Flüchtlinge aus Ukraine kommen im Hotel Froschbächel unter

Bühl (BNN) – Selbst in Sicherheit – aber Angst um die Familie: Mütter und ihre Kinder aus der Ukraine sind auf der Flucht vor dem Krieg in der Ukraine. In Bühl kommen sie im Hotel Froschbächel unter.

Beliebter Treffpunkt: Der Abenteuerspielplatz beim Hotel Froschbächel zieht die Kinder der ukrainischen Flüchtlingsfamilien magisch an. Dort treffen sie immer wieder deutsche Spielkameraden. Die Sprache ist keine Barriere. Foto: Ulrich Coenen

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Beliebter Treffpunkt: Der Abenteuerspielplatz beim Hotel Froschbächel zieht die Kinder der ukrainischen Flüchtlingsfamilien magisch an. Dort treffen sie immer wieder deutsche Spielkameraden. Die Sprache ist keine Barriere. Foto: Ulrich Coenen

Nein, es ist kein abgedroschenes Klischee. Es fließen wirklich Tränen. Die Frau mag nicht über ihre Erlebnisse in der Ostukraine reden, auch nicht über das Schicksal ihres Mannes, den sie dort zurücklassen musste. „Ich wollte die Kinder vor dem Krieg retten“, berichtet sie. „Mir fehlt die Kraft, darüber zu sprechen.“

Oleksandra Holyaka übersetzt. Die Ukrainerin ist Ingenieurin und hat an der Technischen Universität Ilmenau studiert. Dann ist sie in Deutschland geblieben: „Weil es hier die tollsten Jobs für Ingenieure gibt.“ Seit mehr als zehn Jahren wohnt sie in Bühl und arbeitet, wie auch ihr bulgarischer Mann, bei Schaeffler. Die Kinder sind deutsche Staatsbürger. Es ist eine internationale Familie.

Bisher hat Oleksandra Holyaka von ihren Eltern und der Familie ihrer Schwester Maria nur gelegentlich Besuch erhalten. Jetzt wohnen diese gemeinsam mit anderen ukrainischen Flüchtlingen im Hotel Froschbächel, Oleksandra Holyaka wohnt in einem Mehrfamilienhaus direkt gegenüber dem Hotel. Marias Mann und auch der Vater sind in Lwiw (Lemberg) in der Westukraine geblieben, um für ihre Heimat zu kämpfen.

Mit dem Auto die lange Strecke nach Bühl

Maria spricht Englisch. „Mein Vater ist über 60, aber wollte nicht gehen“, sagt sie. Die Kinder sind sechs und vier Jahre alt. In ihrer Wohnung in Lwiw leben jetzt Flüchtlinge aus der Ostukraine, die dem dortigen Bombenkrieg entkommen sind. Nach einem russischen Luftangriff auf den Flugplatz ihrer Heimatstadt hatte Maria Angst um ihre Kinder. Sie setzte sich mit ihrer Mutter und den beiden Kleinen ins Auto und fuhr die endlos lange Strecke nach Bühl.

Natürlich sorgen sich Oleksandra Holyaka und Maria um Vater und Schwager beziehungsweise Ehemann. „Jeder Morgen beginnt mit einem Ritual“, berichtet Oleksandra Holyaka. Es ist ein Internetchat. Und jeden Morgen lautet die bange Frage: Sind noch alle da? Mutter und Schwester wollen nicht auf Dauer in Deutschland bleiben, sondern möglichst schnell nach Hause zurück. „Wenn der Horror vorüber ist“, meint Oleksandra Holyaka.

Insgesamt wohnen aktuell 24 Flüchtlinge im Hotel Froschbächel. Die Eigentümerin Renate Haag hat zehn Apartments für sie reserviert. Bis auf ein älteres Paar sind es alles Mütter mit Kindern. Eine Frau hat neben ihren beiden eigenen Kindern die Nachbarskinder mitgebracht, um diese in Sicherheit zu bringen. Die Eltern wollen in der Ukraine kämpfen. Die Flüchtlinge putzen ihre Räume selbst und können in der Waschküche ihre Wäsche waschen. Ansonsten frühstücken und essen sie wie die die anderen Hotelgäste im Speisesaal. Renate Haag hat den Nebenraum für sie reserviert. „Wir freuen uns, dass Frau Haag uns kräftig unterstützt“, sagt Bürgermeister Wolfgang Jokerst. Die Stadt bezahlt die Apartments, erhält aber sehr günstige Sonderkonditionen. „Mehr Zimmer kann ich leider nicht zu Verfügung stellen, weil die Tagungssaison beginnt“, berichtet Haag. „Nach Corona müssen wir irgendwann auch wieder Geld verdienen.“

