Fernab von deutschen Weihnachtsbräuchen

Rastatt (for) – Vor den Feiertagen mal kurz in den Flieger steigen, um Weihnachten am Strand zu verbringen? 2020 fallen Pläne wie diese flach. Das Coronavirus hat viele Reisepläne zunichtegemacht.

Weltmeister der Weihnachtsbeleuchtung: Maike ist fasziniert von der hell erleuchteten Weihnachtsdekoration in den amerikanischen Vorgärten. Foto: Joerg Dettmer/dpa

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Weltmeister der Weihnachtsbeleuchtung: Maike ist fasziniert von der hell erleuchteten Weihnachtsdekoration in den amerikanischen Vorgärten. Foto: Joerg Dettmer/dpa

Vor der Corona-Pandemie sah die Lage noch anders aus. Auch wenn Weihnachten ohne die eigene Familie für viele unvorstellbar erscheint, gibt es immer wieder Menschen, die Heiligabend aus unterschiedlichen Gründen nicht zu Hause im Kreise ihrer Liebsten verbringen. Vor rund drei Jahren hat sich BT-Redakteurin Janina Fortenbacher kurz vor den Feiertagen mit mehreren jungen Menschen unterhalten, die das Fest der Liebe damals in einem fremden Land verbracht haben. Im Rahmen des Throwback Thursday, einer Reihe des BT-Instagram-Teams, haben wir den Artikel aus dem Archiv gekramt:

„Am anderen Ende der Welt“

Weihnachten, das Fest der Liebe, steht vor der Tür und damit für viele Menschen die schönste Zeit im Jahr. Leckere Plätzchen, prächtig geschmückte Tannenbäume und hell erleuchtete Weihnachtsmärkte – all das gehört genauso zu Weihnachten wie Lichter, Kerzen und kalte Temperaturen. Das Schönste an allem ist aber, da sind sich die meisten einig, die besinnliche Zeit mit der Familie. Viele Menschen nehmen lange Wege auf sich, um an Heiligabend rechtzeitig zu Hause zu sein und das Fest mit ihren Liebsten zu feiern.

Bei fünf Jugendlichen aus dem Kreis Rastatt gestaltet sich das Weihnachtsfest dieses Jahr nicht wie üblich: Sie werden Heiligabend quasi „am anderen Ende der Welt“ verbringen – weit entfernt von ihren heimischen Freunden und dem Tannenbaum im vertrauten Wohnzimmer. Fern ab von ihrer Heimat und den üblichen deutschen Weihnachtsbräuchen erzählen sie, wie sie die Vorweihnachtszeit in einem fremden Land erleben und wie das Weihnachtsfest dieses Jahr bei ihnen ablaufen wird.

Anna Glatt:

„Weihnachten wird für mich dieses Jahr eine ganz neue Erfahrung sein, denn es ist mein erstes Weihnachtsfest ohne meine Familie. Das ist ein etwas ungewöhnliches, gleichzeitig aber auch ein aufregendes Gefühl. Ich bin gespannt, wie hier in Neuseeland Weihnachten gefeiert wird. Geplant ist, dass meine Reisebegleitung und ich die Festtage bei einer Familie in der Nähe von Nelson, also auf der Südinsel Neuseelands, verbringen. Wir werden dort für zwei Wochen ,wwoofe‘. Das heißt, wir arbeiten etwa vier Stunden pro Tag und bekommen dafür als Gegenleistung einen Schlafplatz und Essen.

Wie genau das Fest ablaufen wird, weiß ich noch nicht. Ich habe nur erfahren, dass am 24. Dezember ,Christmas Eve‘ ist, an dem viele auf Partys gehen. Am 25. steht dann der eigentliche ,Christmas Day‘ an, den man gemeinsam mit seiner Familie verbringt, zusammen isst und die Geschenke verteilt.

„Ich vermisse die kalte Jahreszeit“

Ich bin aber überhaupt nicht in Weihnachtsstimmung, dafür ist es viel zu warm. Es ist Sommer hier, das Thermometer steigt schon mal bis zu 30 Grad an. Manche Leute feiern das Weihnachtsfest sogar am Strand.

Wenn ich an Weihnachten bei uns zuhause denke, vermisse ich die kalte Jahreszeit und den Schnee. Das gehört für mich einfach zur Weihnachtszeit dazu.

Mir fehlt auch der Adventskalender von meiner Mama und die selbst gebackenen Plätzchen. Bei dem Gedanken an Heiligabend sehne ich mich auf jeden Fall mehr nach meiner Familie als sonst. Vor allem das gemeinsame Singen und Musizieren am Weihnachtsabend wird mir sehr fehlen.“

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Fernab von deutschen Weihnachtsbräuchen
Verschneite Weihnachten? Nicht bei Julian (links) und Jannis. Sie feiern am weißen Sandstrand. Foto: privat/Archiv

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Fernab von deutschen Weihnachtsbräuchen
Anna verbringt ihr diesjähriges Weihnachtsfest bei Sommertemperaturen. Foto: privat/Archiv

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Lea Spitz:

„Ich bin nun schon seit drei Monaten in Indien. Momentan halte ich mich in der Stadt Chennai im Bundesstaat Tamil Nadu auf. Hintergrund meiner Reise ist ein ,Weltwärts-Jahr‘.

