Flughahn landet im Naturkundemuseum

Karlsruhe (BNN) – In den Tiefen des Mittelmeers verbirgt sich ein bizarrer Fisch namens Flughahn, den man kaum zu Gesicht bekommt. Ein Prachtexemplar ist nun im Naturkundemuseum Karlsruhe zu sehen.

Der neue Bewohner des Karlsruher Naturkundemuseums in voller Pracht. Foto: Jörg Donecker

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Der neue Bewohner des Karlsruher Naturkundemuseums in voller Pracht. Foto: Jörg Donecker

Der Taucher kann sein Glück kaum fassen. Bei der nächtlichen Pirsch im Meer sucht er aus Routine einen Platz vor der italienischen Mittelmeerinsel Giglio ab, wie ungezählte Male zuvor. Diesmal traut er seinen Augen nicht. Am Boden ruht ein merkwürdiger großer Fisch. Es sieht aus, als hocke dort eine riesige Heuschrecke. So lang wie ein Unterarm, macht das Tier keine Anstalten, zu fliehen. Eine offene Tüte hält der Taucher in der einen Hand, mit der anderen schiebt er den Fisch geradewegs hinein – gefangen. Die Sensation ist perfekt.

Der Taucher ist der Chef der Schau-Aquarien im Staatlichen Naturkundemuseum Karlsruhe, Hannes Kirchhauser. Der skurrile Fisch aus dem Mittelmeer ist ein Flughahn. Den Namen hat er sich doppelt verdient: Stört man ihn, gackert der Meeresbewohner wie Geflügel im Hühnerhof. Mit extrem vergrößerten Brustflossen schwimmt er zudem wie auf Flügeln durchs Wasser. Selbst erfahrene Taucher bekommen ihn selten zu sehen, Besucher von Schauaquarien haben kaum je die Gelegenheit. Am Friedrichsplatz in der Karlsruher Innenstadt seit Mittwoch aber schon.

Knurrhahn wieder im Mittelmeer

Weil den Experten des Naturkundemuseums Karlsruhe bei ihrer jährlichen Expedition dieser Glücksgriff gelungen ist, gleitet der Flughahn nun als neues Schmuckstück der Dauerausstellung „Form und Funktion – Vorbild Natur“ durch ein azurblaues Becken im Eingangssaal. Die künstliche Tiefsee teilt er sich mit zarten Schnepfenfischen und rundlichen, zartorangefarben gestreiften Eberfischen. Bisher ließ sich dort ein Knurrhahn sehen. Er hat die Freiheit wieder, Kirchhauser hat ihn zurück ins Meer bei Giglio gebracht, weil er um die Mitbewohner im Becken fürchtete. Der Neue in der Fisch-WG kann sein Maul nicht halb so weit aufreißen und wird nur verschlucken, was ihm die Tierpfleger als Futter vorwerfen. Shrimps zum Beispiel und natürlich Fisch in mundgerechter Größe.

Mit Seepferdchen verwandt

Stehen Kinder vor der meterbreiten Glasscheibe, spaziert der Flughahn auf ihrer Augenhöhe über den hellen Sandboden. Der bizarre Fisch stützt sich auf kleine Vorderflossen, die zu Krallen umgebildet sind. Ganz ähnlich macht das der Knurrhahn. Und doch sind beide nicht verwandt. Kirchhauser hat mit anderen Kennern gewettet und über den Flughahn herausgefunden: „Er ist verwandt mit Seepferdchen – das glaubt ja eigentlich kein Mensch.“

Eine schlaflose Nacht haben der Vivariumschef und der Wildfang hinter sich, gemeinsam im Transporter, auf der Fahrt über den Brenner zum Naturkundemuseum in Karlsruhe. Hinter dem historischen Gebäude im Hof beim Nymphengarten wird am Vormittag die lebende Fracht entladen und schnell versorgt. Ein neuer Oktopus ist auch dabei. Robin Fetzer, der als Taucher mit auf Expedition war, steuert mehrere Rollwagen mit den Neuzugängen durch die Katakomben des Museums. Für zehn kräftige Meerbarben und eine seltene Sorte Lippfische geht die Reise weiter: Rahel Lavater bringt sie nach Basel in den Zoo.

Einige Besucher der Ausstellung haben Glück. Sie erleben in dem Saal, in dem der Rundgang beginnt, den Einzug des Flughahns mit. Sein Transportbehälter steht über eine Stunde lang am Fuß des Bassins neben dem Durchgang zum Quallenkreisel. Nur allmählich mischen die Tierpfleger das Wasser aus dem Mittelmeer mit dem ideal temperierten salzigen Nass des Schaubeckens. Der Neuling fächelt derweil mit der mehrstrahligen Rückenflosse.

Beherzt setzt Kirchhauser den Fisch schließlich in seinen künftigen Lebensraum um. Flugs zeigt der Flughahn seine schönste Seite. Er fächert die Brustflossen voll auf und lässt den umlaufenden blauen Schmuckstreifen neben gleichfalls türkisblau leuchtenden Tupfen sehen. Um die 45 Zentimeter Spannbreite hat der makellose, ausgewachsene Prachtkerl, schätzt Kirchhauser – ob es ein männliches oder weibliches Exemplar ist, bleibt allerdings ein Geheimnis, auch Kenner können es nicht erkennen.

Die dunklen Kulleraugen umgibt ein roter Ring. Erst einmal, bei einem Tauchgang in der Karibik bei Jamaika vor gut 30 Jahren, hat der weit gereiste Vivariumschef zuvor einem Flughahn ins Auge gesehen. „Ich hatte alle Genehmigungen und nahm ihn im Fluggepäck mit“, erzählt Kirchhauser. Noch heute lacht er, wenn er sich erinnert. Erst viel später fand er heraus, dass er seinen kostbaren Fang nicht hätte einfliegen müssen, weil der Fisch auch im Mittelmeer lebt.

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Ihr Autor

BNN-Redakteurin Kirsten Etzold

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Erstellt:
10. November 2021, 22:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 18sec

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