Feuerwehr Bühl stellt auf Digitalfunk um

Von BNN-Redakteur Jörg Seiler

Bühl (BNN) – Sprechen auf Knopfdruck ist in Bälde vorbei: Die Feuerwehr Bühl rüstet noch in diesem Jahr auf Digitalfunk um. Die Technik kann einiges mehr, hat allerdings auch Schwächen.

Feuerwehr Bühl stellt auf Digitalfunk um

Am Funktisch: Bühls Feuerwehrkommandant Günter Dußmann (links) und Funkausbilder Reiner Jägel in der Zentrale. Der Funktisch im Bühler Feuerwehrhaus wird zuerst umgerüstet. Foto: Jörg Seiler

Wie warb doch mal ein TV-Sender der Sportsparte? „Mittendrin statt nur dabei“ – wer ein Radio hat, das bei der UKW-Frequenz unter 87 Megaherz geht, kann (nicht nur) in Bühl noch den Funkverkehr der Feuerwehr abhören. Doch mit dem „Mittendrin“ dürfte es spätestens Ende des Jahres vorbei sein. Die Feuerwehr rüstet, wie es die Polizei schon getan hat, auf Digitalfunk um. Damit sind die ungebetenen Lauscher am heimischen Radio dann außen vor. Aber nicht nur das. Das neue System eröffnet eine Vielzahl an Möglichkeiten, besticht durch seine Sprachqualität.Der Grundstein ist gelegt. Der Bühler Gemeinderat gab in seiner Sitzung vom 16. Februar einstimmig den Segen, dass der Funktisch in der Zentrale der Freiwilligen Feuerwehr in der Steinstraße umgerüstet wird. „Ein zähes Thema“, so beschreibt es der Bühler Feuerwehrkommandant Günter Dußmann. Eigentlich war die Einführung des Digitalfunks bei den Feuerwehren schon 2006 geplant, in dem Jahr, in dem in Deutschland die Fußball-WM statt fand. Eigentlich. Es sollten noch 16 Jahre ins Land gehen, bis aus den Plänen Realität wurde. Und ausgerechnet die Tüftlerhochburg Baden-Württemberg ist relativ spät dran. Dußmann sieht es pragmatisch: Man hat inzwischen mehr Erfahrung und so manche Kinderkrankheit ist ausgemerzt.

Die Materie ist komplex: Das weiß Dußmann nur zu gut. Im Prinzip gibt es zwei große Hersteller für genau diese Anwendungssparte: Motorola und Sepura. Für den zweiten hat sich der Landkreis Rastatt entschieden. Denn über den lief die Ausschreibung – einheitlich; für alle Feuerwehren. „Da muss man unseren Kreisbrandmeister Heiko Schäfer loben“, sagt Dußmann. Denn so einfach Plug-an-Play ist es ja nun mal nicht. Das weiß selbst der Laie: Feuerwehrfahrzeug ist nicht gleich Feuerwehrfahrzeug. Nicht nur von der Funktion her, es gibt Autos mit längeren oder kürzeren Fahrgestellen. Zum Beispiel. Schlecht, wenn da das Kabel nicht reicht. Oder zu lang ist.

200.000 Euro an Investition

Diesen Ärger samt der Kosten vermeiden spezifizierte Lösungen. Zu jedem Fahrzeug(typ) gibt es das passende Umrüstungspaket. Jedes Teil, also Funkgerät, Kabel, Antenne und anderes mehr, ist mit Preis aufgeführt. Das schafft zudem Transparenz. Die Bürgervertreter sind bei der Feuerwehr ja berechtigterweise großzügig, aber nachher genau zu sehen, wo das Geld geblieben ist, ist immer eine gute Sache, teure Fehlkäufe vermeiden ebenso. 200.000 Euro kostet die Digitalisierung der Bühler Feuerwehr in der Summe. Die Funktisch-Umrüstung kostet knapp 70.000 Euro. Der Rest verteilt sich auf die 28 Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr der Großen Kreisstadt Bühl.

