Familienexpertin Imlau: „Unperfekt ist perfekt genug“

Bühl (red) – Nora Imlau, Autorin und Expertin für Familienthemen, spricht im Interview mit BT-Redakteurin Kathrin Maurer über zu hohe Ideale, ungesunde Vergleiche und Eltern unter Druck.

Journalistin und Autorin Nora Imlau zählt zu den wichtigsten Expertinnen für bindungs-und bedürfnisorientierte Elternschaft. Foto: Maria Herzog/pr

Journalistin und Autorin Nora Imlau zählt zu den wichtigsten Expertinnen für bindungs-und bedürfnisorientierte Elternschaft. Foto: Maria Herzog/pr

Endlich ist es da – das Wunschkind. Mit ihm jede Menge Liebe und Freude – und Druck. Viele junge Eltern sind erstaunt, welch nie geahnten Emotionen plötzlich an der Oberfläche kratzen. Freundschaften werden zu Vergleichsstudien, ein zuvor intaktes Mutter-Tochter-Verhältnis zum fleischgewordenen Generationenkonflikt. In ihrem Buch „Mein Familienkompass“ widmet Nora Imlau, Autorin und Expertin für Familienthemen, „Eltern unter Druck“ ein großes Kapitel, das zu mehr Selbstliebe aufruft und ganz klar sagt: „Unperfekt ist perfekt genug.“ BT-Redakteurin Kathrin Maurer hat sich mit der gebürtigen Freiburgerin, die seit diesem Sommer in Bühl lebt, über die sich verändernden Anforderungen an die Elternschaft und „Silencing“ unter Müttern unterhalten.

BT: Frau Imlau, trügt der Schein, oder setzen sich Eltern heutzutage stärker unter Druck als in den Generationen zuvor?

Nora Imlau: Nein, das ist so. Natürlich haben Eltern sich zu allen Zeiten Gedanken gemacht um ihre Kinder und wollten, dass es ihnen gut geht. Aber es ist wirklich so, dass bis zur Einführung von Verhütungsmitteln Kinder keine Projekte waren, die man zum richtigen Zeitpunkt geplant hat. Kinder sind passiert, sie gehörten zum Leben einfach dazu. Mutter zu sein, war für die meisten keine Frage der eigenen Identität. Man definierte sich über Berufe, Religionszugehörigkeit, Politisches. Kinder hatten fast alle. Heute verstehen wir uns dagegen sehr stark als Individuen. Für die meisten ist es ein sehr bewusster Schritt, Eltern zu werden – selbst bei einer ungeplanten Schwangerschaft entscheidet man sich heute bewusst dafür oder dagegen.

„Wir wollen Poster-Eltern mit Poster-Kindern sein“

BT: Sie sagen, früher waren Kinder mehr oder minder normal. Oft hört man von älteren Generationen, die Kinder seien halt einfach so mitgelaufen im Alltag ...

Imlau: Heute machen sich Eltern große Gedanken darüber, was für Eltern sie sein wollen, und bauen ihr Selbstbild drumherum. Will ich eine coole, relaxte Mum sein? Wollen wir eine klassische Bullerbü-Familie haben, oder doch lieber streng, aber liebevoll erziehen? Mit diesen Idealen wächst automatisch eine Selbstüberhöhung mit: Wir wollen es besser machen als andere Eltern. Man sucht sich dann auch ähnliche Eltern als soziales Umfeld – damit wächst wieder Druck. Die Elternschaft bekommt eine sehr große Bedeutung, und das Kind soll bitte genau so sein, dass es meine Elternschaft repräsentiert. Das ist einer von vielen Faktoren – wir wollen Poster-Eltern mit Poster-Kindern sein.

BT: Aber woher kommen all diese Ideale?

Imlau: In den 50er-Jahren etwa hat ein Einkommen eine ganze Familie ernährt – heute haben die meisten Eltern das Gefühl, zwei Jobs sind in der Familie erforderlich, um so zu leben wie man will. Dazu kommen eigene und gesellschaftliche Anforderungen – es soll nicht irgendein Job sein, man möchte sich verwirklichen. Heute reicht es nicht, zu sagen, unsere Kinder bekommen jeden Tag etwas zu essen. Heute muss es gesundes, zuckerfreies, ökologisches Essen sein. Die Kinder sollen außerdem was von der Welt sehen, aber, wenn möglich, bitte nicht fliegen wegen der Umwelt. Wir müssen soziale Kontakte pflegen, aber auch genügend Familienzeit haben. Diese ganzen widersprüchlichen Erwartungen ergeben am Ende eine schier endlose To-do-Liste. Da stößt man schnell an die eigene Kapazitätsgrenze.

BT: Die auffälligste Motivtorte zum ersten Geburtstag, das gesündeste Mittagessen und der schönste After-Baby-Body: Instagram und Co. befeuern Anforderungen an die Rolle der Frau und Mutter, die bei unseren Eltern noch gar kein Thema waren ...

Imlau: Gerade als junge Mütter haben wir mit so konträren Rollenbildern zu tun – wir sollen erfolgreich im Job sein, ganz viel Zeit für die Kinder haben, sollen super aussehen, aber uns bitte nicht zu sehr um unser Äußeres kümmern, sollen tolle Partnerinnen sein und ganz viel Zeit für die Familie, für Freunde, für Sport, für Hobbys, für uns selbst haben. Wir haben die Anforderungen für uns angenommen und versuchen ganz oft, diese Bälle alle in der Luft zu halten. So was war natürlich früher kein Thema – was viel Druck nimmt.

Familienbilder im Wandel

BT: Großen Idealen stehen heutzutage oftmals kleinere Familienstrukturen ohne Großeltern oder Verwandte in der Nähe gegenüber.

