Festjahr: 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland

Baden-Baden/Köln (kli) – Der Verein „1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ hat sich für das Festjahr 2021 einiges vorgenommen. Im September ist das größte Laubhüttenfest der Welt geplant.

Ein traditionelles israelisches Eiergericht Shakshuka: Zum jüdischen Leben in Deutschland gehört nicht nur die Religion, sondern auch die Küche. Foto: Jens Kalaene/dpa

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Ein traditionelles israelisches Eiergericht Shakshuka: Zum jüdischen Leben in Deutschland gehört nicht nur die Religion, sondern auch die Küche. Foto: Jens Kalaene/dpa

Seit mindestens 1.700 Jahren ist jüdisches Leben in Deutschland präsent. Ein in Köln angesiedelter Verein, der das Jubiläum bundesweit betreut, hat sich für das Festjahr einiges vorgenommen. Dass die Pandemie viele Veranstaltungen bislang nur online ermöglicht, stört den leitenden Geschäftsführer des Vereins „1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“, Andrei Kovacs, nicht. „Der Antisemitismus ist das älteste Virus der Menschheitsgeschichte. Corona wird uns da nicht abschrecken“, sagt er.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verlässt die Synagoge in Halle/Saale durch den Eingang, durch den an Jom Kippur, am 9. Oktober 2019, ein bewaffneter Rechtsextremist in das Gotteshaus eindringen wollte. Foto: Hendrik Schmidt//dpa /Archiv

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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verlässt die Synagoge in Halle/Saale durch den Eingang, durch den an Jom Kippur, am 9. Oktober 2019, ein bewaffneter Rechtsextremist in das Gotteshaus eindringen wollte. Foto: Hendrik Schmidt//dpa /Archiv

Offizieller Auftakt für das Gedenkjahr, das unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier steht, ist der digitale Festakt am Sonntag, 21. Februar, der in der ARD übertragen wird.

Darüber hinaus ist für den September unter dem Motto „Sukkot XXL“ das größte Laubhüttenfest der Welt in Deutschland geplant, nicht nur in Berlin, sondern in vielen Städten. Hinzu kommen Konzerte, Vorträge, Lesungen, wöchentliche Podcasts und Videos. Kovacs freut sich über „lawinenartiges Interesse“ in der Republik, man fördere mit staatlichen Geldern zurzeit 450 Projekte bundesweit, darunter auch einige in Baden-Württemberg (siehe „Zum Thema“ am Ende des Textes).

Vertrauen durch Empathie

Ein mehrmonatiges Kulturfestival „Mentsh!“ (Jiddisch für „Mensch“) soll jüdisches Leben heute vermitteln, es geht um gemeinsames Kochen, Tanzen und Basteln. „Wir wollen versuchen, Vertrauen zu schaffen. Das geht nur durch Empathie. Man muss sich kennenlernen“, sagt Kovacs. Dazu soll auch ein Puppentheater beitragen, das das ganze Jahr über jüdische Feiertage spielerisch erklären soll. Mit einigen Bundesländern, darunter Baden-Württemberg, hat der Verein Kooperationsverträge abgeschlossen. „Ich denke, dass wir mit dem Festjahr zur richtigen Zeit das Richtige tun“, ist Kovacs überzeugt.

Ziel sei, eine Normalität im Verhältnis zu entwickeln, die es noch nicht gebe. „Meine Kinder haben meine Großeltern, die im KZ waren, nicht mehr kennenlernen können. Wir dürfen die Schoah nicht vergessen, aber wir sollten auch aus den positiven Aspekten der Vergangenheit lernen. Wir wollen die Gegenwart und die Zukunft gestalten. Damit meine Kinder sagen können: ,Es ist normal, Deutscher und Jude zu sein.’ Das ist noch nicht der Fall“, erzählt Kovacs.

„Die Normalität feiern wir nicht, denn die gibt es noch nicht und gab es noch nie. Ich glaube aber, die Gesellschaft ist langsam bereit, in die Zukunft zu schauen und nicht nur in die Vergangenheit“, hofft Kovacs. Dazu gehöre, dass Juden „sich selbstbewusst zeigen und einfordern, ein Teil der Gesellschaft zu sein“. Denn Juden hätten eine starke Verbundenheit zum Land.

Unverkrampfter Umgang angestrebt

Kovacs glaubt, dass mit dem Festjahr ein Wendepunkt erreicht werden kann, um unverkrampfter miteinander umzugehen. Dazu wolle man jüdisches Leben in seiner ganzen Vielfalt abbilden. „Es gibt unfassbar viele Arten, wie Juden jüdisches Leben leben. Wir leben ein ganz normales Leben“, versichert er. Oft reagierten Menschen irritiert bis schockiert, wenn sie erstmals einem Juden begegnen. „Das ist schade. Ich finde es nicht außergewöhnlich, Jude zu sein. Ich bin in Rumänien geboren, aber in Deutschland aufgewachsen. Man muss nicht schockiert sein, wenn man einem Juden begegnet“, versichert Kovacs. Man wolle vermitteln: Judentum sei mehr als nur die Religion. Er zählt auf: „Es ist auch Kultur, Schicksalsgemeinschaft, Humor und Küche.“

Heute sei die jüdische Gemeinde in Deutschland bis zu 90 Prozent russischstämmig. Kovacs findet das einen spannenden Prozess. „Es bildet sich ein neues jüdisches Leben in Deutschland. Ohne die Zuwanderung aus den früheren Sowjetrepubliken wäre das Judentum hier höchstwahrscheinlich ausgestorben.“

Gleichwohl weiß Kovacs, dass der Kampf gegen Antisemitismus eine Daueraufgabe ist. Jeder vierte Bürger in Deutschland habe antisemitische Stereotype im Kopf. Es sei wichtig, dieses Denken im Keim zu ersticken, bei der Bundeswehr, im Internet, in Schulen und Unternehmen.

Bei aller angestrebten Normalität weiß Kovacs: „Es fällt vielen schwerer, über jüdisches Leben als über jüdischen Tod zu sprechen.“ Das Interesse sei immer größer, wenn es um Anschläge, Schoah und Antisemitismus gehe.

Zum Thema: Doku-Film und Vorträge

Das Festjahr 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland geht zurück auf ein Edikt des römischen Kaisers Konstantin 321 in Köln: Dieses erlaubte, „allen Stadträten, Juden in den Rat zu berufen.“ Das Edikt gilt als der früheste schriftliche Nachweis für jüdisches Leben nördlich der Alpen. Der Verein „1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ plant für das Festjahr zahlreiche Aktionen. Baden-Württemberg hat mit dem Verein eine Kooperationsvereinbarung geschlossen. Das Land erstellt mit der Filmakademie einen Dokumentationsfilm „Jüdisch in Baden-Württemberg“, der unter anderem Schulen zur Verfügung gestellt werden soll. Ein Onlineportal listet Veranstaltungen in Baden-Württemberg auf. So gibt es Lesungen und Vorträge in der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe sowie an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg.


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