Festspielhaus-Intendant: „Ab September normaler Spielbetrieb“

Baden-Baden (cl) – „Ab Juli oder spätestens September läuft der Spielplan wieder normal“, sagt Festspielhaus-Intendant Stampa. Für die Sommerfestspiele will das Haus Modell-Projekt des Landes werden.

Der Baden-Badener Festspielhaus-Intendant Benedikt Stampa möchte bei den Sommerfestspielen ab Juli bis zu 500 Besucher einlassen – deswegen hat das Haus einen Modell-Antrag beim Land gestellt.  Foto: Uli Deck/dpa

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Der Baden-Badener Festspielhaus-Intendant Benedikt Stampa möchte bei den Sommerfestspielen ab Juli bis zu 500 Besucher einlassen – deswegen hat das Haus einen Modell-Antrag beim Land gestellt. Foto: Uli Deck/dpa

Die Inzidenzwerte in Baden-Baden sind im Sinkflug – und die Chancen fürs Festspielhaus Baden-Baden steigen, die geplanten Sommerfestspiele im Juli durchführen zu können. Die Planungen laufen auf Hochtouren, ein Modell-Antrag ist beim Land gestellt, um im Sommer bis zu 500 Besucher empfangen zu dürfen. „Ich bin mir ganz sicher, dass wir ab Juli oder spätestens ab September wieder ganz normales Programm haben werden“, sagt Festspielhaus-Intendant Benedikt Stampa im Interview mit BT-Redakteurin Christiane Lenhardt. Es gibt schon Vorreiter in den Nachbarländern.

BT: Herr Stampa, in Salzburg haben die Pfingstfestspiele mit Publikum stattgefunden. Verspüren Sie ein bisschen Wehmut, dass das in Baden-Baden nicht möglich war?
Benedikt Stampa: Dass die Pandemie in den jeweiligen Ländern nicht synchron abläuft, haben wir ja mittlerweile gelernt. Dass die Landesverordnung in Baden-Württemberg anders als etwa in Bayern so wenig Spielraum in einem so großen Haus lässt, hat uns schon die Tränen in die Augen getrieben. Baden-Württemberg hat relativ früh entschieden, dass wir die Pfingstfestspiele, wie ursprünglich geplant, nicht machen können. Wobei Salzburg noch früher entschieden hatte, dass sie die Pfingstfestspiele szenisch machen wollen. Insofern war das Rennen sehr früh entschieden. Leider.

BT: Sie haben einen Modell-Antrag ans Land gestellt, um die Sommerfestspiele mit 500 Besuchern pro Vorstellung durchführen zu können. Bis wann erwarten Sie Antwort?
Stampa: Das Land hat uns sehr spontan aufgefordert, sehr schnell den Modell-Antrag zu stellen, was wir auch innerhalb von drei Tagen gemacht haben. Das war schon ein Ritt über den Bodensee. Jetzt warten wir ab. Aber das ist eine parallel laufende Aktivität. Es gibt einen klaren Fahrplan des Landes für die Öffnungen der Theater, aber auch da ist, glaube ich, das letzte Wort noch nicht gesprochen – mit wie vielen Personen wir wirklich öffnen dürfen. Es tut sich in den anderen Bundesländern gerade sehr viel, ich bin im Austausch mit meinen Kollegen von anderen Festspiel- und Opernhäusern. Ich glaube, dass wir in drei Wochen dazu Genaueres sagen können.

Modell-Antrag für Festspielstadt gestellt

BT: Haben Sie Mitstreiter beim Modell-Projekt?
Stampa: Wir haben das allein gemacht, allerdings in enger Abstimmung mit der Stadt. Das ist eine Insellösung für Baden-Baden. Wir hatten bereits einen Erstantrag vor einigen Wochen gestellt, diesen hatten wir gemeinsam mit Hotels und Restaurants erarbeitet, doch dann griff die Bundes-Notbremse. Dieses Mal haben wir einen Antrag für das Festspielhaus und die Festspielstadt Baden-Baden gestellt. Damit man lernen kann, wie Tourismus und Gastronomie hochfahren können, wenn Kultur stattfindet.

