Festspielhaus-Chef im Interview über Mariinsky-Absage

Baden-Baden (cl) – „Einen Zyklus für die Ewigkeit“, nennt Festspielhaus-Chef Benedikt Stampa den fulminanten Start mit den aufgezeichneten Beethovenkonzerten. Traurig sei er über die Mariinsky-Absage.

„Wir haben lange daraufhin gearbeitet“: Der Baden-Badener Festspielhaus-Intendant Benedikt Stampa empfindet zum Festspielstart an diesem Wochenende „eine tiefe Genugtuung“, trotz der traurigen Mariinsky-Absage.  Foto: Uli Deck/dpa

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„Wir haben lange daraufhin gearbeitet“: Der Baden-Badener Festspielhaus-Intendant Benedikt Stampa empfindet zum Festspielstart an diesem Wochenende „eine tiefe Genugtuung“, trotz der traurigen Mariinsky-Absage. Foto: Uli Deck/dpa

„Es war sehr bewegend, fulminant und an die Seele gehend“, sagt Festspielhaus-Intendant Benedikt Stampa am Sonntag im BT-Gespräch – nach den ersten Konzertabenden der lange ersehnten Sommerfestspiele. Mit dem Chamber Orchestra of Europe unter Yannick Nézet-Séguin und mit US-Mezzosopranistin Joyce DiDonato gelang ein Auftakt nach Maß. Gerade komme er aus der Probe zur neunten Sinfonie von Beethoven, erklärt er, die am Abend auf dem Programm steht – „Freude schöner Götterfunken“ kann man da nur mit Schiller ausrufen. „Es ist gerade im Festspielhaus, wie es eigentlich sein sollte.“ Auftrieb, Umtrieb und viel Musik.

Trotz der Beschränkung auf 500 Zuschauer pro Konzert sei die auratische Präsenz des Publikums da gewesen. Ich glaube, dass die Menschen schon gewusst haben, dass sie nun lauter klatschen müssen“, so Stampa. Insgesamt empfinde er „eine tiefe Genugtuung und Befriedigung – wir haben lange daraufhin gearbeitet.“ Trotz stabil niedriger Inzidenzen in Baden-Baden sei dieser Neustart nach neun Monaten coronabedingter Zwangspause ja bis zuletzt auch immer noch auf der Kippe gestanden. Aufgrund der Corona-Bedingungen sei nicht gleich klar gewesen, ob die Musiker aus vielen europäischen Ländern, auch aus Großbritannien, alle einreisen können. „Wir haben darum gekämpft, dass auch Yannick aus Montréal, Kanada, einreisen kann. In diesen Zeiten ist die Unwägbarkeit unser ständiger Begleiter.“

„Fünfte Sinfonie aus dem Geiste des Streichquartetts heraus“

Trotz des Wagnisses hat Intendant Stampa immer an das Großprojekt Beethoven-Zyklus mit allen neun Sinfonien an zwei Festspielwochenenden festgehalten. „Weil ich immer daran glaube, dass man solche großen Projekte in Baden-Baden machen muss, auch gerade die zyklischen Projekte, die programmatisch wichtigen, auch einmaligen Projekte – immer das, was einmalig ist, ist auch meistens riskant.“ Wenn es gelinge, seien am Ende alle froh. „Das ist auch ein Zyklus für die Ewigkeit.“

Die Deutsche Grammophon zeichnet den Beethoven-Zyklus auf, und das Festspielhaus hat zusätzlich seine Digital Festival Hall, die neue Videoplattform, auf der die Konzertvideos stets aktuell bereitstehen, in Betrieb genommen. „Ein Gesamtpaket“ – mit dem der Beethoven-Zyklus auch für die Zeit nach dem Festival festgehalten wird. „Der wirkt noch lange nach, auch digital.“

Damit wird Beethovens 250. Geburtstag, der 2020 mehr oder weniger Corona zum Opfer fiel, nun in Baden-Baden groß nachgefeiert – ideal in dieser Zeit: Seine Werke stehen für Zuversicht und Kraft. „Gerade am ersten Abend mit der fünften Sinfonie am Schluss“, so Stampa, sei das offenbar geworden. „Da sind so viele humanistische Botschaften auch in der Textur, dass sie einfach jetzt in die Zeit, in der wir sind, wunderbar passt.“ Das hätte das Publikum intuitiv gespürt. „Yannick Nézet-Séguin dirigiert die fünfte Sinfonie aus dem Geiste des Streichquartetts heraus, aus dem Geiste des Gesprächs und der Konversation, auch des Zuhörens, des kammermusikalischen Aufeinanderhörens.“

Sommerfestspiele gehen Ende Juli weiter mit Sonya Yoncheva und Christian Gerhaher

Zu den nächsten beiden Konzertabenden des Beethoven-Zyklusses am kommenden Wochenende darf das Festspielhaus dann als Modellprojekt des Landes bis zu 800 Besucher reinlassen – eine eröffnete Möglichkeit, auch wirtschaftlicher zu sein. „Es ist ein gemeinsames Ringen um die Wiedereröffnung“ – der Musiker auf der Bühne, der Mitarbeiter im Haus und der Politik.

Trotz der Anfangsfreude, für den zweiten Teil der Sommerfestspiele schlägt die Delta-Variante nun doch ins Kontor: Das Mariinsky-Gastspiel mit der geplanten Puccini-Oper „Tosca“ musste das Festspielhaus gestern endgültig absagen. „Das ist extrem traurig“, sagt Stampa. „Unsere Gedanken sind derzeit bei den Kolleginnen und Kollegen in St. Petersburg, die sich so sehr auf ihre Baden-Badener Aufführungen gefreut haben.“ Aber die Ausreise- wie die Einreisebedingungen seien mittlerweile derart streng, „dass wir einfach das Risiko nicht eingehen können: 250 Personen mit allem drum und dran herüberzuholen, hinzu kommt das Risiko, wenn bei der Aufführung 150 Menschen gemeinsam auf der Bühne stehen, das ist in diesen Zeiten nicht opportun.“

Ein Ausgleich ist gefunden. Dafür gibt es ein Konzertprogramm mit zwei Gesangsstars, die bereits mehrfach im Festspielhaus aufgetreten sind: Die Sopranistin Sonya Yoncheva wird am 24. Juli ein Gala-Konzert mit den Würth Philharmonikern unter der Leitung von Domingo Hindoyan geben. Der Bariton Christian Gerhaher singt am 25. Juli sein Schubert-Liederprogramm „Abendröthe“ mit dem bewährten Begleiter Gerold Huber am Klavier. „Wir freuen uns sehr, dass wir zwei große Sänger unserer Zeit stattdessen nach Baden-Baden holen konnten, die kommen auch gerne, das ist etwas Tolles und Eigenes.“ Auch etwas sicherer vom Reisen her.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Christiane Lenhardt

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Erstellt:
4. Juli 2021, 17:52 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 17sec

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