Fernsehvorschule mit Krümelmonster

Hamburg (BT) – Die „Sesamstraße“ startet vor 50 Jahren im deutschen Fernsehen in der Originalsprache. Eltern und Pädagogen kritisierten die US-Sendung zunächst. Erst 1978 kommen deutsche Figuren dazu.

Wer kennt sie alle? Das Krümelmonster (unten, von links), Finchen, Ernie, Bert, Feli Felu, sowie (oben, von links) Tiffy, Grobi Samson, Elmo und Rumpel mit seinem Freund Gustav. Foto: NDR/Sesame Workshop/dpa

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Wer kennt sie alle? Das Krümelmonster (unten, von links), Finchen, Ernie, Bert, Feli Felu, sowie (oben, von links) Tiffy, Grobi Samson, Elmo und Rumpel mit seinem Freund Gustav. Foto: NDR/Sesame Workshop/dpa

Ernie und Bert haben Grund zum Feiern: Die „Sesamstraße“ mit den liebenswerten Puppen und den lehrreichen Filmen feiert Geburtstag. Vor 50 Jahren, am 5. April 1971, flimmerte die „Sesame Street“ (so der Originaltitel) zum ersten Mal über die bundesdeutschen Bildschirme. Das NDR-Fernsehen zeigte damals ein paar Folgen der 1969 in den USA gestarteten Kindersendung in der unsynchronisierten Originalfassung als Testprogramm. Inzwischen läuft die beispiellos populäre Reihe mit dem grünen Frosch Kermit, dem unheimlichen Graf Zahl, dem kekssüchtigen Krümelmonster und Gaststars wie Michelle Obama in etwa 150 Ländern, darunter Russland, China oder Nigeria.

Das Krümelmonster gehört zu den Originalfiguren aus den USA. Foto: Georg Wendt/dpa

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Das Krümelmonster gehört zu den Originalfiguren aus den USA. Foto: Georg Wendt/dpa

Unlängst wurde sogar ein Teil einer Straße am Central Park in New York in „Sesame Street“ umbenannt. Dem Start der Sendung mit den von Jim Henson erdachten Puppen waren 1969 in den USA lange pädagogische Überlegungen vorausgegangen. Ziel war es, die Lerndefizite kulturell und sozial benachteiligter Kinder im Vorschulalter zu kompensieren. Das Konzept ging auf: Rund 1.000 Studien haben seither belegt, wie enorm Kinder von der „Sesamstraße“ profitieren.

Wes und sein Vater Elijah, die neuen schwarzen Puppen in der US-Ausgabe der „Sesamstraße“. Sie sollen ein Zeichen gegen Rassismus setzen. Foto: Sesame Workshop/dpa

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Wes und sein Vater Elijah, die neuen schwarzen Puppen in der US-Ausgabe der „Sesamstraße“. Sie sollen ein Zeichen gegen Rassismus setzen. Foto: Sesame Workshop/dpa

Die Reihe hat schon Generationen von Zuschauern Zahlen und Buchstaben beigebracht, aber zum Beispiel auch Themen wie Freundschaft, Aids oder Autismus erklärt. Außerdem setzt sich die US-Kindersendung immer wieder gegen Rassismus ein und hat gerade dieser Tage zwei neue, schwarze Puppen eingeführt: den fünfjährigen Wes und seinen Vater Elijah.

In Deutschland liefen im April und im Mai 1971 in den dritten Programmen des NDR und des WDR jeweils fünf US-Ausgaben der „Sesame Street“ in Originalsprache, 1973 startete dann die deutsche Adaption der „Sesamstraße“ – allerdings nicht ohne Geburtswehen.

Kritik entzündet sich am Ghetto-Anflug

Zwar war die Zeit in der Bundesrepublik damals reif für neues Kinderfernsehen, nicht zuletzt die Studentenbewegung hatte neue pädagogische Konzepte ins Gespräch gebracht. Doch die ungewöhnliche Sendung stieß unter anderem bei Pädagogen auf Skepsis: Sie waren der Ansicht, dass Vorschulkinder gar nicht fernsehen sollten. Das „Zeit Magazin“ schrieb, die Sendung mache „denkträge“, der Bayerische Rundfunk strahlte sie anfangs gar nicht aus.

Konservative Eltern waren zudem erbost, weil die deutschen Zuschauer bis 1978 noch die für Amerika gedrehte Rahmenhandlung zu sehen bekamen: Sie spielte in einer fiktiven Großstadtstraße mit Ghetto-Anflug.

Trotz allem eroberte die „Sesamstraße“ die Herzen von groß und klein, ihr Titellied kann bis heute jeder mitträllern: „Der, die, das. Wer, wie, was? Wieso, weshalb, warum? Wer nicht fragt, bleibt dumm.“

Die deutsche Ausgabe hat sei 1978 ihre eigene Rahmenhandlung und eigene Figuren wie Samson. Foto: Sven Hoppe/dpa

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Die deutsche Ausgabe hat sei 1978 ihre eigene Rahmenhandlung und eigene Figuren wie Samson. Foto: Sven Hoppe/dpa

Erst ab 1978 gab es dann deutsche Studiogeschichten als Rahmenhandlung. Mit dabei war der gutmütige Zottelbär Samson, den die jungen Zuschauer rasch ins Herz schlossen, der altkluge rosa Vogel Tiffy sowie bekannte Darsteller wie Liselotte Pulver oder auch Manfred Krug.

Die Produktionsfirma Studio Hamburg passt Spielhandlungen und Figuren immer wieder dem Zeitgeist an: Zählten Samson und Tiffy zu den Stars der ersten Stunde, sind es heute im Spartensender Kika das pfiffige Schaf Wolle und sein einfältiger Freund Pferd. Die beiden sind sogar zu Helden der eigenen Serie „Sesamstraße präsentiert: Eine Möhre für zwei“ avanciert. Außerdem bekommt die „Sesamstraße“ regelmäßig Besuch von Gaststars – so waren schon Herbert Grönemeyer, Lena Meyer-Landrut oder Helene Fischer da.

Natürlich macht die Kommerzialisierung auch vor der pädagogisch wertvollen Sendung nicht halt. So sorgen weltweit Tausende Fanartikel wie Badelaken oder Kaffeebecher mit Bildern von Kermit und Co. für Umsatz. In den USA haben neue Folgen der „Sesame Street“ mit der bunten Puppentruppe um Ernie und Bert, denen seit einer Weile ein homosexuelles Verhältnis nachgesagt wird, längst beim Bezahlsender HBO Premiere. Zu den ausgemachten Lieblingen der amerikanischen Zuschauer zählen übrigens der pelzige rote Elmo und das verfressene Krümelmonster.


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