Fahndungen auf Instagram und Facebook

Offenburg (for) – Soziale Netzwerke spielen bei Vermisstenfahndungen eine immer wichtigere Rolle, Polizeibehörden nutzen diese Möglichkeit vermehrt, um möglichst schnell viele Menschen zu erreichen.

Wird mit einer Öffentlichkeitsfahndung nach einer vermissten Person gesucht, werden damit in der Regel auch personenbezogene Daten des Vermissten veröffentlicht. Foto: Silas Stein/dpa

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Wird mit einer Öffentlichkeitsfahndung nach einer vermissten Person gesucht, werden damit in der Regel auch personenbezogene Daten des Vermissten veröffentlicht. Foto: Silas Stein/dpa

Mit jedem Tag, der verstreicht, schwindet auch ein Funken Hoffnung: Die Gefühlslage, in der sich Angehörige von vermissten Personen befinden, gleicht oft einer Achterbahnfahrt. Jüngst hat das Verschwinden einer jungen Frau aus Freudenstadt auf den sozialen Medien für Aufsehen gesorgt. Auf Instagram haben Freunde der jungen Frau nach ihr gefahndet. Innerhalb kürzester Zeit wurde die Instagram-Seite von rund 90.000 Menschen abonniert, der Beitrag wurde weltweit geteilt. Am Ende konnte die Familie aufatmen, die Frau wurde lebend gefunden.

Recht auf eigenes Bild

Die sozialen Medien spielen bei der Suche nach vermissten Personen eine immer bedeutendere Rolle, weiß auch Yannik Hilger, Pressesprecher und Social-Media-Verantwortlicher beim Polizeipräsidium Offenburg. Allerdings ist eine Öffentlichkeitsfahndung im Internet oder auf sozialen Medien nicht immer ohne Weiteres möglich, wie er auf BT-Nachfrage erklärt. Grund dafür ist das Persönlichkeitsrecht eines jeden Menschen. „Bei einer solchen Öffentlichkeitsfahndung werden Bilder und personenbezogene Daten veröffentlicht“, sagt er. Aber: „Jeder Mensch hat ein Recht auf das eigene Bild, dieses leitet sich aus dem Persönlichkeitsrecht ab, das im Grundgesetz verankert ist.“ In dieses Recht am eigenen Bild dürfe eigentlich nur mit einer Rechtsgrundlage eingegriffen werden. „Wer einfach so ein Bild von einer anderen Person veröffentlicht, kann sich strafbar machen“, warnt er.

Die Polizei müsse bei einem Vermisstenfall also immer abwägen, ab wann es sinnvoll ist, in dieses sehr persönliche Recht einzugreifen. „Wenn wir als Polizei dann eine Öffentlichkeitsfahndung starten wollen, brauchen wir grundsätzlich auch ein schriftliches Einverständnis von Angehörigen oder vertretungsberechtigten Personen des oder der Vermissten“, merkt Hilger an. Ohne dieses Einverständnis sei eine Öffentlichkeitsfahndung nur im Ausnahmefall möglich, „nämlich wenn Gefahr für das Leben und die körperliche Unversehrtheit zu befürchten ist oder wenn der Verdacht besteht, dass die vermisste Person Opfer eines Verbrechens geworden ist“. Allerdings müsse dazu immer ein begründeter Verdacht bestehen, „hier ist die Verhältnismäßigkeit dann ganz wichtig“, so Hilger.

Persönliche Daten möglichst schützen

Im nächsten Schritt gebe es dann unterschiedliche Formalien, „wie wir die Vermisstenfahndung anleiten.“ Dabei sei ein westenlicher Unterschied, ob die Vermisstenfahndung nur in Form einer Pressemitteilung etwa in Zeitungen stattfindet oder – wie es heutzutage fast immer ist – auch im Internet und auf den sozialen Netzwerken läuft. „Bei Letzterem muss man immer bedenken, dass personenbezogene Daten durch Facebook, Twitter oder Instagram auf Surfern im Ausland landen“, warnt Hilger. „Wir als baden-württembergische Behörde haben dann keine Kontrolle mehr darüber, was mit den personenbezogenen Daten passiert.“