BT: Hilft Ihnen dabei das Testkonzert der Berliner Philharmoniker von Anfang April?
Stampa: Ja auch. Es hilft alles, was wir bislang gemacht haben, auch die Konzerte im vergangenen Oktober mit Thomas Hengelbrock und die Ballette mit John Neumeier. Auch die technische Ausstattung des Hauses, also die moderne Be- und Entlüftung. Das haben wir alles eingebaut.

BT: Wie haben Sie Ihren Modell-Antrag begründet?
Stampa: Wir haben schon im vergangenen Oktober sehr viel gelernt, wie wir unter Corona-Auflagen spielen können, und wie unsere Teststation, die wir jetzt eingerichtet haben, vergrößern können. Wir haben uns eine medizinische Begleitung durch die Universität Heidelberg gesichert, die alles kontrolliert und mitbegleitet. Wir haben auch mit den Künstlern umfangreiche Erfahrungen gesammelt, denn wir hatten bereits Orchester und Chöre hier in Baden-Baden zu Proben da. Die Mannschaft ist gut aufgestellt dafür, sodass wir das mit der Begrenzung auf 250 Besuchern ziemlich gut hinbekommen – das gilt aber ebenso für 500. Wichtig ist für uns und unsere Besucherinnen und Besucher, dass wir ein sehr großes Vorderhaus haben. Da sehe ich, im Gegensatz zu anderen Häusern im wahrsten Sinne des Wortes wahnsinnig viel Luft.

BT: Sie würden die Besucherinnen und Besucher gegebenenfalls vor Ort testen?
Stampa: Ja. Wir würden mit Dienstleistern im oder vor dem Festspielhaus Teststationen einrichten. Man kann natürlich auch seinen Impfausweis vorzeigen, einen aktuellen PCR-Test-Nachweis mitbringen oder die entsprechend offizielle „Genesen“-Bescheinigung.

BT: Sie haben schon mehrfach betont, dass sich Aufführungen im Festspielhaus erst ab einer Mindestanzahl von 500 Zuschauern finanziell lohnen. Ab Mitte Juni könnten Sie 250 Besucher empfangen, sofern die Inzidenz unter 100 bleibt. Wäre das auch eine akzeptable Obergrenze für Sie?
Stampa: Wir haben schon sehr früh festgelegt, dass wir auch, wenn wir „nur“ für 250 Besucher spielen dürfen, im Juli spielen werden, aber wir hoffen gerade deshalb auch auf den eben erst in Berlin angekündigten Ausfall-Fonds für die Kultur. Ich glaube, die Besucherinnen und Besucher erwarten von uns, dass wir jetzt möglichst schnell auf dem Niveau der Sommerfestspiele wieder öffnen. Der Vorlauf ist jetzt auch gut für uns. Für den Beethoven-Zyklus mit Yannick Nézet-Seguin und einem Orchester mit Musikern, die aus ganz Europa angereist kommen, müssen wir die jeweiligen Einreisebestimmungen regeln.

Mit Hamburg Ballett für Herbst im Gespräch

BT: Wie umfangreich planen Sie die Sommerfestspiele?
Stampa: Wir planen neben dem Beethoven-Zyklus als Bonbon einen Liederabend mit Joyce DiDonato und der „Winterreise“. Dann werden wir Ende Juli, wie geplant das Gastspiel des Mariinsky-Theaters mit Valery Gergiev durchführen, mit der „Tosca“ und den Konzerten. Erstmals wollen wir eine Liveübertragung in den Kurpark machen. Das ist ein wichtiges Signal an die Baden-Badener. Nichts geht über das Live-Erlebnis.

