Fachstelle Sucht stark gefordert

Rastatt (sawe) – Soziale Kontakte brachen weg, Suchtkranke griffen häufiger zu Alkohol,Tabak und anderweitigen Drogen: Im Corona-Jahr 2020 war die Fachstelle Sucht in Rastatt stark gefordert.

Wolfgang Langer und seine Stellvertreterin Dr. Martina Rapp in einem Gruppenraum in der Fachstelle Sucht in Rastatt mit Abstand, Maske und vorgegebenen Wegen. Foto: Sabine Wenzke

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Wolfgang Langer und seine Stellvertreterin Dr. Martina Rapp in einem Gruppenraum in der Fachstelle Sucht in Rastatt mit Abstand, Maske und vorgegebenen Wegen. Foto: Sabine Wenzke

Existenzangst, Einsamkeit, Langeweile: Im Corona-Jahr 2020 ist der Konsum von Tabakwaren in Deutschland gestiegen. Außerdem wurde nach Aussagen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen in Hamm deutlich mehr Alkohol getrunken als im europäischen Durchschnitt. Auch in der Fachstelle Sucht Rastatt des baden-württembergischen Landesverbands für Prävention und Rehabilitation (bwlv) waren die Mitarbeiter trotz Einschränkungen durch die Pandemie besonders gefordert, wie deren Leiter Wolfgang Langer berichtet.

Haben im Jahr 2019 rund 1.400 Klienten die Fachstelle in Rastatt aufgesucht, so waren es im Corona-Jahr 2020 rund 1.300. Gemessen an den Erschwernissen sei dieser Rückgang aber vergleichsweise moderat, meint Langer, zumal der Zugang zur Fachstelle zu Beginn der Seuche und im ersten Lockdown eingeschränkt war. Es wurde ein Hygienekonzept entwickelt, die Beratung erfolgte bevorzugt per Telefon, nur die allernötigsten Termine wurden persönlich zeitversetzt vereinbart, damit sich Klienten möglichst nicht auf der Treppe im Hausflur begegnen. Gruppen wurden zunächst ausgesetzt, laufen aber bereits zum großen Teil wieder coronakonform mit Abstand und Maske: Die Gruppen wurden geteilt und die Personenanzahl so deutlich reduziert. Außerdem wurde ein CO2-Messgerät angeschafft, das die Raumluft misst.

„Keiner der Mitarbeiter hat sich bisher hier infiziert“, ist Langer froh, dass Konzept und erforderliche Schutzmaßnahmen greifen. Noch nicht angeboten werden kann indes die offene (terminfreie) Sprechstunde, für diese müssen weiterhin Termine ausgemacht werden. Ansonsten werde bereits seit Pfingsten 2020 das Angebot weitgehend und durchgängig aufrechterhalten, betont Dr. Martina Rapp, psychologische Psychotherapeutin und Stellvertreterin von Wolfgang Langer.

Mehr Kleingruppen

.Mehr Kleingruppen und mehr Telefonkontakte bedeuten einen größeren Aufwand bei gleichbleibender personeller Stärke für die Fachkräfte aus den Bereichen Psychologie, Sozialpädagogik, Medizin und Verwaltung. Gerade im Corona-Jahr 2020 haben die Mitarbeiter verstärkte Anfragen von besorgten Angehörigen Suchtkranker oder Suchtgefährdeter erhalten, informiert Rapp. Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit, Antriebslosigkeit und immer wieder Lockdown: Die räumliche Enge zu Hause sei für viele kaum auszuhalten gewesen. In der Problemgruppe der Suchtkranken habe sich das häusliche Trinken verschärft. Manch einer, der trocken war, sei in die Krise geraten und habe wieder zur Flasche gegriffen, andere hätten noch früher, noch öfter und noch mehr getrunken. Bei alleinstehenden Klienten seien in der Zeit oft soziale Kontakte weggebrochen, manche hätten ihre Tagesstruktur vollkommen verloren. Und es gab auch Klienten mit akutem Handlungsbedarf, die nicht selbst zur Fachstelle kommen konnten. In diesen ganz besonderen Ausnahmefällen haben Mitarbeiter Betroffene zu Hause aufgesucht. Insgesamt spricht Langer von einem tollen Engagement des Teams in der Beratung.

Trinkgründe: Stressabbau und negative Gefühle

Laut einer Studie des Instituts für Therapieforschung München haben sich die hauptsächlichen Motive für den Konsum von psychoaktiven Substanzen seit Beginn der Corona-Krise folgendermaßen verändert: Wurde vor der Pandemie bei Feiern oder aus Neugierde mehr konsumiert, so sind inzwischen Entspannung, Stressabbau und der Umgang mit unangenehmen Gefühlen die Hauptgründe.

Martina Rapp berichtet von einer Frau, die in einer Drogenklinik vielversprechende Fortschritte gemacht hatte, dann aber zu Hause im Lockdown nichts umsetzen konnte, schließlich depressiv und rückfällig wurde, bedauert die 52-Jährige diese Entwicklung. Dabei sei die Frau auf einem sehr guten Weg gewesen. Auch seien bei 60 Prozent aller Fälle häuslicher Gewalt Suchtmittel ein Thema, erläutert Rapp weiter. Und noch etwas heben die Fachleute hervor: Hatten bislang etwa 60 Prozent der Klienten ein Alkoholproblem und waren 30 Prozent drogenabhängig, so habe sich dieses Verhältnis mittlerweile in 55 zu 35 Prozent gewandelt.

Die Fachstelle Sucht ist in Rastatt und Baden vertreten und unterhält Nebenstellen in Gernsbach und Bühl. Sie bietet Beratung, Behandlung und Prävention an. Die Mitarbeiter stehen unter Schweigepflicht.

Gerade in Hinblick auf die Pandemie, deren Ende noch nicht absehbar ist, sollen künftig mehr digitale Programme vor allem im Bereich Prävention angeboten werden, sagt Wolfgang Langer.

Kontakt: In Rastatt befindet sich die Fachstelle Sucht in der Kaiserstraße 20, Telefon (0 72 22) 4 05 87 90. E-Mail fs-rastatt@bw-lv.de, Internet: www.bw-lv.de.

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Erstellt:
26. Mai 2021, 19:00 Uhr
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