Deshalb gebe es beim Polizeipräsidium Offenburg klare Vorgaben für Social-Media-Fahndungen: „Zunächst holen wir uns die personenbezogenen Daten ein, natürlich mit dem Einverständnis der Angehörigen und wenn wir eine Rechtsgrundlage dafür haben. Dann geben wir die Fahndungsdaten mitsamt den personenbezogenen Daten weiter an das Landeskriminalamt (LKA)“, schildert Hilger das Vorgehen. Beim LKA werden die Daten dann auf einen deutschen Surfer geladen. Auf der Homepage des LKA sind alle Fahndungen von ganz Baden-Württemberg abgelegt und einsehbar – auch mit Bildern. Das Polizeipräsidium Offenburg arbeitet dann mit einer sogenannten Link-Lösung. „Wir posten also auf Facebook oder Twitter ein Symbolbild, auf dem ersichtlich ist, dass Vermisste oder Zeugen gesucht werden. Im Textbeitrag verlinken wir dann auf die Homepage des LKA und damit zu den Fahndungen“, erklärt Hilger gegenüber dem BT. „Durch diese Link-Lösung umgehen wir, dass die personenbezogenen Daten direkt auf den sozialen Netzwerken und damit auf ausländischen Surfern landen.“

Hilger rät auch Privatpersonen, Institutionen oder Redaktionen zu dieser Vorgehensweise. Jedoch komme es trotzdem immer wieder vor, dass personenbezogene Daten über Privatleute oder Institutionen dann doch auf sozialen Netzwerken landen. „Allerdings sind dafür dann nicht wir, sondern diejenigen verantwortlich, die die Bilder und Daten tatsächlich hochgeladen haben“, sagt Hilger.

Angehörige ergreifen selbst die Initiative

Aus Erfahrung weiß er, dass Angehörige oder Freunde von Vermissten auch immer häufiger selbst die Initiative ergreifen und eigenständig Fahndungen auf sozialen Netzwerken starten. „In der Regel besprechen das die Angehörigen im Vorfeld nicht mit der Polizei. Man darf hier aber auch nicht vergessen, dass sich Angehörige meistens in einem emotionalen Ausnahmezustand befinden“, so Hilger. „Letztlich wissen wir alle um die Bedeutung und die Reichweite sozialer Netzwerke und wir wissen, dass man dadurch eben in kürzester Zeit sehr viel Aufmerksamkeit generiert. Das ist ja auch einer der vielen Gründe, warum wir als Polizei auf diese Möglichkeit zurückgreifen.“

Es gebe offiziell auch kein Gesetz, das vorschreibt, dass sich Angehörige oder Bekannte mit den Ermittlern beziehungsweise der Polizei absprechen müssen, wenn sie selbst im Internet, in den sozialen Medien, Chatgruppen oder Messenger-Diensten einen Aufruf starten und „mitfahnden“, fügt Alexandra Vischer vom LKA Baden-Württemberg hinzu. Allerdings gelte auch in diesem Fall: „Wenn in privaten Aufrufen als Beispiel Bilder der vermissten Person, der vollständige Name und andere persönliche Daten mitveröffentlicht werden, werden dadurch die Persönlichkeitsrechte und auch das Recht am eigenen Bild der vermissten Person verletzt. Die betroffene Person kann hier berechtigt Anzeige erstatten. Diese Anzeigen würden in einem eigenen Ermittlungsverfahren geführt werden“, erklärt Vischer.

In den meisten Fällen hätten Vermisste nach ihrem Auftauchen aber kein Interesse daran, im Nachhinein gegen ihre Eltern oder Angehörigen rechtlich vorzugehen, meint Hilger. Vischer rät Verwandten und Bekannten, die veröffentlichten Bilder und Daten der Person nach dem Auffinden wieder zu löschen. „Die betroffene Person hat schließlich nicht ausdrücklich für eine Veröffentlichung ihrer Bilder oder Daten zugestimmt.“

Größerer Arbeitsaufwand

Für die Polizei selbst sind soziale Netzwerke ein hilfreiches Instrument, um schnell möglichst viele Menschen zu erreichen. „Heutzutage sind die Menschen durch das digitale Zeitalter, durch die Verwendung von Smartphones ununterbrochen mobil vernetzt, dadurch erzielt man natürlich schon immense Reichweiten.“

Gleichzeitig erhöhe sich aber auch der Arbeitsaufwand für Polizei und LKA, weil deutlich mehr Hinweise eingehen als früher. „Grundsätzlich muss man sagen, dass wir froh sind um jeden Hinweis, sollte er noch so unsinnig erscheinen. Wir nehmen jeden Hinweis ernst und überprüfen ihn“, betont Hilger. Auch die Social-Media-Sachbearbeiter hätten im Rahmen des Monitorings (Sichtung aller Kommentare und Nachrichten auf den eigenen Plattformen) zusätzliche Arbeit, weil sie wichtige Hinweise herausfiltern müssten. Und auch die Kriminalpolizei sowie der Kriminaldauerdienst, dessen Nummer bei Vermisstenfahndungen immer als Kontakt angegeben ist, sei nun stärker gefordert als das vor dem digitalen Zeitalter der Fall war. Meist lohne sich die zusätzliche Arbeit aber, sagt Hilger. Fahndungen auf sozialen Netzwerken führten oftmals schnell zum Ziel.


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