Flächen in Städten entsiegeln

Stuttgart/Baden-Baden (ans) – Der Stuttgarter Stadtklimatologe Rainer Kapp erklärt im Interview, warum Städte sich an den Klimawandel anpassen müssen und wieso Flächen entsiegelt werden sollten.

Begrünte Fassaden verbessern Klima und Luft. Außerdem schützen sie den Wohnraum vor Hitze und Kälte. Foto: Peter Kneffel/dpa

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Begrünte Fassaden verbessern Klima und Luft. Außerdem schützen sie den Wohnraum vor Hitze und Kälte. Foto: Peter Kneffel/dpa

Der Weltklimarat IPCC warnt vor einer schnelleren globalen Erwärmung als bislang angenommen. Diese Warnung ist auch bei den Stadtplanern angekommen. Grüne Ausgleichsflächen sind bei der Planung essenziell,sagt Stadtklimatologe Rainer Kapp.

BT: Herr Kapp, was unterscheidet das Stadtklima vom Klima im Umland?
Rainer Kapp: Durch die Bebauung wird eine große Oberfläche erzeugt. In einer dicht bebauten Stadt gibt es sehr großen Oberflächen, die alle auf die Sonnenstrahlung reagieren. Das bedeutet, was besonnt ist, erwärmt sich, speichert Wärme und gibt sie in der Nacht wieder ab. Das ist im Kern eine verzögerte Wärmeabgabe, die wir als städtische Wärmeinsel bezeichnen. Für die Stadt gilt im Grunde genommen auch das Umlandklima. Wir verändern aber lokal das Klima, indem wir bauen.

BT: Was für Aspekte gibt es sonst noch?
Kapp: Der zweite große Aspekt ist der urbane Wasserhaushalt. Wir dichten die Oberfläche ab, es verdunstet und versickert also wenig Flüssigkeit. Die Luft wird wärmer, weil es keine Verdunstungskühlung gibt. Es entsteht eine Mischung aus geringer Feuchte und hoher Temperatur, vor allem in der Nacht. Dann gibt es zusätzliche Wärmeemission beispielsweise durch Mobilität und Heizen. Das heizt die Stadtatmosphäre auf. Das Windfeld verändert sich bauwerksbedingt, Wind wird gebremst und umgelenkt. Wind trägt aber zum Luftaustausch, zur Schadstoffverdünnung und Kühlung bei. Je dichter die Stadt bebaut ist, desto mehr konzentrieren sich die Veränderungen, die für den Menschen auch negativ sind.

BT: Warum ist Anpassung an den Klimawandel gerade in Städten wichtig?
Kapp: Wenn auf landwirtschaftlichen Flächen ein Extremniederschlag heruntergeht, kann dies zwar auch Schäden verursachen, Wald und Wiese ist das zunächst aber egal. In der Stadt kann ein solcher Niederschlag durch den hohen Versiegelungsgrad und einen entsprechenden Rückstau dagegen eine deutlich schlimmere Wirkung haben. Wenn wir sagen können, wie häufig und intensiv ein Extremniederschlag in Zukunft sein kann, kann man über Starkregengefahrenkarten Gefahrenpunkte ableiten, die durch stehendes oder wild abfließendes Wasser entstehen. Dadurch entstehen Gefährdungen, vor denen man sich als Stadtgesellschaft schützen muss.

Wiesenflächen dienen nicht nur der Regeneration. Sie nehmen Wasser auf, das im Boden versickert. Foto: Christoph Schmidt/dpa

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Wiesenflächen dienen nicht nur der Regeneration. Sie nehmen Wasser auf, das im Boden versickert. Foto: Christoph Schmidt/dpa

BT: Was wissen wir bisher über klimatische Veränderungen?
Kapp: Was wir bisher wissen, und das ist bei Niederschlag ähnlich wie bei Hitzeperioden, ist, dass Extremereignisse sich häufen werden. Der Tornado in Tschechien war beispielsweise ein sehr außergewöhnliches Ereignis. So etwas könnte sich ebenfalls häufen, aber die mittleren Verhältnisse, beispielsweise bei der Windgeschwindigkeit und damit die Durchlüftung an einem bestimmten Ort, darüber haben wir keine Erkenntnisse, dass sich das grundsätzlich verändert oder verstärkt.

BT: Wie kommt es zu extremen Wetterereignissen?
Kapp: Die Extremereignisse, entstehen, weil mehr Energie in der Atmosphäre ist. Diese entlädt sich in einem Extremereignis. Sturm, Gewitter oder Hagel werden also intensiver. Gleichzeitig haben wir durch globale Veränderungen und Konstellationen ein stärkeres Verharrungsvermögen. Das sehen wir jetzt in diesem Sommer. Es regnet viel und es ist relativ kühl. Das ist die Kehrseite von Hitzesommern und Trockenheit, entweder fällt kein Tropfen oder es zieht ein Tief nach dem anderen durch. Im anderen Fall gehen die Hochdruckgebiete nicht mehr weg. Wir haben eine eigenartige Stabilität dieser Wetterlagen, was wir von früheren Zeiten eher nicht kennen. Da gab es häufigere Wechsel. Das führt in der Summe dazu, dass das Einzelereignis gewaltiger ausfällt, als wir es bisher kannten und gleichzeitig häufiger auftritt. Das ist ein deutlicher Unterschied zur Witterung, wie wir sie noch vor wenigen Jahren erlebt haben.