Der Umgang mit der neuen Technik, die man, vereinfacht, ein bisschen mit einem Smartphone vergleichen kann, will gelernt sein. „Es wird auf jeden Fall ein bisschen anders“, sagt Reiner Jägel. Der Analogfunk ist sofort einsetzbar. „Knopfdruck und sprechen“, erläutert der Funkausbilder der Bühler Feuerwehr. Der Digitalfunk braucht eine ganz kleine Bedenkzeit, bis sich der Kanal auf den verschiedenen Frequenzbänder einen freien Platz gesucht hat. Jägel rechnet für die Schulung mit einem Vormittag, um Feuerwehrfrau und -mann Technik und Fehlerquellen zu vermitteln. Bei der Ausbildung der Feuerwehrleute gehört Sprechfunk sowieso dazu.

Ein Witz, der in Kreisen der BOS, also der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben, sprich offizielle Digitalfunknutzer, in Sachen Verzögerung beim Gesprächsaufbau kursiert, hängt mit einem Standardbefehl der Feuerwehren zusammen: Wasser marsch! Spricht der Befehlsgeber zu früh, hört der Empfänger nur noch A... Wohl auch deshalb empfehlen die Staatlichen Feuerwehrschulen Bayerns in ihrem Merkblatt „Sprechfunk“ eine „strenge Funkdisziplin“ und weisen darauf hin: „Vor dem Sprechen den Signalton für den Verbindungsaufbau abwarten.“ Im weiß-blauen Freistatt steht seit Ende 2016 flächendeckend der Digitalfunk BOS zur Verfügung.

Das neue System kann in der Tat sehr viel, so Heinz-Dieter Patszak. Es hängt alles von den Möglichkeiten ab, die auf der jeweiligen individuellen Chipkarte (Sicherheitskarte) eines jeden Geräts programmiert sind. Vor allem können die unterschiedlichsten Einsatzkräfte direkt miteinander reden, wenn man sogenannte Funkgruppen zusammenlegt, so der Internet- und Kommunikationsbeauftragte des Landkreises.

Künftig nur noch ein Funknetz

Und: Statt bisher diverser Gleichwellennetze für Feuerwehr, Rettungsdienst und Co., reduziert sich alles künftig auf ein Netz. „Das spart Geld“, so Patszak, und bei Störungen gibt es nur einen Ansprechpartner. Baden-Württemberg setzt dabei auf Richtfunk. Der hat gegenüber kabelgebundenen Systemen den Vorteil, dass keine Leitung durchtrennt werden kann.

Aber natürlich kann es, wie bei eigentlich jedem System, Beeinträchtigungen geben, zum Beispiel bei Starkregen. Dazu gibt es dann den Rückfallmodus (Fallback), der Funkverkehr zwischen der betroffenen Station und den dort eingebuchten Funkgeräten bleibt bestehen, die Verbindung zur Integrierten Leitstelle oder Einsatzzentrale ist nicht möglich. Und wie immer steckt der Teufel im Detail. In der Umrüstphase kann ein analoges Fahrzeug nicht mehr direkt mit einem digitalen kommunizieren. Aber deshalb wird zuerst der Funktisch in der Feuerwache in der Steinstraße mit neuer Technik ausgestattet. Der dient dann als Mittler zwischen alter und neuer Welt.

Zum Thema

Grundlagen: Für den Digitalfunk gelten viele Gesetze, Richtlinien und Vorschriften. Dazu gehört das Telekommunikationsgesetz, das die Vergabe von Frequenzen regelt, ein Abhörverbot ebenso wie den Missbrauch von Sendeanlagen und die Straf- und Bußgeldvorschriften beinhaltet.

Sicherheit: Jedes digitale Funkgerät hat seine eigene Sicherheitskarte (Chipkarte). Ohne die geht nichts. Deshalb sind die Auflagen über die richtige Verwahrung und Nutzung der Karte extrem hoch. Experten loben die Abhörsicherheit des Systems durch Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und die Sprachqualität, verweisen zudem auf die Möglichkeit, Daten und Sprache gleichzeitig zu übertragen.

Ausbildung: Jeder Teilnehmer am Digitalfunk BOS muss im Bereich der nichtpolizeilichen BOS über eine Sprechfunkausbildung entsprechend der organisationseigenen Regelungen verfügen. In die Besonderheiten des Digitalfunknetzes BOS gegenüber den analogen Funksystemen werden die Einsatzkräfte vorgabengemäß eingewiesen, so das baden-württembergische Innenministerium. (jös)

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