Flucht vor der Immunantwort

Baden-Baden (for) – Derzeit entwickeln sich zunehmend neue Corona-Varianten. Bei vielen Experten wächst die Sorge vor einer Mutation, gegen die die Impfstoffe nicht mehr wirken könnten.

In vielen Laboren werden die Proben mittlerweile auch auf Mutationen des Coronavirus untersucht, um besorgniserregende Varianten schnell zu erkennen. Foto: Andreas Arnold/dpa

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In vielen Laboren werden die Proben mittlerweile auch auf Mutationen des Coronavirus untersucht, um besorgniserregende Varianten schnell zu erkennen. Foto: Andreas Arnold/dpa

Während die Corona-Pandemie das öffentliche Leben nach wie vor stark einschränkt, macht das Impfen Hoffnung, schrittweise zur Normalität zurückzukehren. Jedoch kommt das Impfen hierzulande nur langsam voran, gleichzeitig wächst die Sorge vor einer Mutation, gegen die das Vakzin nicht mehr wirken könnte.

Selektionsdruck begünstigt Entstehung von Mutanten

„Das große Problem sind die sogenannten Escape-Mutanten, auf Deutsch: Flucht-Mutanten“, sagt der Baden-Badener Arzt Sven Gehrke auf BT-Nachfrage. Diese Flucht-Varianten haben sich genetisch so verändert, dass sie von Antikörpern möglicherweise nicht mehr erkannt werden, die gegen das ursprüngliche Coronavirus, also den Wildtyp, gebildet wurden. Luka Cicin-Sain vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig nennt das „Tarnung“, wie die deutsche Presseagentur (dpa) schreibt.

Jedes Virus habe einen Selektionsdruck und verändere sich deshalb stetig, erklärt Gehrke: „Das ist Evolution. Es überlebt nur das Virus, das am widerstandsfähigsten ist.“ Wenn dieser Selektionsdruck steige – etwa durch einen wachsenden Anteil an Geimpften in der Bevölkerung – hätten es die Viren zunehmend schwerer, sagt auch Cicin-Sain. Nur die Stärksten könnten sich dann noch durchsetzen, deshalb muss sich das Virus verändern, um zu überleben. Virologen gehen davon aus, dass solche Escape-Mutationen vor allem dort entstehen, wo die Bevölkerung zumindest schon teilweise gegen das Virus immunisiert ist. Denn dann setzen sich vor allem die Mutanten durch, die sich trotzdem noch verbreiten können.

„Man öffnet ein Tor für Virusmutationen“

Gehrke erklärt das im BT-Gespräch folgendermaßen: „Mutationen entstehen immer nach dem Zufallsprinzip.“ Ob sich eine bestimmte Mutante durchsetzen kann, hänge dann davon ab, ob sie einen Vorteil gegenüber dem Wildtyp hat. „Angenommen es sind jetzt viele immune Menschen zusammen – entweder durch weit fortgeschrittene Impfungen oder aufgrund einer großen Durchseuchung der Bevölkerung wie etwa in Brasilien. Gleichzeitig steigen aber die Infektionszahlen weiter rasant an. Nun entsteht bei einem nicht-immunen Menschen zufällig eine neue Virusvariante und diese trifft auf einen Geimpften“, schildert Gehrke die Situation. Dort habe diese neue Variante jetzt freie Bahn, weil sie – im Gegensatz zum Wildtyp des Virus – einen Vorteil habe und auch bei den Immunen überleben könne. „Man öffnet also ein Tor für die weitere Fortpflanzung der Virusmutanten“, so Gehrke.

Dieses Prinzip sei nicht neu, „wir kennen das von den Grippeviren, die verändern sich ja auch ständig, deshalb müssen die Grippe-Impfstoffe ja auch ständig angepasst werden“, fügt Gehrke hinzu. Stand jetzt biete die zweifache Impfdosis aber einen guten Schutz auch gegen bisher bekannte Corona-Mutanten, wie Cicin-Sain gegenüber der dpa erwähnt. Gesundheitsbehörden wie das Robert-Koch-Institut (RKI) oder die Weltgesundheitsorganisation analysieren demnach schon seit geraumer Zeit die Virustypen, um „besorgniserregende Varianten“ im Blick zu behalten. Dass Varianten entstehen, die nicht mehr durch jetzt verfügbare Impfstoffe gehemmt werden, ist Forschern zufolge „ein extremes Szenario, aber nicht auszuschließen“.

Impfstoffe können zügig angepasst werden

Die gute Nachricht: „Die bisherigen Impfstoffe bieten zumindest einen gewissen Schutz“, so Cicin-Sain. Außerdem könnten die aktuellen Impfstoffe nach Angaben der Präsidentin des Österreichischen Verbands der Impfstoffhersteller, Renee Gallo-Daniel, binnen sechs bis acht Wochen so verändert werden, dass sie ebenfalls gegen Mutanten wirken. Der Nachteil daran: Weil sie dann als neuer Impfstoff gelten, müssen die Vakzine wieder neu zugelassen werden. Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) hat laut dpa für diesen Fall schon ein Prozedere geplant, das eine rasche Zulassung für diese adaptierten Impfstoffe ermöglicht.

Damit dieses Szenario gar nicht erst zur Realität wird, müssten die Impfungen schneller voranschreiten und gleichzeitig die Infektionszahlen sinken. Lockerungen der Corona-Maßnahmen für bereits Geimpfte sieht Gehrke kritisch. „Paradoxerweise müssten ja eigentlich gerade die achtsamer sein, die schon geimpft sind“, sagt er. „Denn sobald sich Geimpfte nicht mehr an Regeln halten und ihre Kontakte nicht mehr reduzieren, könnte sich eine zufällig entstandene Virusmutation unter diesen Personen rasend schnell verbreiten – auch wenn die Krankheit bei den Geimpften nicht ausbricht.“

Dauer-Lockdown ist keine Lösung

Gleichwohl ist Gehrke der Meinung, dass ein ewiger Lockdown nicht die Lösung des Problems sein kann. „Wir müssen lernen, mit dieser Seuche umzugehen, und zwar vernünftig und pragmatisch“, so der Arzt. Die Impfung sei ein Etappenziel, aber gleichzeitig brauche man intelligente Eindämmungsstrategien. „Und das funktioniert nur über effiziente, günstige und praktikable Testmethoden. Tests werden in Zukunft zum Alltag gehören, da führt kein Weg dran vorbei“, ist Gehrke überzeugt. Wichtig sei, dass die Tests von hoher Qualität sind und die Probenentnahme professionell durchgeführt wird, „damit das Testergebnis auch möglichst zuverlässig ist“.


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