Flossen, Schnorchel und ganz viel Körperkontakt

Durmersheim (galu) – Der Begriff Unterwasserrugby mag zunächst verwirrend klingen. Denn wie soll eine Kontaktsportart unter Wasser überhaupt funktionieren? Eine Vize-Weltmeisterin aus Durmersheim schwärmt von ihrer Leidenschaft.

Bereit zum Start: Die Unterwasserrugby-Frauen der deutschen Nationalmannschaft kurz vor Anpfiff eines Spiels. Foto: privat

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Bereit zum Start: Die Unterwasserrugby-Frauen der deutschen Nationalmannschaft kurz vor Anpfiff eines Spiels. Foto: privat

Die Ausrüstung von Eva-Maria Dietmann besteht lediglich aus Badekleidung, Flossen, einem Schnorchel und einer Tauchermaske. Was zunächst nach Sporttauchen klingt, könnte kaum weiter davon entfernt sein. Ein Aspekt bleibt jedoch erhalten: Getaucht wird auch beim Unterwasserrugby die meiste Zeit.
Die 26-jährige Durmersheimerin hat im vergangenen Jahr den bisher größten Meilenstein ihrer sportlichen Karriere gesetzt: Vize-Weltmeisterin. Erst im Finale im österreichischen Graz mussten sie und ihre Mannschaftskolleginnen sich dem norwegischen Team geschlagen geben.

Zu diesem eher ungewöhnlichen Mannschaftssport kam sie erst recht spät, obwohl es in direkter Nachbarschaft mit dem TVS Malsch eine der betsen deutschen Mannschaften gibt. In jungen Jahren war Dietmann eine begeisterte Wettkampfschwimmerin und ging sowohl für Rheinstetten als auch für Rastatt an den Start. Nach ihrem Abitur am WHG zog es die Durmersheimerin nach Gießen, um dort Spanisch, Englisch und BWL zu studieren. Zum Pflichtprogramm gehörte auch ein Auslandssemester, das sie in Kolumbien absolvierte, an der Universität in Medellin. Dort hatte sie den ersten Kontakt zum Unterwasserrugby: Eine Kommilitonin überredete sie, an einem Training teilzunehmen. Ihre anfängliche Skepsis schlug nach der Trainingseinheit schlagartig um – und zwar in überschwängliche Freude. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, erzählt Dietmann und lacht.

Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland suchte sie nach Teams und wurde schnell fündig – denn in ihrer damaligen Wahlheimat Gießen gab es bereits eine Mannschaft. Dort spielte Dietmann bis zum Erlangen ihres Bachelor-Abschlusses, danach zog es sie nach Berlin – in die Frauen-Bundesliga.

Maßstab für die Standort-Wahl ihres Masterstudiums (Business, Language and Culture) war letztlich auch der Sport. So zog es sie nach Odense in Dänemark, wo sie auch nach wie vor lebt, arbeitet und in der Männermannschaft der höchsten Spielklasse aktiv ist. Gleichzeitig ist die 26-Jährige weiterhin in Berlin gemeldet und fährt regelmäßig zu Bundesliga-Spielen. Während der Zeit in Berlin kam sie auch zur Frauen-Nationalmannschaft. Eine Mitspielerin empfahl Dietmann, sie begann mitzutrainieren und wurde, wie auch Laura Büchner vom TSV Malsch, für die WM 2019 in den Kader berufen. Kurz zuvor beendete Dietmann noch ihr Studium und arbeitet seitdem als Marketing-Managerin.

„Wir sind eine große Familie“

Im BT-Gespräch berichtet Dietmann auch von ihrer schönsten WM-Erinnerung: „Wir hatten eine tolle Mannschaft, es war ein tolles Turnier. Am meisten werde ich mich aber immer an die generelle Stimmung erinnern. Abseits des Spielfelds war alles sehr gemeinschaftlich. Da wir eine Randsportart sind, sind wir auch gleichzeitig eine große Familie. Da kümmert sich jeder um jeden.“

Eva-Maria Dietmann hat in dem ungewöhnlichen Sport ihre große Leidenschaft gefunden. Foto: privat