Ich beschäftige mich dabei unter anderem mit machtkritischer Berichterstattung und möchte deshalb vorweg sagen, dass alle Aussagen nur auf meiner subjektiven Wahrnehmung beruhen und nicht verallgemeinert werden können.

Weihnachten ist für mich zu 70 Prozent ein Familienfest, zu 20 Prozent ein religiöses Fest und der Geschenke wegen zu zehn Prozent kapitalistisch. Da ich alle drei Aspekte aber auch unabhängig von Weihnachten erlebe, hat Weihnachten keine große Bedeutung für mich. Ich vermisse meine Familie und meine Freunde deshalb nicht mehr oder weniger stark.

Neue Art von Weihnachtsstimmung

Da ich hier nicht in die ,typische Weihnachtsstimmung‘ komme, hält sich das Heimweh bisher in Grenzen. Wobei natürlich die Frage bleibt, was Weihnachtsstimmung überhaupt ist. Denn das empfindet wahrscheinlich sowieso jeder anders. Eigentlich ist das Fest für mich mit Kälte und meiner Familie verknüpft. Hier ist es allerdings eher warm und meine Familie ist weit weg. Deshalb werde ich Weihnachten dieses Jahr anders erleben, aber vielleicht entdecke ich ja eine neue Art von Weihnachtsstimmung.

Heiligabend werde ich, sofern das Wetter mitspielt, mit den anderen deutschen Freiwilligen auf unserer Dachterrasse verbringen. Wir wichteln und schmücken unsere Palme im Topf. In Indien ist es üblich, anstelle eines Tannenbaums Palmen zu zieren. Generell ist hier allerdings weniger geschmückt als in Deutschland, da ein Großteil der Bevölkerung Weihnachten wahrscheinlich nicht feiert.

Wie genau die Christen hier das Fest zelebrieren, lässt sich aufgrund der Größe Indiens nicht verallgemeinern. Manche gehen in die Kirche, andere essen gemeinsam mit der Familie. Aber da gibt es in Deutschland ja auch Unterschiede. Während ein Teil der Bevölkerung im Kreise der Familie zusammensitzt, verbringt ein anderer Teil Heiligabend in der Disco.

Ich fühle mich jedenfalls sehr wohl hier, auch wenn mein Fokus im Augenblick nicht auf Weihnachten liegt. Es ist interessant, den Winter einmal ,auszusparen‘. Ich habe gerade meine Arbeitsstelle gewechselt und bin deshalb sehr gespannt, was mich dort in der Adventszeit noch erwartet.

Feststeht, dass wir eine Weihnachtsfeier in einem Obdachlosenheim veranstalten. Darauf freue ich mich ganz besonders.“

Maike Lutz:

„Ich bin schon seit Juli in den Staaten und lebe bei meiner Gastfamilie in Pittsburgh, einer Stadt in Pennsylvania. Dort werde ich auch Heiligabend verbringen.

Ich bin schon total in Weihnachtsstimmung! Zwar gibt es hier keine Adventskränze und es werden auch keine Weihnachtsplätzchen gebacken, aber meine Hostkinder lieben Weihnachtslieder. Wir singen und hören sie jeden Tag. Unser Christbaum steht auch schon. In Amerika wird er schon kurz nach Thanksgiving aufgestellt. Also schon einen Monat vor Weihnachten.

Feiertage für viele Au-Pairs eine schwere Zeit

Es gibt sogar einen Weihnachtsmarkt in Pittsburgh. In der Hinsicht versuchen die Amerikaner, uns Europäer schon ein wenig zu kopieren. In der Weihnachtsdeko macht ihnen aber keiner was vor. Es ist total verrückt, wie übertrieben die Häuser hier geschmückt sind. Alles funkelt und glitzert. Oft stehen riesige aufblasbare Weihnachtsmänner, Schneemänner oder leuchtende Rentiere in den Vorgärten.

Das Allerschönste ist aber, dass ein Teil meiner Familie über Weihnachten bei mir in Amerika sein wird. Für viele Au-Pairs ist die Weihnachtszeit eine der schwersten Zeiten im Ausland. Es ist eben das Fest der Liebe, an dem eigentlich die ganze Familie zusammenkommt. Heiligabend ohne seine Liebsten zu verbringen, kann schon echt hart sein.

Da man in den USA erst am 25. Dezember Weihnachten feiert und morgens die Geschenke auspackt, kann es vorkommen, dass du am 24. Dezember abends ganz alleine bist, während deine Verwandten zuhause zusammensitzen und gemeinsam Heiligabend feiern.

Ich habe Glück, zumindest einen Teil meiner Familie an Weihnachten bei mir zu haben.“

Julian Fritz:

„Da mein Bruder und ich dieses Jahr beide über Weihnachten länger freihaben als sonst, mussten wir diese Möglichkeit nutzen. Wir haben uns deshalb dafür entschieden, über Weihnachten und Silvester die Philippinen zu bereisen. Unsere Familie war zunächst zwar nicht sonderlich begeistert von der Idee, dass wir beide Heiligabend nicht zuhause verbringen, mittlerweile freuen sie sich aber für uns.

