Feuervogel spannt seit 25 Jahren seine Flügel aus

Rastatt (dm) – Der Rastatter Verein Feuervogel, der sich für Kinderrechte und ein Leben frei von Missbrauch einsetzt, ist aus der Region nicht mehr wegzudenken. Der Bedarf an seiner Arbeit wächst.

Nur wenn sich alle zusammentun, erreiche man „endlich den ersehnten Rückgang der Missbrauchszahlen“, betonen die Feuervogel-Verantwortlichen. Symbolfoto: Jens Kalaene/dpa

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Nur wenn sich alle zusammentun, erreiche man „endlich den ersehnten Rückgang der Missbrauchszahlen“, betonen die Feuervogel-Verantwortlichen. Symbolfoto: Jens Kalaene/dpa

Einsatz für Kinderrechte und ein Leben frei von Missbrauch und sexueller Gewalt: Seit nunmehr 25 Jahren geht der Verein „Feuervogel“ seiner wichtigen Arbeit nach, ist aus der Beratungs- und Präventionsarbeit in Rastatt und Umgebung nicht mehr wegzudenken. Wie notwendig er ist, wird gerade aktuell durch die mutmaßliche Missbrauchsfälle eines Erziehers schmerzhaft ins öffentliche Bewusstsein gerückt.
Einen Fall wie diesen habe sie trotz vieler anderer dramatischer Ereignisse noch nicht erlebt, sagte die Leiterin der Feuervogel-Beratungsstelle, Ulrike Fritsch, jüngst dem Badischen Tagblatt.

Auch vor 25 Jahren waren es erschütternde Berichte von Kindesmissbrauch und sexueller Gewalt an Kindern in Deutschland, die 17 Frauen und Männer aus dem Landkreis Rastatt bewogen, den „Feuervogel“ aus der Taufe zu heben – schließlich wusste man, dass trotz des „erschreckenden Bildes über das Ausmaß der Gewalt“ das Dunkelfeld ungleich größer ist. Dass solche Übergriffe oft im sozialen Nahbereich stattfinden – in Institutionen, Vereinen, der Familie selbst – also gerade da, wo Kinder auf Schutz und Fürsorge hoffen, ließ an vielen Orten Vereine wie den „Feuervogel“ entstehen.

Der Rastatter Verein wurde am 23. November 1995 gegründet. Seither ist in der Region eine Vernetzung von Hilfe und Förderung, Weiterbildung und Prävention, aber auch ein „enger Kontakt“ mit der Strafverfolgung entstanden. Bereits 1998 konnte der damals noch recht junge „Feuervogel“ mit Unterstützung der Stadt Rastatt seine Kontakt-, Informations- und Beratungsstelle gegen sexuellen Missbrauch einrichten (heute in der Engelstraße 37). Und spannte seine Flügel aus: Seit 1999 ist er Träger der freien Jugendhilfe, er hat das Projekt „Kinder haben Rechte“ ins Leben gerufen, hat zigfache Projekte, Kurse, Fachtagungen, Aktionen und Veranstaltungen realisiert – und ist dafür vielfach ausgezeichnet worden, unter anderem im Jahr 2004 mit der Plakette „Vorbildliche kommunale Bürgeraktion“ des Landes Baden-Württemberg.

Das Thema „Sexuelle Gewalt an Mädchen und Jungen“ wurde also enttabuisiert, Kinder, Eltern, Fachkräfte, Lehrer, Polizisten und Politiker angesprochen – und dennoch wird die Arbeit nie weniger, nicht nur mit Blick auf den jüngst festgenommenen Erzieher. Gerade auch im Zuge der Corona-Pandemie sei deutlich geworden, dass Kinder (noch) keine Lobby haben, stellte der Verein fest und schloss sich der Kampagne „Kein Kind alleine lassen“ an. Der damit verbundene, sich nie verjährende Aufruf an alle gesellschaftlichen Akteure: Sich aktiv für Kinderrechte und Kinderschutz einsetzen und damit an die Öffentlichkeit treten. Nur wenn sich alle zusammentun, erreiche man in Deutschland „endlich den ersehnten Rückgang der Missbrauchszahlen“. In Mittelbaden (Landkreis Rastatt sowie Baden-Baden) waren im vergangenen Jahr laut Polizeistatistik 55 Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs bekannt geworden, im gesamten Bereich des Polizeipräsidiums Offenburg waren es 115 – die höchsten Zahlen der vergangenen fünf Jahre.

Gleichwohl: Eine kontinuierliche (im Übrigen kostenfreie) Beratung im Verdachtsfall, intensive Begleitung nach Aufdeckung einer Tat und andere Unterstützung seien nicht in ausreichendem Maß möglich, wie Ulrike Fritsch und Uschi Böss-Walter für „Feuervogel“ beklagen. „Aufgrund mangelnder Kapazität können wir nur zirka 30 bis 50 Beratungen auch umfänglicher Art im Jahr anbieten.“ Nach wie vor sei die Finanzierung dieser Aufgabe nicht gesichert. Zwar werden die Betriebskosten per Förderung durch Stadt und Landkreis gedeckt – aber nicht die Personalkosten. Diese, so der Verein, müssen jährlich als sogenannte Drittmittel zum Beispiel bei der Aktion Mensch oder dem Land für Projekte beantragt und beschafft werden. Dabei steige mit rund 75 jährlich stattfindenden Präventionsveranstaltungen der Beratungsbedarf. Bislang habe man unter anderem auch durch Spendenaktionen die Arbeit auf hohem Niveau halten können.

Ziel bleibt, „ein täter-unfreundliches Klima zu schaffen, sodass Kinder sicherer leben können“. Zugleich dränge die Frage, wie die wachsende Bedarfe abgesichert werden können. „Wer trägt die Kosten, die durch das Verbrechen des sexuellen Missbrauchs an Mädchen und Jungen entstehen?“ Anlässlich seines 25-jährigen Bestehens plant „Feuervogel“ daher im November eine Zukunftswerkstatt, die unter anderem dieser Frage nachgehen soll.


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