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Eva-Maria Dietmann hat in dem ungewöhnlichen Sport ihre große Leidenschaft gefunden. Foto: privat

Doch wie hart ist Unterwasserrugby denn im Vergleich zum „normalen“ Rugby an Land? „Es kann hart zugehen, blaue Flecken und Kratzer sind eigentlich an der Tagesordnung. Brüche oder Ähnliches sind aber eher selten“ erklärt Dietmann. „Das wirklich anstrengende und schmerzhafte ist aber, sich auch bei völliger Erschöpfung zu zwingen, nur kurz drei Mal zu atmen und dann wieder unterzutauchen. Atemnot gehört irgendwie auch zum Sport dazu“ – wie auch zu jeder guten Lovestory.

Zum Thema: Halsabwärts fast alles erlaubt

Unterwasserrugby wird in einem normalen Schwimmbecken gespielt, wichtig sind nur die Maße: Zwischen dreieinhalb und fünf Meter tief, acht bis zwölf Meter breit und zwölf bis 22 Meter lang muss das Becken sein. An den beiden kurzen Seiten wird mittig jeweils ein Korb aufgestellt, dieser fungiert als Tor. Der Ball hat ungefähr die Größe eines Handballs und ist für zusätzliches Gewicht mit Salzwasser gefüllt.

Eine Mannschaft besteht aus zwölf Spielern, vier pro Position. Davon sind jeweils sechs gleichzeitig im Wasser (zwei Torhüter, zwei Verteidiger, zwei Stürmer). Gewechselt wird flüssig während des Spiels, Wechselfehler ziehen eine Zwei-Minuten-Strafe nach sich (vergleichbar mit der Sanktion aus dem Handball). Richtige Geschlechtertrennung innerhalb der Teams gibt es nur bei Großturnieren wie WM und EM. Im normalen Ligabetrieb dürfen auch Frauen in den Männermannschaften spielen – umgekehrt jedoch nicht.
Der Ball darf in alle Richtungen gepasst werden, anders als beim Rugby an Land gibt es keine Regel, wann man abspielen muss.

Angegangen werden darf, wie auch beim normalen Rugby, ausschließlich der Ballträger. Dabei sind jedoch die Ausrüstung und der Körper oberhalb des Halses tabu – ansonsten ist fast alles erlaubt, auch andere Spieler während des Auftauchens unter Wasser zu drücken. Fouls, wie beispielsweise das Festhalten oder Schieben eines Nicht-Ballträgers, führen entweder zu einem Freiwurf (auszuführen von der Wasseroberfläche aus, entweder in der Mitte des Feldes oder in einer Entfernung von drei Metern zum Tor, vergleichbar mit einem Freistoß beim Fußball) oder einem Strafwurf, in diesem Fall eine Eins-gegen-Eins-Situation zwischen Stürmer und Torwart, mit 45 Sekunden Zeitlimit um entweder ein Tor zu erzielen oder den Strafwurf abzuwehren. Es darf dabei beliebig oft aufgetaucht werden.

Ein Spiel besteht aus zwei Halbzeiten a 15 Minuten, bei Toren oder Fouls wird die Zeit gestoppt. Jedes Team hat pro Halbzeit eine einminütige Auszeit zur Verfügung.

Deutsche Spitze: TSV Malsch

In der Region gibt es mehr als nur eine gute Unterwasserrugby-Spielerin: Die Teams des TSV Malsch treten ihrerseits in der ersten und zweiten Bundesliga Süd an. Aktuell steht die erste Mannschaft an der Spitze der Tabelle und spielte vergangenes Wochenende in der Euroleague in Belgrad unter anderem gegen das Team aus Odense.Bereits fest steht das Datum für den Kampf um den Malscher Storch: Seit 1995, mit Unterbrechung von 2010 bis 2013, veranstalten die Malscher Unterwasserrugby-Recken jährlich ein Einladungsturnier. Der Tauchsportverein Malsch lädt dementsprechen zu seinem traditionellen UW-Rugby-Turnier am Samstag, 17. Juli im Freibad Malsch ein.

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Erstellt:
21. Februar 2020, 17:45 Uhr
Lesedauer:
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