Festspielhaus-Start mit Neumeiers Corona-Ballett

Baden-Baden (cl) – Mit „Ghost Light“ von John Neumeier eröffnet das Hamburg Ballett am 8. Oktober die neue Festspielhaus-Saison. Um Allerheiligen folgt ein Brahms-Festival unter Thomas Hengelbrock.

Blick in den Hamburger Ballettsaal bei einer Probe zu „Ghost Light“: Mit Neumeiers Corona-Tanzstück eröffnet das Festspielhaus Baden-Baden vorsichtig seine neue Saison.  Foto: Kiran West/Hamburg Ballett

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Blick in den Hamburger Ballettsaal bei einer Probe zu „Ghost Light“: Mit Neumeiers Corona-Tanzstück eröffnet das Festspielhaus Baden-Baden vorsichtig seine neue Saison. Foto: Kiran West/Hamburg Ballett

Das Festspielhaus Baden-Baden kommt im Oktober wieder nach gut siebenmonatiger Schließung mit dem Gastspiel des Hamburg Balletts aus dem Lockdown. Schon im Mai hat der umtriebige Hamburger Ballett-Intendant John Neumeier sein Corona-Tanzstück „Ghost Light“, zu Deutsch Geisterlicht, geplant. Und gleich nach Hamburg wird es zwischen dem 8. und 11. Oktober in Baden-Baden viermal zu sehen sein. Arte plant überdies eine Liveübertragung aus dem Festspielhaus im Internet und eine Aufzeichnung fürs Fernsehen.
Nach der kleinen Sommerreihe mit Kammerkonzerten in Baden-Badener Hotels und im Museum Frieder Burda zum Einstimmen öffnet Deutschlands größtes Opernhaus wieder mit Künstlern, die dem Haus seit Jahren eng verbundenen sind – und zwei Festivals. Übers Allerheiligen-Wochenende kommen Thomas Hengelbrock und seine Balthasar-Neumann-Ensembles mit einem Brahms-Programm (30. Oktober bis 1. November).
Das freie Orchester und der Chor proben seit Längerem, ähnlich wie die Fußball-Bundesliga, mit einem umfassenden Hygienekonzept und permanenten Tests. Sogar beim Festival in Aix-en-Provence sind sie bereits aufgetreten. Auf ihrem Baden-Badener Programm steht das Deutsche Requiem; auch der Chor wird singen, was wegen der stärkeren Aerosolausstöße im Theaterbetrieb derzeit selten ist. Mit dabei sind auch die Sopranistin Katharina Konradi und Bariton Matthias Goerne. Vor ihnen werden Cellistin Sol Gabetta und die Bamberger Symphoniker unter Dirigent Jakub Hrusa mit Elgars Cellokonzert und Bruckners vierter Sinfonie gastieren (23. Oktober).

Anna Netrebko singt zu „Petersburger Dialog“

Zum „Peterburger Dialog“ der Wirtschaftsvertreter am 13. September werden noch Anna Netrebko und Valery Gergiev mit kleinem Orchester im Festspielhaus auftreten, allerdings nur im geschlossenen Kreis – dabei ist angedacht, das exklusive Konzert im Festspielhaus fürs allgemeine Publikum nach außen zu übertragen.
Bei aller Freude, dass es nun wieder losgehen kann, überwiegt im Festspielhaus die Vorsicht. „Die Kunst ist es, mit Maß und zu einem neuen Miteinander zu finden“, sagte der Festspielhaus-Intendant Benedikt Stampa am Montag bei der Vorstellung der ersten Tranche der unter Corona-Bedingungen modifizierten neuen Spielzeit. In Kürze sollen weitere Planungen, je nach Stand der Pandemie und nach Möglichkeiten der Lockerungen, bis Jahresende bekannt gegeben werden: Angekündigt werden die Berliner Philharmonikern, das SWR Symphonieorchester, auch Stars wie Elina Garanca und Cecilia Bartoli.
Aber kein Sir Simon Rattle, kein London Symphonie Orchestra, wie ursprünglich geplant zum Saison-Auftakt: Sie könnten wegen der undurchsichtigen Corona-Situation in Großbritannien derzeit nicht engagiert werden, betonte Stampa. Ob das Weihnachtsgastspiel des Mariinsky-Balletts heuer stattfinden kann, ist ebenfalls noch nicht klar. Wenngleich das Mariinsky „äußerst flexibel“ sei, wie Stampa erklärte, aber „Schwanensee“ werde kaum aufführbar sein.
Nichts ist normal in diesen Zeiten. Mit „Ghost Light“, das am 6. September in Hamburg Premiere haben wird, will der 81-jährige US-Choreograf Neumeier an die Tradition des amerikanischen Theaterlichts erinnern, das des nachts stets auf dunkler Bühne brannte, damit keiner verunglückte. Es soll als Hoffnungsschimmer für die Kulturfans nach dem Lockdown „entzündet“ werden als ein Stückchen Kulturnormalität; auch die Ballettwerkstatt wird es zum Auftakt geben.

Belegung: 500 Plätze im Schachbrettmuster

Gemäß den Hygiene- und Abstandsvorschriften des Landes Baden-Württemberg dürfen bis Ende Oktober maximal 500 Plätze pro Aufführung belegt werden. „Wir werden das ganze Haus öffnen und die Plätze in einer Art Schachbrettmuster mit genügend Sicherheitsabstand belegen“, sagte der Festspielhaus-Intendant – auch in den Foyers sei so genügend Platz, um vor und nach der jeweiligen Vorstellung Gastronomie zuzulassen.
Allerdings große Sprünge macht das Festspielhaus, das normalerweise mit Festivals und bis zu 2.500 Plätzen rechnet, angesichts der vergleichsweise geringen Platzbelegung nicht. Die kürzlich bewilligten vier Millionen Euro große Finanzspritze des Landes, hätte sehr geholfen, um die coronabedingt hohen Finanzausfälle ein bisschen abzufedern, betonte Stampa. Auch die Stadt Baden-Baden, die seit Juli Eigentümerin des Festspielhauses ist und das Gebäude für 18,4 Millionen Euro kaufte, hätte sie unterstützt. „Die Unterstützung von Land und Stadt war Überlebenshilfe für uns“, erklärte der Intendant.
Karten für die Aufführungen des Hamburg Balletts gibt es voraussichtlich keine mehr im freien Verkauf. Zunächst erfolge eine Umtauschaktion, für die Ballettkarten-Inhaber, die noch vor dem Lockdown ihre Billetts erworben haben; eine Warteliste soll aufgelegt werden, um eventuelle Restkarten ab 26. August zu verkaufen, wurde am Montag betont.


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