BT: Was bedeutet es in diesen Zeiten, ein solches Gastspiel mit dem Mariinsky-Theater zu organisieren – ein ganzes Orchester, Sänger, samt Inszenierung von Russland nach Deutschland zu holen?
Stampa: Das ist logistisch noch mal eine Herausforderung. Das ist genau der Unterschied zwischen einem Festspielhaus und einem normalen Konzerthaus, wo vielleicht das eigene Orchester wieder auftreten kann oder ein Orchester aus der Gegend kommt. Das ist einfacher hochzufahren als ein Festspielhaus. Wir machen ja keine Tourneeprojekte, sondern einmalige Gastspiele oder Produktionen.

BT: Wie sind die Einreisebestimmungen aus Russland nach Deutschland derzeit?
Stampa: Mit dem Mariinsky-Theater sind wir in einem guten Austausch. Sie haben gerade eine Spanien-Tour hinter sich, insofern sind sie auch relativ gut organisiert.

BT: Sie hatten für die Pfingstfestspiele das „Beethoven-Projekt II“ von John Neumeier auf dem Programm. Die Premiere ist nun für den morgigen Samstag in Hamburg angesetzt. Kann der Abend im Herbst hier nachgeholt werden?
Stampa: Dazu sind wir gerade mit John Neumeier im Gespräch, wie wir den Herbst gestalten wollen, weil das unsere Chance ist, wieder normal zu spielen. Ab September werden wir unseren Spielplan wieder durchziehen können. Wir hatten mit John Neumeier schon weitreichende Pläne gehabt, und ich hoffe sehr, dass wir dann auch ein sehr gutes Programm anbieten können.

BT: Eine wichtige Produktion der verschobenen Osterfestspiele der Berliner Philharmoniker Anfang Mai war die Tschaikowsky-Oper „Mazeppa“? Hat sie eine Chance bei den Osterfestspielen 2022 neben „Pique Dame“?
Stampa: Die „Mazeppa“ hatten wir ja angesetzt für den April, dass es dann nicht einmal für den Mai klappte, war natürlich ein Schock. Wir wollen zusammen mit Kirill Petrenko und den Berliner Philharmonikern alles daran setzen, die „Mazeppa“ jetzt nicht ganz aus dem Boot fallen zu lassen. Und wir sind guter Hoffnung, dass es noch ein Wiedersehen geben wird.

„Wir werden 2020 seriös abschließen“

BT: Noch in diesem Jahr?
Stampa: Szenisch wird es kompliziert, aber es gibt eine konzertante Version. Da sage ich mal etwas sibyllinisch: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

BT: Wie steht das Festspielhaus finanziell da? Für 2020/21 hat das Haus vier Millionen Euro vom Land erhalten, gibt es weitere Zusicherungen von Land und Bund?
Stampa: Die vier Millionen Euro Zuschuss des Landes sind für 17 Monate ausgezahlt worden, für die Zeit der Pandemie bis zum Jahr 2021 einschließlich. Es wusste keiner, wie sich die Situation entwickeln würde, deshalb wurde der Zuschuss etwas gestreckt. Das hilft uns weiter, weil wir die Mittel in zwei Kalenderjahren nutzen können. Wir sprechen regelmäßig mit dem Land über die aktuelle Situation und fühlen uns gut verstanden. Schließlich sind schon wieder sechs Monate Umsatz-Verlust aufgelaufen. Wir hatten auch das Glück, dass wir bei der November- und Dezemberhilfe antragsfähig waren. Wir konnten das Haus sicher durch das Jahr 2020 bringen. Jetzt stehen wir vor der 21er Herausforderung.

BT: Und Sie hatten auch Unterstützung durch Private...
Stampa: Die private Unterstützung reicht von Besuchern, die Eintrittskarten spenden über den Freundeskreis bis zu den Stiftern hoch – eine wirkliche Bürgerbewegung. Das Haus wird getragen von einer sehr breitgefächerten Gruppe von Menschen. Wir haben Spenden von 50 bis 50.000 Euro bekommen. Es ist toll, zu sehen, wie die Menschen das Haus lieben. Insofern ist die Waage zwischen öffentlicher Förderung und privater Unterstützung eine gute.

