Fast Fashion im Visier

Rastatt (kba) – Anna-Lena Weik beschäftigt sich seit Jahren mit Nachhaltigkeit in der Bekleidungsindustrie. In VHS-Vorträgen leistet sie Aufklärung.

Anna-Lena Weik wirbt mit VHS-Vorträgen für Nachhaltigkeit in der Mode. Foto: privat

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Anna-Lena Weik wirbt mit VHS-Vorträgen für Nachhaltigkeit in der Mode. Foto: privat

Statt einer Kollektion pro Saison gibt es bei vielen Marken mittlerweile neun pro Jahr. Rabattaktionen und billige Sonderposten locken überall. Dass es schwer ist, den mannigfaltigen Verlockungen von „immer mehr“ und „immer billiger“ zu widerstehen, gehört zu den Finessen des Modemarketings. Überangebot und Ausbeutung in der Bekleidungsindustrie sind für die meisten kaum zu enttarnen. Anna-Lena Weik weiß das und tritt an, die Verbraucher in der Region aufzuklären über Wohl und Wehe des schnellen Mode-Glücks – und was jeder für sich dagegen tun könnte.

Durchschnittlich 60 Kleidungsstücke kaufe jeder in Deutschland im Jahr, erklärt Weik: „Rund 1,1 Millionen Tonnen Textilien landen im gleichen Zeitraum bei den Verwertern; manche sind quasi ungetragen.“ Doch gut 8.000 Liter Wasser, dazu umwelt- und gesundheitsschädliche Chemikalien, CO2 (hohe Stückzahlen kommen aus China) plus Verpackungsmüll hat jede Jeans bereits auf dem Konto, ehe sie es überhaupt bis in den Verkauf schafft. Als gelernte Maßschneiderin, die überdies Textilbetriebswirtin ist, weiß Weik, wovon sie spricht. Seit vielen Jahren beschäftigt sie sich mit dem Thema Nachhaltigkeit in der Bekleidungsindustrie.

Alternativenaufzeigen

„Das ging schon während des Studiums los“, erinnert sich die Lichtenauerin, „da war ich irgendwann drauf und dran abzubrechen, weil ich das keinesfalls mittragen wollte.“ Dass sie dennoch ihren Abschluss machte, verdanke sie einer Dozentin, die ihre Weitsicht lobte und sie überzeugte, dass es künftig wichtig sein würde, gut ausgebildete Textiler mit dieser Einsicht zu haben, um etwas zu ändern. Weik, die selbst erst mal eher nicht darauf gekommen wäre, sich als „Klimaheldin“ zu bezeichnen, sah darin bereits vor vier Jahren ihre Berufung. Nach und nach zog sie sich aus der Näh-Praxis zurück, um im Rahmen der Erwachsenenbildung über Missstände in der Textilindustrie aufzuklären und mit Infos zu Gütesiegeln, Miet- und Tauschmodellen sowie Fair-Trade-Kontakten Alternativen aufzuzeigen.

Seit vier Semestern ist sie auch bei der Volkshochschule (VHS) Rastatt eine feste Größe in der Rubrik „Verbraucherbildung“, wo bis Januar 2022 noch zwei Online-Vorträge von ihr anstehen zum Thema „Future Fashion: Der Modekonsum von morgen“ (am 16. November) und „Future Fashion: Textilfasern – Herstellung, Eigenschaften, Problematik und Alternativen“ (neuer Termin: 13. Dezember). Ohne Kosten für die Teilnehmer.

„Vor Corona habe ich immer versucht, auch Stoffmuster parat zu haben, um die unterschiedlichen Qualitäten greifbar zu machen“, demonstriert Weik auch hier ihre Nähe zur Praxis, schätzt aber zugleich die quasi unbegrenzte Reichweite des niedrigschwelligen Online-Formats. „Jeder hat so seine Stellschräubchen, an denen er drehen kann“, glaubt Weik. Die zu finden, will sie helfen. Einlenken und hinführen, anstatt anzuprangern, sind ihre Methoden.

„Am Ende ist oft alles noch irgendwie ein Kompromiss.“ Kleidung, die man schon habe, erst mal weiterzutragen, sei besser, als sofort alles aus nachhaltiger Quelle neu anzuschaffen. Und Kunstfasern wie Rayon oder Modal könnten in Sachen Ökologie bei der Herstellung so mancher Baumwolle schon das Wasser reichen. „Aber das muss man eben wissen“, vermisst Weik Transparenz bei vielen Anbietern.

Auch bei ihrem Broterwerb ringt sie um mehr Nachhaltigkeit: Im Vertriebsinnendienst eines Herstellers für flexible Verpackungssysteme mit dem Ziel, Plastikverpackungen sinnvoll zu ersetzen.

Vom kaputten Hemd zum Designerteil

Die Nähstube in ihrem Zuhause in Lichtenau, die seit Corona auch als Kulisse für Online-Angebote dient, ist weiterhin ein Lieblingsplatz. Und ab und zu landet Weik dann auch wieder an der Nähmaschine, denn ein schöner Stoff und das, was daraus werden kann, lassen noch immer ihr Herz höher schlagen. „Dann muss ich auch manchmal daran denken, wie wertvoll so ein Stück vor ein paar Generationen noch gewesen wäre; ein Sonntagskleid etwa, auf das man aufpasste.“ Das landete lange nicht auf dem Müll. Da gab es auch nicht gleich wieder eines.

Auf Neudeutsch wären das Müllvermeidung und Ressourcenschonung in Allianz. „Da müssten wir wieder hin“, findet sie – und würde dafür auch tatkräftig mit anpacken. Neulich habe sie einem Freund, der sich über einen unschönen Riss im Ärmel seines Hemdes ärgerte, zwei stylische Patches auf die Ellenbogen gesteppt und das gute Stück damit vor der Tonne gerettet. „Jetzt freut er sich über sein neues ‚Designerteil‘“, schmunzelt Weik, die auch schon mal mit den Rastatter Naturfreunden über eine Zusammenarbeit im Rahmen des Rastatter Reparaturcafés nachgedacht hat, doch nun erstmal der Aufklärung den Vorzug gab. Wer mehr zum Thema erfahren möchte, kann sich für die Vorträge anmelden: www.vhs-landkreis-rastatt.de

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Erstellt:
9. November 2021, 07:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 15sec

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