„Wir sind zum ersten Mal so lange getrennt“

Auch Julia Milovskaya wohnt mit ihren beiden Kindern und der Mutter im Hotel Froschbächel. Gemeinsam mit ihrer Schwester, die auch zwei Kinder hat, ist die Frau eines Fabrikdirektors mit einem Buskonvoi, den eine jüdische Hilfsorganisation auf die Beine gestellt hat, nach Deutschland gekommen und in Bühl gelandet. Die Männer sind geblieben und versuchen, die Produktion in Abstimmung mit dem Militär fortzusetzen und arbeiten gleichzeitig freiwillig für den Stadtschutz. Die Familie stammt aus Dnipro in der Zentralukraine. „Als wir die Stadt am 8. März verlassen haben, war noch alles ruhig“, berichtet Julia, während Oleksandra Holyaka übersetzt. Seitdem gab es mehrere Bombenangriffe. Die Frauen fürchten um ihre Ehepartner. „Ich kenne meinen Mann, seit wir beide 15 Jahre alt sind“, sagt Julia Milovskaya. „Wir sind zum ersten Mal in unserem Leben so lange getrennt.“

Die siebenjährige Tochter besucht inzwischen die Aloys-Schreiber-Schule und ist glücklich, trotz fehlender Deutschkenntnisse. „Sie versteht alle Aufgaben“, meint die Mutter. Schwieriger ist die Situation für den 17-jährigen Sohn, der sich in der Ukraine auf eine Abschlussprüfung vorbereitet hat und jetzt im Hotel privat büffelt. „Er hofft, dass er bald mit dem Studium in der Ukraine beginnen kann“, erklärt seine Mutter.

Das Wochenende ist für die Familie von Oleksandra Holyaka eine willkommene Abwechslung. Die Ingenieurin, die in der Woche arbeiten muss, hat dann Zeit für Mutter, Schwester und Kinder. Glücklicherweise befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft des Hotels ein großer Spielplatz. „Die Kinder verstehen sich auch unabhängig von Sprachen“, sagt Oleksandra Holyaka.

Zum Thema

Die Stadt Bühl berichtet von 190 Personen (Stand 25. März). „Es werden täglich mehr“, sagt Pressesprecher Matthias Buschert. Die Flüchtlinge müssen sich im Bürger-Service-Center anmelden. „Die Registrierung ist Voraussetzung für den Bezug von Sozialleistungen“, erklärt Matthias Buschert.Wo wohnen die Menschen?: Die Personen sind entweder privat untergebracht oder wohnen im ehemaligen Gasthaus „Blume“ in Rittersbach, das vom Landkreis angemietet worden ist. Auch die „Krone“ in Oberbruch hält der Landkreis für eine Unterbringung vor. Zudem werden Turnhallen ins Auge gefasst, konkret die der Handelslehranstalt. Neben dem Hotel am Froschbächel haben in Bühl auch das Kloster Maria Hilf und der „Engel“ in Oberbruch kurzfristig Geflüchtete aufgenommen. Im ehemaligen Gasthaus „Blume“ wohnen aktuell 55 Flüchtlinge, in privaten Wohnungen beziehungsweise Hotels sind es 135.Hotline: Die von der Stadtverwaltung ins Leben gerufene Hotline (0 72 23) 93 53 80, über die Bühler Bürger montags bis freitags von 9 bis 12 Uhr (oder per E-Mail an ukraine@buehl.de) langfristig freien Wohnraum zur Verfügung stellen können, wird gut angenommen. Täglich werden Angebote entgegengenommen. Von 17 vermittelten Wohnungen berichtete Bürgermeister Wolfgang Jokerst. Weitere drei würden belegt, sobald sie beziehbar seien. (uc)

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Ihr Autor

BNN-Redakteur Ulrich Coenen

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Erstellt:
28. März 2022, 09:00 Uhr
Lesedauer:
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