Sanierungspflicht für Altbauten: Experten skeptisch

Bühl (BNN) – Verschwinden alle Fachwerkfassaden hinter Styropor? Diese Frage stellt sich, nachdem die EU-Kommission eine energetische Sanierungspflicht für Altbauten gefordert hat.

Nicht wiederzuerkennen: Historische Gebäude werden durch die energetische Fassade völlig verändert. Schöne Details verschwinden unter Styropor. Dieses Haus steht in der Rheinstraße in Bühl. Foto: Ulrich Coenen

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Nicht wiederzuerkennen: Historische Gebäude werden durch die energetische Fassade völlig verändert. Schöne Details verschwinden unter Styropor. Dieses Haus steht in der Rheinstraße in Bühl. Foto: Ulrich Coenen

Bühls Oberbürgermeister Hubert Schnurr (FW), einer der wenigen Rathauschefs in Deutschland mit einem Diplom als Architekt und Stadtplaner, ist skeptisch. „Wie man das bewerkstelligen will, muss sich erst zeigen“, meint er. „Das ist in jedem Fall ein riesiger Verwaltungsaufwand.“ Schnurr fragt nach der wirtschaftlichen Verhältnismäßigkeit. „Was ist mit Hausbesitzern, die sich diese Maßnahmen nicht leisten können?“ sagt der Politiker. Und: „Die Vorschläge aus Brüssel gehen an der Realität vorbei.“

Der OB sieht auch bauphysikalische Probleme: „Ist es wirklich sinnvoll, jeden Altbau zu dämmen? Fachwerkhäuser mit Lehmwickeln müssen atmen können. Der Eingriff in die Bausubstanz kann auf Dauer zu großen Problemen führen.“ Hinzu komme der baukulturelle Aspekt, „wenn alle schönen alten Fassaden hinter einem Wärmedämmverbundsystem verschwinden.“

Eingepackt: Viele Bestandsgebäude werden mit einem Wärmedämm-Verbundsystem ausgestattet, um die Energiebilanz zu verbessern. Ein Beispiel ist dieses Wohnhaus aus den 1960er-Jahren in Achern. Foto: Bernhard Margull

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Eingepackt: Viele Bestandsgebäude werden mit einem Wärmedämm-Verbundsystem ausgestattet, um die Energiebilanz zu verbessern. Ein Beispiel ist dieses Wohnhaus aus den 1960er-Jahren in Achern. Foto: Bernhard Margull

Markus Neppl, Professor für Stadtquartiersplanung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), ist ebenfalls nicht begeistert. „Als ich zuerst von dieser Idee gehört habe, konnte ich es gar nicht glauben“, berichtet er. Für den Architekten ist klar: „Bei einem Bestandsgebäude, das beispielsweise 100 Jahre alt ist, muss man den gesamten Lebenszyklus betrachten. Vor diesem Hintergrund ist die Energiebilanz eines solchen Hauses grundsätzlich sehr gut.“ Neppl betont, dass in Sachen Klimaschutz großer Handlungsbedarf besteht und fordert, das Energiethema nicht dezentral zu begreifen. „Wir brauchen nicht überall Plusenergiehäuser mit sehr viel Gebäudetechnik, die in 15 Jahren bereits überholt ist und erneuert werden muss. Wenn wir alle Altbauten dämmen, ist das eine bauphysikalische und baukulturelle Katastrophe. Gleichzeitig will die EU der Atomkraft das grüne Siegel verpassen“, sagt er.

Auch Urban Knapp, Vorsitzender der Kreisgruppe Baden-Baden/Rastatt/Ortenaukreis des Bundes Deutscher Architekten (BDA), sieht den Vorschlag aus Brüssel kritisch. „Natürlich müssen wir etwas unternehmen“, räumt er ein. „Wie der neue Klimaschutzminister Robert Habeck richtig sagt, sind wir mit unseren CO2-Zielen im Hintertreffen. Es gibt aber in dieser Hinsicht weitere Felder als das Bauen.“

„Wärmedämmverbundsystem ist anfällig“

Knapp weist darauf hin, dass es im Bausektor in den vergangenen Jahren durch das Gebäudeenergiegesetz weitgehende Regulierungen gegeben hat. „Ein Bestandsgebäude aus Ziegeln steht aber, ohne dass man einen Pinsel in die Hand nimmt, mehrere Jahrhunderte und ist bereits deshalb nachhaltig“, meint er. „Eine Fassade mit Wärmedämmverbundsystem ist hingegen anfällig für Schmutz, Sporen, Schimmel und Veralgung und muss alles zehn Jahre mit hochfungiziden Farben gestrichen werden.“

„Dämmung kein Patentrezept

Dämmung sei kein Patentrezept, vor allem nicht vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Klimazonen und baukulturellen Voraussetzungen in Europa. Es kann nicht der Sinn sein, die Altstadt von Siena oder alle Fachwerkdörfer an Rhein und Mosel mit Styropor oder anderen Materialien einzupacken. „Wir brauchen im Bestand intelligente Lösungen für jedes einzelne Objekt“, fordert Knapp. Und: „Dank der staatlichen Zuschüsse rechnet sich das meist sogar.“

Markus Müller ist Präsident der Architektenkammer Baden-Württemberg. Er warnt davor, alle Schwierigkeiten im Zusammenhang mit energetischen Gebäudesanierungen aufzublasen oder kleinzureden. „Wir als Kammer sehen Gebäudedämmung als großes Innovationsthema“, erklärt er. „Natürlich braucht es gestalterische Fähigkeiten und Kompetenz, um vielfältige Themen bei der energetischen Gebäudesanierung adäquat beurteilen zu können. Deshalb ist klar: eine sinnvolle energetische Gebäudesanierung geht nur mit Architekten.“

Müller fordert von der Politik den Mut, in einem „möglichst bald zu verabschiedenden neuen Gebäudeenergiegesetz“ sinnvolle Rahmenbedingungen zu schaffen. „Dazu liegt aus dem Umweltministerium Baden-Württemberg ein Vorschlag vor, den wir als Architektenkammer für hervorragend geeignet halten“, sagt Müller. Im Hinblick auf die Kosten für die Eigentümer stellt er fest: „Wir verstehen soziale Marktwirtschaft so, dass die, die gemeinwohlorientiert handeln, finanziell bessergestellt sein müssen, als die, die sich dem Gemeinwohl entziehen. Deshalb brauchen wir adäquate Förderung.“

Zum Thema

Vorgaben aus Brüssel: Die EU-Kommission fordert eine Sanierungspflicht für Altbauten. Dabei geht es um rund 15 Prozent der Häuser in der Europäischen Union, die gedämmt werden sollen, um den Ausstoß für CO2 zu reduzieren.

Ziele und Kritik: Häuser mit besonders schlechtem Wärmeschutz sollen bereits bis 2027 energieeffizienter werden. Bis 2020 sollen europaweit 35 Millionen Wohngebäude energetisch saniert werden, um die ehrgeizigen Klimaziele zu erreichen. Kritiker befürchten, dass das nicht nur unwirtschaftlich und unsozial ist, sondern auch das Erscheinungsbild der historisch gewachsenen Städte und Dörfer in Mitleidenschaft ziehen wird. (uc)

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Ihr Autor

BNN-Redakteur Ulrich Coenen

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Erstellt:
20. Januar 2022, 14:00 Uhr
Lesedauer:
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