„Fernsehfilmfestival ist ein Diskursraum“

Baden-Baden (cl) – Hans-Jürgen Drescher ist Präsident der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste. BT-Redakteurin Christiane Lenhardt sprach mit ihm über die Zukunft des Fernsehfilmfestivals.

Akademiepräsident Drescher möchte bei der Entwicklung des Fernsehfilms Studierende noch intensiver einbeziehen. Foto: Thomas Viering

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Akademiepräsident Drescher möchte bei der Entwicklung des Fernsehfilms Studierende noch intensiver einbeziehen. Foto: Thomas Viering

BT: Herr Drescher, das Amt des Akademiepräsidenten ist ein Ehrenamt. Sie bekleiden es seit vier Jahren. Was bedeutet Ihnen das?

Hans-Jürgen Drescher: Das ist für mich nicht unanstrengend, denn ich habe auch noch einen Hauptberuf, der mich sehr fordert. Aber es ist auch beglückend, wenn Sie sehen, dass Sie durch das Ehrenamt etwas bewegen, gesellschaftliche Entwicklungen beeinflussen und Perspektiven entwickeln können.

BT: In die Akademie wird man berufen.

Drescher: Ja, das ist mittlerweile 26 Jahre her. Die beschleunigte Veränderung fast aller Lebensbereiche hat sich auf die darstellenden Künste ausgewirkt. Die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste stand und steht vor neuen Herausforderungen. Dass die Akademiemitglieder mir in dieser Situation Vertrauen geschenkt und mich zum Präsidenten gewählt haben, hat mich sehr gefreut. Jetzt muss sich die Akademie auf ihre Wurzeln besinnen und wieder den Charakter einer Arbeitsakademie annehmen.

BT: Wo steht die Akademie in der Gesellschaft?

Drescher: Die darstellenden Künste sind gesellschaftlich relevant. Mit ihren fiktionalen Erzählungen eröffnen sie Möglichkeitsräume, sind Garanten einer freien, pluralistischen und demokratischen Gesellschaft. Die Akademie setzt sich dafür ein, dass die gesellschaftspolitische Dimension der darstellenden Künste erhalten bleibt. Sie mischt sich in kulturpolitische Debatten ein, beschäftigt sich mit den Auswirkungen der Digitalisierung, kämpft für die Wahrung des Kulturauftrags durch die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und vieles andere mehr.

BT: Sie haben noch ehrenamtliche Mitstreiter in der Akademie der Darstellenden Künste.

Drescher: Das Präsidium besteht neben mir aus zwei Vizepräsidenten; das ist Bettina Reitz, die Präsidentin der Hochschule für Fernsehen und Film in München, davor lange Fernsehchefin des Bayerischen Rundfunks und Anselm Weber, dem Schauspielintendanten der Städtischen Bühnen Frankfurt. Schatzmeister ist Christoph Buggert, der ehemalige Hörspielleiter des Hessischen Rundfunks. Mir war es wichtig, dass auch die Medien im Präsidium vertreten sind. Geschäftsführerin ist Daniela Ginten.

Who’s who der Theater-, Film-, Fernseh- und Hörfunkszene

BT: Welche Einflüsse hat die Akademie?

Drescher: Die Akademie hat zurzeit circa 420 Mitglieder. Die Liste ihrer Namen liest sich wie ein Who’s who der Theater-, Film-, Fernseh- und Hörfunkszene. Es gibt eine große Schnittmenge mit dem Deutschen Bühnenverein. Viele Intendantinnen und Intendanten der Theater sind Akademiemitglieder. Es ist eine Stärke der Akademie, dass sie ein Netzwerk von Persönlichkeiten bildet, die auf gesellschaftliche, kulturpolitische und ästhetische Diskurse Einfluss nehmen.

BT: Wie öffentlichkeitswirksam kann die Akademie sein?

Drescher: Die Akademie engagiert sich öffentlich wirksam durch ihre Festivals und Preisvergaben. Sie trägt nicht nur das Baden-Badener Fernsehfilm-Festival und die zugehörigen Preise, sondern auch zusammen mit dem Deutschen Bühnenverein den Theaterpreis „Faust“. Sie verleiht gemeinsam mit der Stadt Bensheim die renommierte Schauspieler-Auszeichnung „Gertrud Eysoldt-Ring“, veranstaltet die „Woche junger Schauspielerinnen und Schauspieler“ und hat jetzt erstmals ein Digital-Festival in Darmstadt durchgeführt. – Die südhessische Stadt Bensheim ist übrigens seit 2004 Sitz der Akademie.

BT: Wie kam es dazu?

