Fest verankert in der Gernsbacher Geschichte

Gernsbach (ueb) – Eine thematische Stadtführung „Auf dem Sabbatweg“ führte zu Orten jüdischen Lebens in Gernsbach.

Sabine Giersiepen (rechts) und Irene Schneid-Horn (links) gehen mit interessierten Bürgern auf Spurensuche nach jüdischer Kultur und ihrer lokalen Verankerung in Gernsbach. Foto: Dagmar Uebel

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Sabine Giersiepen (rechts) und Irene Schneid-Horn (links) gehen mit interessierten Bürgern auf Spurensuche nach jüdischer Kultur und ihrer lokalen Verankerung in Gernsbach. Foto: Dagmar Uebel

Von den einstigen Wohnungen und Geschäften jüdischer Mitbürger führten Dr. Irene Schneid-Horn und Sabine Giersiepen vom Arbeitskreis Stadtgeschichte zum Standort der ehemaligen Synagoge. Dabei machten sie, fast im Vorübergehen, die jüdische Kultur und die lokale Verankerung der Gernsbacher Familien deutlich.

Beim Thema jüdischer Familien in Gernsbach weiß sich die Stadt gut aufgestellt. Gedenksteine auf dem Nepomukplatz erinnern an eins der dunkelsten Kapitel der Stadtgeschichte. Veranstaltungen halten die Erinnerung an die Opfer lebendig. Ein jahrelang namenloser Wegabschnitt weist inzwischen darauf hin, dass dort nur zehn Jahre lang eine stattliche Synagoge stand.

1940 aus Gernsbach deportiert

Obwohl die Namen der 1940 aus Gernsbach deportierten Juden auf Stolpersteinen nachzulesen sind, ist das Wissen über das über Jahrhunderte gut funktionierende Zusammenleben weniger bekannt. 1638 ist der erste Jude „Israel“ als Schutzjude in der Stadt nachgewiesen. 1722 ergab eine Volkszählung vier Erwachsene jüdischen Glaubens, die in der Judengasse ihren Wohnsitz hatten. Unter ihnen war der Kolonialwarenhändler Simon Kauffmann, der 1809 den aus ebersteinischem Besitz stammenden „Lustgarten“ erwarb – mit der Erlaubnis, dort ein Gast- und Badhaus zu errichten. Durch Zuzüge aus der näheren Umgebung (Bühl, Malsch, Kuppenheim, Hörden) im Verlaufe des 19. Jahrhunderts wuchs die israelitische Gemeinde bald auf 68 an. Die Gewerbebetriebe der Familien Neter, Kahn und Stern, Nachmann, Marx und Maier belebten die Stadt.

Gut integriert, waren sie im Gemeinderat und in Vereinen, in der Freiwilligen Feuerwehr, in der Murgtal-Eisenbahn-Gesellschaft und im Kurkomitee tätig. Dort, wo jetzt auf dem Färbertorplatz Autos parken, konnte 1858 die Gernsbacher jüdische Gemeinde einen neuen Betsaal einweihen und bis 1927 nutzen. Am Marktplatz wirkte der Metzger Adolf Maier. Zusammen mit vier Gesellen bot er bis 1933 nicht nur koschere Fleischwaren an. In der Hauptstraße 20 drückten jüdische und christliche Kinder gemeinsam die Schulbänke der Höheren Bürgerschule.

Unter ihnen waren auch der spätere Theologe und evangelische Pfarrer Hermann Maas und Eugen Neter. Diese jüdische Familie betrieb am Marktplatz eine florierende Eisenwarenhandlung. Noch heute lädt die Neter-Schutzhütte, 1922 von seinen Kindern gestiftet, Wanderer auf dem Weg zum Müllenbild zur Rast ein. In der St. Jakobsgasse, auch unter dem Namen Hof bekannt, lebte die Familie des Viehhändlers Lion Marx. Sich vehement gegen die berufliche und gesellschaftliche Ausgrenzung wehrend, musste die Familie die „Reichspogromnacht“ erleben und floh 1939 in die USA.

Einstiges Bankhaus Dreyfuß an der Stadtbrücke

Direkt an der Stadtbrücke gelegen, konnte das Bankhaus Dreyfuß 1906 schon sein 100-jähriges Jubiläum feiern. Gustav Dreyfuß, der dem Bankhaus vorstand, wurde 1914 für seine Verdienste vom Großherzog mit dem Ritterkreuz zweiter Klasse vom Orden des Zähringer Löwen ausgezeichnet. Später im Besitz der Deutschen Bank, ist heute im immer noch repräsentativen Gebäude ein Reisebüro zu finden.

Von der Stadtbrücke aus bot sich den Betrachtern ein wunderbar geschlossenes Bild auf die eng an eng stehenden Wohn- und Geschäftshäuser in der Bleich- und der Igelbachstraße. Zu ihren besten Zeiten hatten zahlreiche jüdische Bewohner dort ihr Zuhause und ihr Auskommen. Emil Nachmann führte zusammen mit seiner Frau Rita und seinem Schwager Julius Ochs ein Ausstattungs- und Möbelgeschäft, die Kaufleute Joseph und Hermann Dreyfuß ein Eisenwarengeschäft, die Gebrüder Baer unterhielten ein Kaufhaus für Herren- und Damenkonfektion und Sportbekleidung. Hermann Nachmann führte ein Geschäft für Haushaltswaren, Handwerkerbedarf und Werkzeug. Arthur und Erna Kahn und Hilde Dreyfuß boten Manufakturwaren und Konfektion an, Eugen Lorsch Metzgereibedarf.

Synagoge von 1928 bis 1938 in der Austraße

1938 musste die Familie Moritz Stern ihr Bekleidungsgeschäft in der Igelbachstraße schließen, die Familie kam in Dachau ums Leben. Dennoch erinnerte sich sein im selben Haus wohnender Neffe, Ernst Pappenheim, viele Jahre später in einem Brief ohne Groll an seine schöne Kindheit in Gernsbach. Der Weg der Stadtführung kam nicht ohne einen Blick hinauf zum Kriegerdenkmal, auf die Stolpersteine und auf die Gedenksteine an der Stadtbrücke aus. Den Schluss bildete die Austraße, in der von 1928 bis zu ihrer Zerstörung 1938 die Synagoge stand. Ein Gedenkstein, eine Kerze davor und das nach ihr benannte Straßenschild erinnern noch heute an einen bedeutsamen Teil jüdischen Lebens in Gernsbach.


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