BT: Wie hoch sind die entstandenen Defizite?
Stampa: Wir machen gerade den Jahresabschluss für 2020. Was ich sicher sagen kann, dass wir das Jahr 2020 seriös abschließen können. Wir haben ja wenig gespielt, deswegen haben wir keine großen Ausgaben, aber natürlich laufende Kosten und fast keine Einnahmen gehabt. Das muss man gegenrechnen. Und das Gleiche gilt für 2021. Wichtig ist, zu sagen, dass wir auch mit 250 Personen bis zum Jahresende spielen könnten, mit einem Mindestprogramm-Etat und der Hoffnung auf weitere öffentliche Hilfe.

„Kleines, digitales Erlösmodell“

BT: Sie haben drei Hausfestspiele mit kostenlosen Live-Streams angeboten; zuletzt vor Pfingsten mit, wie Sie gezählt haben, insgesamt über 7.000 Menschen aus aller Welt. Welche Schlüsse ziehen Sie aus den digitalen Möglichkeiten?
Stampa: Dass es dem Haus gelungen ist, in sehr kurzer Zeit eine digitale Kompetenz aufzubauen – das war für unsere Mannschaft ein Kraftakt. Pfingsten absagen zu müssen und innerhalb von zwei Wochen die digitalen Festspiele aus dem Boden zu stampfen: mit Orchester, Kammermusik, Übertragungstechnik und kleinen Einspielfilmen. Das war schon ein Festival für sich. Die Antworten und Kommentare, die folgten, waren sehr intensiv. Die Menschen scharren mit den Hufen, das Hausfestspiel war für sie ein toller Vorgeschmack, aber der Tenor lautet: „Jetzt lass uns endlich anfangen.“

BT: Die Ungeduld wächst.
Stampa: Ich mahne ja immer zur Gelassenheit, bin mir aber ganz sicher, dass wir ab Juli oder spätestens ab September wieder ganz normales Programm haben werden. Die Menschen merken, was sie vermissen in Baden-Baden – und das Festspielhaus gehört zu Baden-Baden, wie Baden-Baden zum Festspielhaus.

BT: Viele Bühnen haben mit Streamingangeboten den Kontakt zu ihrem Publikum gehalten, teilweise mit Veranstaltungen hinter Bezahlschranken, Sie nicht. Kann man mit dem Digitalen Geld verdienen?
Stampa: Das machen wir beim nächsten Mal. Wenn zum Beispiel der Beethoven-Zyklus unter der Leitung von Yannick Nézet-Seguin im Stream laufen würde, dann würden wird das hinter eine Bezahlschranke machen. Das ist dann mit Livekonzerten wieder möglich, und weil es auch ein relativ teures Projekt ist. Die Hausfestspiele waren bisher eine Testsituation für uns, in der wir den Besucherinnen und Besuchern die Möglichkeit geben wollten, selbst an ihren Geräten Erfahrungen zu sammeln. Aber wir gehen davon aus, dass man Konzerte nicht einfach umsonst streamen sollte, weil auch ein Wert dahinter steckt.

BT: Künftig also könnten die Livestreams aus dem Festspielhaus auch etwas kosten?
Stampa: Wenn wir weitere Angebote machen, und das planen wir auch, ja. Weil wir aus der weltbekannten Marke Festspielhaus Baden-Baden auf Dauer schon ein kleines Erlösmodell bauen wollen.

BT: Mit welchen Gefühlen schauen Sie in die Zukunft?
Stampa: Mit einem sehr guten Gefühl, weil ich gelernt habe, wie toll es ist, in Baden-Baden zu wohnen und zu arbeiten, und auch als Gast hierher zu kommen. In einer wunderschönen Kleinstadt mit dem Angebot einer Großstadt können sich der Tourist oder die Besucherin und der Besucher sehr sicher und wohl fühlen. Die Chance für Baden-Baden, sich als Destination für den Wochenend-Besuch zu empfehlen, bei dem der kulturelle Mehrwert wichtig ist, spielt uns in die Karten. Ich bin wirklich zuversichtlich.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Christiane Lenhardt

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Erstellt:
28. Mai 2021, 06:00 Uhr
Lesedauer:
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