Familie aus Odessa findet in Bühl Zuflucht

Bühl (kkö) – Aus dem behüteten Leben gerissen: Eine Familie aus Odessa hat Zuflucht bei Wolfram und Sonja Bach in Bühl gefunden. Dennoch haben die Geflüchteten große Sorge um ihre Heimat.

In Sicherheit, aber innerlich zerrissen: Die Lushchaks verließen die Ukraine vor allem um ihres Sohnes willen. Foto: Katrin König-Derki

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In Sicherheit, aber innerlich zerrissen: Die Lushchaks verließen die Ukraine vor allem um ihres Sohnes willen. Foto: Katrin König-Derki

Bis zum 24. Februar lebte Maryna Kushnir Lushchak mit ihrem Mann Victor und dem sechsjährigen Sohn Platon in Odessa. Bis zum 24. Februar organisierte sie Reisen; sie war weltweit unterwegs, ihr Mann in Odessa Rechtsanwalt. Sie hatten, erzählt sie auf Englisch, ihr Leben im Griff.

Natürlich war ihr auch schon vor jenem Tag klar, dass Russland die Ukraine angreifen könnte: „Wir dachten aber an den Osten.“ Als sie am 24. Februar hörte, dass in der Nähe des Flughafens von Odessa Bomben gefallen waren, stoppte ihr Kopf. „Ich begriff kaum, dass die Nachrichten uns betrafen, dass vielleicht morgen schon die Glaswände unserer Wohnung durch Bomben auf den nahen Hafen zerstört sein würden, dass unser behütetes Dasein ein Ende hatte“, erzählt sie. An unerwartete Situationen von ihren Reisen gewöhnt, begann ihr Kopf aber plötzlich, wieder klar zu arbeiten: „Ich sagte zu Victor: Wir packen die Koffer, nehmen das Auto und verlassen die Ukraine.“ Am Abend waren sie unterwegs. Ihrem Sohn sagten sie: „Wir machen Urlaub.“

„Wir wollen keine Bittsteller sein“

Nun sind die drei bei Wolfram und Sonja Bach in Bühl, und Maryna Kushnir Lushchak zeigt Fotos von Odessa. Sie, die ansonsten so traurig und müde wirkt, lächelt da flüchtig; man ahnt, dass sie ein selbstbestimmtes, freies, heimatverbundenes Leben hinter sich ließ. Später ruft sie andere Bilder und Videos auf: Zerbombte Städte, unbewaffnete Menschen, die russische Soldaten auffordern, zu gehen; diese schießen daraufhin.

Und Maryna Kushnir Lushchak weint. Sie entschuldigt sich für ihre Tränen, empfindet sie wohl als ungerecht jenen gegenüber, die noch in der Ukraine sind. Sie, ihr Mann und ihr Sohn hingegen sind in Sicherheit, herzlich aufgenommen von Deutschen. Noch sind sogar Ersparnisse vorhanden, die die Lushchaks aufbrauchen möchten, bevor sie staatliche Unterstützung annehmen. „Wir wollen keine Bittsteller sein“, sagt sie. Und sie versucht, ihre Gefühle zu beschreiben: „Unglaubliche Dankbarkeit“ für die Solidarität, die im armen Moldawien begann und sich bis nach Bühl fortsetzte. Und dann die innere Last, ihr Land im Stich gelassen zu haben. Das Begreifen, dass ihre Flucht vielleicht keine Frage von Wochen sein könnte und es gelten wird, Deutsch zu lernen und Arbeit zu suchen.

„Wir wollen nur Frieden“

„Stolz macht uns, wie die Ukrainer für ihr Land kämpfen. Putin dachte wohl, er könne die vielen russischstämmigen Ukrainer wie mich auf seine Seite ziehen. Er hat uns mehr vereint denn je zuvor“, sagt Kushnir Lushchak. Sie glaubt, dass Putin den Krieg seit Jahren vorbereitet hat: „Er stationierte Soldaten an den Grenzen und vergiftete die Russen mit Propaganda. Sogar meine Verwandten in Moskau glauben, die Ukraine sei für diesen Krieg verantwortlich.“ Von der NATO wünscht sie sich eine Sperrung des Luftraums, „bevor das ganze Land in Schutt und Asche liegt“.

Vielleicht, sagt Maryna Kushnir Lushchak, müsse sie den zweiten, ungewissen Abschnitt ihres Lebens hinnehmen, ohne ihn zu hinterfragen, denn: „Das Denken macht mich verrückt.“ Sie glaube an Gott, an das Gute. „Wie wir hier landeten, war ein Wunder!“ Die Bachs hatten 2017 auf einer Reise eine Familie in der Ukraine besucht, Verwandte der Wahl-Bühlerin Oksana, einer Cousine Victors; als der Krieg begann, fragten sie Oksana, wie es der Familie nun gehe. Maryna Kushnir Lushchak: „Da hatten wir Oksana gerade von Rumänien aus angerufen, weil wir nicht weiter wussten. Als sie Wolf das erzählte, sagte er: Schick sie zu uns, wir haben Platz! Unfassbar.“

Die Bachs richten nun eine Wohnung für die Lushchaks ein, die sie ohnehin vermieten wollten. „Dank unserer Großfamilie geht das zack-zack“, sagt Sonja Bach. Sie wehrt ab, als Maryna Kushnir Lushchak ihr emotional „Glück, Geld, nur das Beste!“ wünscht: „Wir haben das alles. Wir wollen nur Frieden.“

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Erstellt:
9. März 2022, 09:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 57sec

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