Schließlich sind wir jetzt noch jung und unabhängig, deshalb sollten wir die Chance nutzen, die Welt zu entdecken. Wenn wir erst einmal älter sind, eine eigene Familie haben und beruflich sehr eingespannt sind, ist das vielleicht nicht mehr ganz so einfach.

Sehr kulturelles und religiöses Fest

Vermissen werde ich meine Familie daheim aber trotzdem. Ich war zwar vor zwei Jahren schon einmal über die Weihnachtszeit alleine in Australien, was eine wirklich tolle Erfahrung war, ganz ohne meine Familie würde ich das Fest aber nicht mehr feiern wollen. Irgendwie gehören Freunde und Verwandte einfach zu Weihnachten dazu. Ich bin deshalb froh, dass dieses Jahr mein Zwillingsbruder mit mir reist und ich so einen Teil meiner Familie bei mir habe. Natürlich wird uns trotzdem etwas fehlen, das ist klar. Aber ich denke, dass auf so einer spannenden Reise die positiven Gefühle überwiegen.

Ich freue mich auch sehr darauf, mehr über die Weihnachtsbräuche auf den Philippinen zu erfahren. Man feiert die Geburt Christi dort rund vier Monate lang, also von September bis Januar. In den Großstädten ist alles beleuchtet, überall erklingen Weihnachtslieder. Aber trotz des ganzen Kitschs ist Weihnachten auf den Philippinen ein sehr kulturelles und religiöses Fest. Viele Menschen hier sind sehr gläubig.

Oft sieht man Kinder, die um die Häuser ziehen und Weihnachtslieder singen. Ich habe gehört, dass die ersten Weihnachtsmessen hier bereits am 16. Dezember angesetzt sind. Meist beginnen sie schon um 3 Uhr morgens und ziehen sich dann durch den ganzen Tag. Man sagt, wer alle neun Messetermine besucht, bekommt dem Glauben zufolge einen besonderen Wunsch erfüllt.

Wie mein Bruder und ich Weihnachten auf der Insel verbringen, lassen wir auf uns zukommen. Wir haben bisher noch nichts geplant. Wahrscheinlich werden wir Heiligabend dieses Jahr direkt am Meer feiern.

Schnee haben wir zwar keinen, dafür aber weißen Sandstrand.“

Jannis Fritz:

„Seit ich denken kann, ist Weihnachten für mich ein sehr fröhliches Fest. Bisher habe ich Heiligabend immer gemeinsam mit meiner Familie zu Hause im vertrauten Wohnzimmer gefeiert.

Nach dem Gottesdienst wird gemütlich gegessen und anschließend die Geschenke verteilt – Oma darf dabei natürlich nicht fehlen.

Dieses Jahr haben mein Bruder und ich die Geschenke schon sehr früh besorgt, sodass sie am 24. Dezember pünktlich unter dem Tannenbaum liegen. Ob ich selbst auch beschenkt werde, steht noch in den Sternen

Ich habe eine sehr große Familie, deshalb bedeutet es mir viel, die Weihnachtstage gemeinsam mit Freunden und Verwandten zu verbringen. Es ist ein Fest der Freude und diese Freude sollte man im Kreise seiner Liebsten teilen.

Heiligabend unter Palmen

In diesem Jahr wird Weihnachten aber ganz anders ablaufen. Mit meinem Zwillingsbruder verbringe ich das Fest auf der philippinischen Insel Palawan. Am Strand unter Palmen, bei 30 Grad, mit anderen Leuten und vielleicht sogar neuen Freunden werde ich eine ganz neue Seite des Fests kennenlernen.

Wir lassen uns überraschen, wie Heiligabend hier gefeiert wird. Ich freue mich auf die spannende Erfahrung. Ich bin mir sicher, dass mir dieser Urlaub noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

Da ich zusammen mit meinem Bruder reise, verbringe ich Weihnachten ja nicht ganz ohne meine Familie. Meine Eltern, meine Schwester, meine Oma und alle anderen Verwandten vermisse ich natürlich trotzdem, wenn ich an Heiligabend denke.

Ich glaube, es würde mich sehr viel Überwindung kosten, das Fest ganz alleine, also ohne meinen Bruder oder einen guten Freund, im Ausland zu verbringen. Ausschließen würde ich es aber trotzdem nicht.

Doch egal wo und mit wem ich Weihnachten feiere, ohne das leckere Schaschlik meiner Mutter, das es bei uns immer an Heiligabend gibt, fehlt definitiv etwas.“

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Verschneite Weihnachten? Nicht bei Julian (links) und Jannis. Sie feiern am weißen Sandstrand. Foto: privat/Archiv

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Anna verbringt ihr diesjähriges Weihnachtsfest bei Sommertemperaturen. Foto: privat/Archiv

© Anna Glatt


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