Feuerwehr darf nicht über die Grenze

Von Volker Neuwald und Anne-Rose Gangl

Baden-Baden (vn/ar) – Die Feuerwehr Wörth wollte am Samstag beim Brand auf dem Pferdegestüt im Nordelsass zum Löschen anrücken, wurde von der Leitstelle Straßburg aber nicht angefordert: Ein Fehler?

Feuerwehr darf nicht über die Grenze

Die Staustufe Iffezheim verbindet das Elsass (links) mit Baden. Im Fall von Bränden und Katastrophen leisten sich Einsatzkräfte normalerweise gegenseitig Hilfe. Foto: Suchanek

Das Feuer auf dem Pferdegestüt „Haras de la Née“ südwestlich von Lauterbourg war am vergangenen Samstag aufgrund der hohen Rauchsäule weithin sichtbar, auch in der Südpfalz und in Mittelbaden. Die Feuerwehr Wörth stand mit ihren Abteilungen zum Löscheinsatz an der Grenze bereit und wäre in zehn Minuten vor Ort gewesen – doch sie wurde von der französischen Leitstelle nicht angefordert.

Letztlich brannten am Samstag rund 5500 Quadratmeter Fläche. Menschen wurden nicht verletzt, aber 13 Pferde starben. Der Schaden wird auf etwa zwei Millionen Euro geschätzt. 115 Feuerwehrleute aus den Wehren der französischen Nachbargemeinden bis nach Straßburg hinunter rückten für die Löscharbeiten an.

Kreisverwaltung Germersheim bestätigt Sachverhalt

Die südpfälzischen Kameraden mussten derweil quasi von der Grenze aus tatenlos zusehen – denn ohne Anforderung der französischen Behörden dürfen sie die Grenze nicht übertreten. Dies bestätigt auch die Kreisverwaltung Germersheim: „In der Regel werden bei der grenzüberschreitenden Arbeit im Feuerwehrwesen – wenn benötigt – die deutschen Feuerwehren von der französischen Leitstelle in Straßburg, die französischen Feuerwehren von der deutschen Leitstelle in Landau angefordert“, erklärt Pressesprecherin Claudia Seyboldt: „Dies geschieht durch einen formlosen Hilfeleistungsantrag per Telefon“, also einen Anruf. „Im Fall von Neewiller kam keine Anforderung von der französischen Leitstelle.“

Das gilt auch für die badische Seite, wie Kreisbrandmeister Heiko Schäfer aus Rastatt bestätigt. Die Feuerwehren von Elchesheim-Illingen und Au am Rhein standen bereit, um etwaige Feuerflugnester zu sichern, falls diese über den Rhein gekommen wären. Dies sei aber nicht der Fall gewesen, so Schäfer. Mit den zuständigen Stellen in Straßburg sei man in Kontakt gewesen, diese hätten aber nicht um Hilfe ersucht.

Nach Informationen des Stuttgarter Innenministeriums basieren die Grundsätze der nachbarschaftlichen Hilfe auf einem Abkommen von 1977 über die gegenseitige Hilfeleistung bei Katastrophen oder schweren Unglücksfällen, ergänzt um Hilfeleistungsvereinbarungen mit den beiden Grenz-Départements von 1986 und 1998.

Spontanhilfe auf dem „kleinen Dienstweg“

In Rheinland-Pfalz gebe es ähnliche Regelungen, so das Innenministerium in Mainz auf BT-Anfrage: „Die Integrierte Leitstelle Landau berichtet beispielsweise über eine engere Zusammenarbeit zwischen Wissembourg und Bad Bergzabern. Die Drehleiter der Feuerwehr Bad Bergzabern werde häufig von der französischen Feuerwehr angefordert“, so Sprecherin Sonja Bräuer. Speziell zu den Feuerwehren ergänzt Pressesprecher Carsten Dehner auf BT-Anfrage: „Die Feuerwehren an der Grenze werden beim alltäglichen Einsatzgeschehen im Wege der Spontanhilfe tätig. Diese läuft auf dem ,kleinen Dienstweg‘, zum Beispiel indem sich die hilfeersuchende Stelle direkt bei der Integrierten Leitstelle oder dem Kreisbrandmeister meldet, die dann Einsatzmittel und Einheiten entsenden.“ Ergänzend grenzüberschreitende Vereinbarungen zwischen Kommunen getroffen worden.

Nach Angaben von Kreisbrandmeister Schäfer gebe es über die Oberrheinkonferenz immer wieder einmal Kontakte zu den französischen Kollegen des „Service Départemental d’Incendie et de Secours du Bas-Rhin“ (SDIS 67), jedoch könnten diese noch verbessert werden.

Kreisbrandmeister wirbt für gemeinsame Aktivitäten

Hoffnung setzt Schäfer auf den bilingualen Sébastien Oser, Leiter des Amtes für Baurecht, Klima- und Naturschutz und öffentliche Ordnung im Landratsamt Rastatt. Oser kenne sich auf beiden Seiten des Rheins bestens aus und könne die Zusammenarbeit mit den französischen Kollegen intensivieren. Zudem würde sich Schäfer wieder mehr gemeinsame Aktivitäten zwischen den Feuerwehren im Elsass und in Baden wünschen.

Bleibt die Frage: Hat die französische Leitstelle den Großbrand auf dem Pferdegestüt möglicherweise falsch eingeschätzt und deshalb die Hilfe aus Wörth nicht angefordert? Trotz mehrfacher Anfrage war bis gestern Abend keine Stellungnahme aus Straßburg zu erhalten.