt

Aber: „Die Unsicherheit über Tempo und Ausmaß des Rückgangs hat zugenommen.“ Kurz danach, im „ZDF Morgenmagazin“, heißt es von ihr, es gebe keine Hinweise auf eine unkontrollierte Inflation.

Viele Verbraucher sind da verwirrt. Unbestrittene Tatsache ist: Die Teuerungsrate hat im November in Deutschland erstmals seit rund 29 Jahren die Fünf-Prozent-Marke geknackt. Exakt sind es 5,2 Prozent. Das ist ein Wort – es beunruhigt die Menschen. Das BT hat dazu Fachleute, auch aus der Region, befragt und Fragen sowie Antworten zusammengestellt.

Experten rechnen mit geringeren Inflationsraten 2022

Wie groß ist die Gefahr, dass es in Deutschland über längere Zeit eine relativ hohe Inflationsrate gibt?
Alle befragten Experten rechnen zumindest im kommenden Jahr mit geringeren Inflationsraten. Jens-Oliver Niklasch von der LBBW – sie hat einen Hauptsitz in Karlsruhe – verweist darauf, dass dann wieder Preise mit identischem Mehrwertsteuersatz verglichen werden können. „Auch für die Energiepreise zeichnet sich ein Nachlassen des dynamischen Anstiegs ab“, sagt er.

Dass die niedrigen Inflationsraten der vergangenen zehn Jahre Geschichte sind, darüber sind sich aber alle Fachleute einig. Chris-Oliver Schickentanz, Chefanlagestratege der Commerzbank, blickt voraus: „Strukturelle Faktoren wie Demografie und Klimaschutz sprechen ab 2024 für strukturell höhere Inflation.“

Wenn die Preise steigen, könnten Gewerkschaften zum Ausgleich höhere Löhne fordern. Wie ist die Einschätzung der Experten, dass dadurch eine Lohn-Preis-Spirale in Gang kommt?
„Die meisten Gewerkschaften zeigen bisher wenig Neigung, auf Inflationsgefahren zu achten. Von dieser Seite wird Druck auf die Arbeitgeber entstehen“, sagt Hanno Beck, der Professor an der Hochschule Pforzheim und Autor von Büchern zum Thema Inflation ist. Je mehr die Arbeitgeber glauben, dass sie erhöhte Löhne auf ihre Preise umlegen können, werden sie aus Becks Sicht den Forderungen der Gewerkschaften nachgehen. „Dann wird die Inflation zunehmen.“
Die befragten Fachleute von LBBW und Commerzbank sind da nicht so pessimistisch. Der Ettlinger Thomas Knapp, Geschäftsführer der von Börsenlegende André Kostolany gegründeten Fiduka-Depotverwaltung GmbH, verweist auf die geplante Anhebung des Mindestlohns, die „sehr wahrscheinlich zu einer Verschiebung des Gehaltsgefüges in den Tariftabellen nach oben führen“ werde.

Psychologischer Effekt nicht zu unterschätzen

Inwiefern ist für die Entwicklung der Inflation entscheidend, ob die Menschen Angst vor ihr haben?
Der psychologische Effekt ist nicht zu unterschätzen. Erwarten die Menschen mehr Inflation, würden sie zunehmend in Vermögensgegenstände wie Aktien, Immobilien oder andere Investments wechseln. „Das könnte dann eine Vermögenspreisblase entstehen lassen“, sagt Beck.
Früher hätten Verbraucher in Erwartung von höherer Inflation Käufe vorgezogen, so Produkte verknappt und die Preise getrieben, erinnert Schickentanz. Aktuelle Umfragen deuten nach seinen Worten aber darauf hin, dass Privathaushalte und Unternehmen in der Pandemie größere Anschaffungen eher aufschieben. „Wir haben also keine hausgemachte Inflation.“
Fiduka-Chef Knapp sagt: „Vielen macht Angst, wenn sie sehen, dass es zu wenig Güter gibt und zu viel Geld – eine gute Voraussetzung für Inflation.“

Waren sind vor allem wegen der Lieferengpässe knapp. Auch diese treiben die Preise. Bleibt das 2022 so?
„Ja!“, antwortet Knapp. „Wer höhere Preise zu zahlen bereit ist, wird als erster bedient – genau dadurch entsteht Inflation.“ Der Wissenschaftler Beck verweist darauf, dass vor allem der Rückgang der Globalisierung Druck auf die Preise ausüben werde.

Preisvergleichen im Internet

Die allgemein bekannte Inflationsrate wird an der Entwicklung des Warenkorbs mit Gütern des täglichen Bedarfs gemessen. Gibt es nicht schon seit vielen Jahren eine enorme Inflation, die Bauherren trifft – wenn es um Immobilien geht?
Das Argument sei nicht von der Hand zu weisen, sagt Beck. „So wird wohl die EZB die Preise für selbstgenutzte Wohnimmobilien mit in die Inflationsrate aufnehmen. Das macht durchaus Sinn.“
„Das stimmt“, pflichtet auch Schickentanz bei. Die gefühlte Inflation sei auch in den vergangenen Jahren hoch gewesen. „Wir haben eben nur keine Güterpreisinflation, sondern eine Vermögenspreisinflation erlebt.“ Jetzt sehe man die zweite Stufe des inflationären Prozesses.

Was raten die Fachleute Verbrauchern, können diese der Inflation zumindest ein Stück weit entkommen?
Knapp rät zu Preisvergleichen im Internet. Man könne Käufe auch verschieben. Investitionen in Sachwerte wie Aktien und Immobilien seien als langfristige Anlage sinnvoll.
„Solange die Inflation nicht ausufert, bieten Sachwerte wie Aktien, Rohstoffe oder Immobilien grundsätzlich einen guten Inflationsschutz“, meint Schickentanz.
Wer der Inflation ausweichen will, müsse Kursrisiken einer Aktienanlage oder einer Immobilie in Kauf nehmen, unterstreicht Niklasch. Von anderen Anlageformen wie Kunst, Wein oder Antiquitäten rät er dem Durchschnittssparer ab. Diese dürften „allenfalls etwas für Experten sein“.
Beck betont, dass „vermeintlich inflationssichere“ Anlagemöglichkeiten wie Aktien oder Immobilien durch die Inflationserwartungen der Bürger bereits sehr teuer seien. Jeder kaufe sie aus Angst vor Inflation. „Insofern besteht die Gefahr, dass man bei der Flucht vor der Inflation in die Falle der Vermögenspreisinflation tappt.“

In eigene Ausbildung investieren

Gibt es vielleicht unkonventionelle Tipps?
Beck hat da einige parat: Erstens rät er, in die eigene Ausbildung zu investieren; das bringe eine gute Rendite. Zweitens empfiehlt er, sich schöne Dinge zu gönnen, „so lange sie noch nicht allzu teuer sind“. Und drittens: „Kaufen Sie Zeit, indem Sie weniger arbeiten oder unliebsame Arbeiten wie Haus- oder Gartenarbeit von Dienstleistern erledigen lassen. Das bringt Ihnen Zeit für die Dinge im Leben, die Ihnen wirklich wichtig sind.

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