Imlau: Das stimmt. Heute sind wirklich viele Eltern auf sich alleine gestellt, ohne Großfamiliennetz, das sie auffängt. Diese fehlende Unterstützung hat einerseits mit räumlicher Distanz zu tun, andererseits findet aber auch oft eine gewisse emotionale Entfremdung der Generationen trotz Nähe statt. Manchmal wird Hilfe als übergriffig empfunden, da ist derzeit auch viel im Wandel, was Familienbilder angeht.

BT: Wo können sich Eltern in diesen Fällen Unterstützung holen?

Imlau: Da sollte man überlegen, wer könnte denn noch mein Dorf sein – und auf Wahlbeziehungen wie Freunde mit geteilter Wertebasis zurückgreifen. Andere Familien kaufen die Unterstützung ein als Haushaltshilfe, Kinderbetreuung oder Putzkraft.

BT: Oft sind Mütter gegenseitig ihre stärksten Kritikerinnen. Jeder noch so kleine Seufzer wird oft ziemlich unsanft vom Tisch gefegt.

Imlau: Absolut, das nennt man übrigens „Silencing“. Eigentlich stammt der Begriff aus der Diskriminierungsforschung. Ein „Silencing“-Beispiel aus dem Rassismus wäre, wenn jemand aus Afghanistan sagt, ich habe mich in einer Situation schlecht behandelt gefühlt. Das Gegenüber meint dazu: Sei doch froh, dass du hier bist, deinen Landsleuten geht es viel schlechter. Mit dieser Strategie haut man mit dem moralischen Holzhammer auf das Klagen – und der andere kann nichts mehr sagen. Es gibt auch noch „Derailing“, das bedeutet, das Thema wird in eine ganz andere Richtung gelenkt. Und es stimmt, gerade in Elterngruppen und unter Müttern werden diese Strategien sehr oft angewendet.

„Viele empfinden sich als Einzelkämpferinnen“

BT: Aber Mütter sitzen doch alle im selben Boot ...

Imlau: Natürlich, das stimmt. Aber Mütter werden generell sehr oft ruhig gehalten. Dieser Topos, die Mütter von heute jammern nur, und wir haben damals einfach gemacht, ist schon weit verbreitet. Das spricht für viel unverarbeiteten Schmerz: Wenn wir nicht gesehen wurden, warum soll es euch besser gehen. Dieses Gefühl, wir sitzen alle in einem Boot, ist bei vielen Müttern leider nicht verbreitet. In unserer individualisierten Gesellschaft empfinden sich viele als Einzelkämpferinnen, und wenn jemand anderes zu erfolgreich ist, dann kratzt es am eigenen Selbstwert – dann sind wir im Vergleich schlechter.

BT: Aber die Mutterrolle ist doch nur ein Teil der Frau und nicht alles, was sie ausmacht. Dann sollte Kritik doch eigentlich differenziert werden können?

Imlau: Für sehr viele Frauen ist die Mutterrolle die zentrale Rolle, die sie definiert und die sie am verletzlichsten macht. Wo sie die höchsten Ideale haben und die größte Angst zu scheitern – und in welcher nicht zuletzt ganz viel Schmerz steckt. Besonders verbreitet ist das bei Müttern, die es als Kind emotional eher schwer hatten, und die den Anspruch haben, alles besser zu machen, um ihre eigenen Kindheitswunden zu heilen. Bei ihnen geht Kritik ganz tief. Wer seelisch gesund dasteht, für den ist Kritik erst einmal eine Rückmeldung von vielen. Das ist ein Ziel, an diesen Punkt zu kommen.

BT: Wenn man sich all die möglichen Konflikte vergegenwärtigt, bekommt Elternschaft etwas Schweres, was auch schade ist, und mit dem vor allem niemand rechnet.

Imlau: Tatsächlich sind viele erst mal schockiert, wie viel Schwere mit dem Elternsein einhergehen kann. Sie stellen sich das leicht und romantisiert vor, und sind überrascht davon, dass es einen auch in eine Lebenskrise stoßen kann. Für manche ist die Babyzeit hart, für andere, wenn die Kinder älter und frech werden. Da kann viel alter Schmerz hochkochen, von dem man nichts wusste. Familienleben darf und muss aber auch leicht sein. Man kann nicht 18 Jahre Dauertherapie daraus machen. Eltern müssen Leichtigkeit finden.

Man muss sich in Selbstliebe üben

BT: Wie können Familien zu dieser Leichtigkeit finden?

Imlau: Da sind wir ganz stark beim Thema unperfekt sein und die lange To-do-Liste kürzen. Es ist wichtig, zu erkennen, dass wir gut sind, wie wir sind – mit unseren Stärken und mit unseren Schwächen – Hauptsache, uns geht es als Familie gut miteinander. Aber das muss man erst lernen. Der Familienkompass ist ein Buch, in dem ich versucht habe, diese ganze Bandbreite abzudecken. Die Gefühle auszuloten und ihnen einen Rahmen zu geben.

BT: Wie können sich perfektionistische Eltern mit gut genug abfinden?

Imlau: Man muss sich in Selbstliebe üben. Mit der gleichen Großzügigkeit, mit der wir unseren Kindern verzeihen, sollten wir auch uns verzeihen. Wenn wir mit unseren Kindern so umgehen möchten, wie wir uns das wünschen, dann müssen eben Abstriche in anderen Bereichen gemacht werden – dann gibt es halt keinen Sonntagsbraten, dafür spielt man länger mit den Kindern. Dann bleibt die Wäsche mal einen Tag länger ungewaschen stehen, oder das Essen wird bestellt, weil die Einschlafbegleitung mal länger dauert. Und all das ist absolut genug!

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Erstellt:
6. Dezember 2020, 14:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 5min 31sec

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