BT: Wie können wir uns schützen?
Kapp: Indem wir uns erinnern, wodurch die Defizite im Stadtklima entstehen. Ein wesentlicher Beitrag ist das Thema Schwammstadt und Entsiegelung. Die Stadtoberfläche muss so beschaffen sein, dass sie Niederschlag aufnehmen kann. Wir brauchen auch technische Bauwerke, die Wasser speichern können, zum Beispiel Zisternen oder begrünte Dächer. Dadurch kann das Kanalsystem entlastet werden. Die Idee ist, dem Wasser wieder einen natürlichen Kreislauf zurückzugeben. Damit kann man verhindern, dass es gefährlich wird.

Viele Städte sind nicht gut vorbereitet

BT: Sind die Städte auf Extremwetter vorbereitet?
Kapp: In Teilen geht das erst los. In vielen Städten wird die Analyse der Gefahrenzonen gerade verfeinert. Wo Wasser fließen wird, muss in der Planung mitgedacht werden. Das sind Prozesse, die im Gang sind, aber da müssen wir noch sensibler werden. Bei allem in der Stadtentwicklung muss man sich fragen: Hat das eine negative Wirkung im Falle eines Extremereignisses? In vielen Städten gibt es zunehmend entsiegelte Bereiche, also Flächen, auf denen etwas wachsen kann. Sie müssen bei großer Hitze aber auch bewässert werden. Man muss also auch Wasser speichern. Über viele Jahre wird das aber nur in Neubaugebieten möglich sein.

BT: Können Privatpersonen sich vor Ereignissen wie beispielsweise Hochwasser schützen?
Kapp: Oft geht es um Zentimeter, ob ein Keller vollläuft oder nicht. Als Privatperson kann man eine Brüstung bauen, damit das Wasser stehen bleibt. Man kann sich auch mit der Stadtverwaltung absprechen. Ansonsten kann man sein Gebäude versichern. Ich selbst bin ein Verfechter der gezielten planerischen Stadtentwicklung, denn die Zeit, die uns noch bleibt, müssen wir sehr gut nutzen.

BT: Welche Maßnahmen reduzieren den Treibhausgasausstoß?
Kapp: Das fällt unter den klassischen Klimaschutz, mit dem Ziel, den Wandel zu mildern. Da sind die Städte maßgeblich gefordert, weil sie aufgrund der Bevölkerungsdichte den CO2-Ausstoß weltweit maßgeblich beeinflussen. Wir arbeiten, heizen, fahren Auto. Eine Verkehrs-, Strom-, und Wärmewende wäre geboten. Immer aber auch mit dem Ziel, das Verhalten des Einzelnen zu ändern. Wir brauchen andere Brennstoffe und alternative Stromquellen. Das allein wird aber nicht reichen. Es ist auch eine Frage des Verbrauchs, wir müssen – wie gesagt – auch unser Verhalten überdenken und korrigieren.

Stadtklimatologe Rainer Kapp. Foto: Privat

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Stadtklimatologe Rainer Kapp. Foto: Privat

BT: Oft spielt Denkmalschutz in Städten ein großes Thema. Wie kann man den Raum trotzdem nutzen?
Kapp: Das kann sehr streng sein, aber es gibt eine Fülle von Möglichkeiten, denkmalschutzgerecht zu sanieren. Wenn jetzt aber eine Fassade unter Denkmalschutz steht, kann man sie natürlich nicht begrünen. Man kann auch nicht überall Flachdächer bauen. Häufig sind das Abwägungen, was man machen kann und was nicht.

BT: Sind Biodiversität und Artenschutz mit der Stadtplanung vereinbar?
Kapp: Bei Gleis- und Stadtbegrünung achten wir in Stuttgart genau darauf. Da versuchen wir, die Natur wieder zurück in die Stadt zu holen. Es gibt eine Maßnahme, die heißt „klimagerechter Waldumbau“. Man hat zum Beispiel die Eiche als wärmeliebend und resistent identifiziert. Waldumbau bedeutet eine relativ drastische Veränderung. Durch veränderte klimatische Bedingungen werden nicht einfach andere Pflanzen wachsen. Man wird die Straßenbäume zusätzlich bewässern müssen. Vielleicht wird man auch in Zukunft die Pflanzentscheidungen von heute überdenken und korrigieren.

BT: Was ist die größte Herausforderung beim Städtebau?
Kapp: Die Herausforderung ist ein Dichtethema. Wir wollen eine kompakte Stadt und kurze Wege. Gleichzeitig brauchen wir in der zunehmend warmen Umgebung thermische Ausgleichsflächen. Das müssen Grünflächen sein. Wir brauchen also eine dichte Struktur, wir brauchen aber auch eine gut gestaltete Struktur. Durchlüftung, Verschattung und Versickerung müssen inbegriffen sein.

Ihr Autor

BT-Volontärin Anna Strobel

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Erstellt:
29. August 2021, 14:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 32sec

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