Drescher: Von 1962 bis 2004 war die Akademie in Frankfurt beheimatet. Im Januar 2004 beschloss der damalige Frankfurter Kulturdezernent, die Akademie nicht mehr finanziell zu unterstützen. Es ging um eine kleine Summe, die aber für die Akademie überlebenswichtig war. Das vergleichsweise kleine Bensheim sprang damals in die Bresche.

BT: Die Akademie ist 1956 gegründet worden, von renommierten Theater- und Filmschaffenden, aber auch Intellektuelle wie Walter Jens waren dabei. Was wollten die Gründer damals?

Drescher: Die Schauspielerin Elisabeth Flickenschildt war auch mal Akademiepräsidentin. Die Gründung erfolgte in einer Zeit, in der es darum ging, Theater deutlich zu positionieren. Gegründet wurde die Akademie in Hamburg. Erwin Piscator hat sie Anfang der 60er Jahre nach Frankfurt gebracht. Das hatte vor allem mit den Grund, dass es in Frankfurt den Generalintendanten Harry Buckwitz in den Städtischen Bühnen gab. Er war politisch engagiert und hat als Erster im Westen Stücke von Bertolt Brecht gespielt. Das war zu Zeiten des Kalten Kriegs, und Brecht war im Westen als Kommunist verschrien. Die Akademie hat von ihren Anfängen an Position bezogen.

Wieder mehr politische Einmischung

BT: Da war sie sehr politisch.

Drescher: Ja, absolut. Mein Anliegen ist, dass die Akademie sich wieder mehr politisch einmischt, dass sie sich künftig mehr arbeitsbezogenen als repräsentativen Aufgaben widmet.

BT: Eine renommierte Institution in Deutschland – aber wohl finanziell längst nicht auf Rosen gebettet. Sollte sich die Politik stärker engagieren?

Drescher: Die Akademie erhält eine bescheidene Unterstützung durch die Stadt Bensheim. Sie erhebt keine Mitgliedsbeiträge, ist auf Spenden angewiesen. Glücklicherweise zeichnet sich jetzt eine institutionelle Förderung durch die öffentliche Hand ab.

BT: Eines der wichtigsten Formate ist das Fernsehfilm-Festival Baden-Baden, das vor rund einer Woche mit der Preisverleihung online zu Ende gegangen ist. Wie geht es da weiter?

Drescher: Die Akademie hat einen Reformprozess in Gang gesetzt, hat eine Arbeitsgruppe zur Neuausrichtung des Festivals ins Leben gerufen. Die aktuell positiven Erfahrungen mit Online-Formaten werden in die Überlegungen Eingang finden.

BT: Den Hans-Abich-Preis hat die Akademie in diesem Jahr an Anke Greifeneder, eine Serienspezialistin, vergeben.

Drescher: Ob Serienformate ins Festival aufgenommen werden, steht zur Debatte. Wie das Festival künftig aufgestellt sein wird, was realisiert werden kann, muss natürlich mit den Partnern 3sat und SWR abgestimmt werden.

BT: Vor allem kommt dann üblicherweise in Baden-Baden eine Woche lang die deutsche Fernsehbranche zusammen.

Drescher: Das Festival lebt vom Diskurs. Das gilt für die Fernsehschaffenden, das gilt fürs Publikum. Die Akademie sieht den Diskursraum als wesentlichen Bestandteil des Festivals. Die öffentlichen Jury-Diskussionen sind einmalig und unverzichtbar. Das gilt auch für die Podiumsgespräche zur Zukunft des Genres, die von Experten geführt werden. Eminent wichtig ist auch das Einbeziehen von Studierenden verschiedener Fernseh- und Filmhochschulen in die Zukunftsdiskurse.

Schauspieler benötigen die Interaktion

BT: Wird sich das Theater durch Corona verändern?

Drescher: Ja, das wird es. Nach Corona wird vieles nicht mehr so sein wie zuvor. Das Theater lernt immer mehr, mit digital gestützten Medien umzugehen. Die staatliche Theaterakademie August Everding in München, die ich im Hauptberuf leite, experimentiert in diesen Zeiten immer mehr mit digitalen Formaten. Während des ersten Lockdowns haben wir eine online erarbeitete und live gestreamte Produktion von Thornton Wilders Stück „Wir sind noch einmal davongekommen“ herausgebracht. Auch wenn solche Formate die lebendige Interaktion der Schauspieler untereinander und mit dem Publikum nicht ersetzen können, so werden sie das Theater der Zukunft mehr prägen, als wir es jetzt erahnen können.

BT: Am 5. Dezember ist der „Tag des Ehrenamts“. Wie schätzen Sie ihn ein?

Drescher: Das ist ein wichtiger Tag. Ohne die vielen Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren, bräche das öffentliche Leben zusammen. Zum Glück haben wir einen Bundespräsidenten, der dies immer wieder hervorhebt und würdigt.


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