Forderung nach besserem Schutz für Saisonarbeiter

Baden-Baden (kie) – Die Initiative Faire Landarbeit äußert Kritik an Arbeitsbedingungen von Erntehelfern und wirft Landwirten einen mangelnden Schutz vor dem Coronavirus vor.

Werden Erntehelfer in deutschen Betrieben ausreichend vor dem Coronavirus geschützt? Darüber gibt es derzeit Auseinandersetzungen. Foto: Andreas Arnold/dpa

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Werden Erntehelfer in deutschen Betrieben ausreichend vor dem Coronavirus geschützt? Darüber gibt es derzeit Auseinandersetzungen. Foto: Andreas Arnold/dpa

Es gleicht einem Paradoxon gegenwärtiger Risikovermeidung: Während das Zuhausebleiben und ein möglichst immobiles Leben – insbesondere im grenzüberschreitenden Bereich – seit über einem Jahr zur Ultima Ratio erklärt wird, sind Saisonarbeitskräfte wie Erntehelfer darauf angewiesen, in andere Länder zu reisen, um dort zu arbeiten. Die hiesigen Landwirte benötigen wiederum die Arbeitnehmer aus dem Ausland – etwa für die Spargelernte.

„Problematischer Doppelstandard“

Die Initiative Faire Landarbeit, ein Bündnis der Gewerkschaft IG Bau und verschiedener Beratungsorganisationen, fordert deshalb nun einen besseren Schutz für Saisonarbeitskräfte vor dem Coronavirus. Nachdem sich im vergangenen Jahr mehrere Erntehelfer infiziert hatten und ein Mann aus Rumänien nach einer Corona-Infektion gestorben war, sollten die Landwirte in diesem Jahr mehr für den Schutz der Arbeitnehmer tun, so das Credo. Von einem „problematischen Doppelstandard zwischen dem Schutz der hiesigen Bevölkerung und dem Schutz der Saisonarbeiter“, spricht etwa der Koordinator der Initiative, Benjamin Luig, gegenüber der Deutschen Presseagentur (dpa). Kritisiert wird vor allem die Unterbringung: Die Unterkünfte seien oft zu eng, da es erlaubt sei, bis zu acht Personen in einem Zimmer unterzubringen.

Simon Schumacher, Vorstandssprecher des Verbands Süddeutscher Spargel- und Erdbeeranbauer (VSSE) sieht hingegen keinen Anlass für berechtigte Kritik: „Nicht richtig gelesen“, habe die Initiative offenbar die derzeit geltenden Arbeitsschutzregelungen. Diese schrieben eine Teamgröße von maximal vier Personen vor, bei der Unterbringung könnten zwar Ausnahmen gemacht werden, die Landwirte würden diese aber kaum ohne triftigen Grund wählen: „Das Risiko ist groß, wenn der Betrieb auf einmal acht Leute verliert“, so Schumacher. Den Vorwurf, Erntehelfer seien einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt, kann Schumacher „nicht nachvollziehen“.

„Der Hof ist ein eigener Kosmos“

Die Arbeiter seien in Unterkünften besser geschützt als etwa Personen, die durch ihren Arbeits- oder Schulweg mehr Kontakt zu potenziell infizierten Menschen hätten, vermutet der VSSE-Sprecher. Denn: „Der Hof ist ein eigener Kosmos“. Zudem seien die bestehenden Corona-Schutzregeln ausreichend. Diese umfassen etwa die Vorlage eines negativen Coronatests vor Arbeitsaufnahme oder die Einteilung in kleine Kohorten von wenigen Personen, die nicht nur gemeinsam arbeiten, sondern auch leben; Küche oder Sanitäreinrichtungen dürfen beispielsweise nur gemeinsam mit dem eigenen Team benutzt werden.

Von „Bestimmungen wie Kaugummi“ spricht hingegen Harald Schaum, stellvertretender Bundesvorsitzender der IG Bau. Er mahnt zu viel Spielraum in der Auslegung der Regeln an: Immer wieder werde in den Verordnungen, die sich auf die Saisonarbeit beziehen, relativiert und eingeschränkt, so sein Vorwurf. „Und das Problem an Bestimmungen, die ganz viel Kaugummi in sich tragen, ist ja, dass sie sich nicht kontrollieren lassen, weil es keine saubere Rechtsgrundlage gibt“, sagt er. Nicht nur die Unterbringung in Sammelunterkünften hält er für problematisch, sondern auch den Transport der Saisonarbeitskräfte – die Reise nach Deutschland einerseits, insbesondere aber den täglichen Weg auf die Felder.

30 Prozent weniger Ernte

Die Landwirte hingegen haben neben dem ohnehin seit Jahren bestehenden Mangel an Erntehelfern nun mit neuen Problemen zu kämpfen: 30 Prozent der Felder, so Schumacher, seien im vergangenen Jahr wegen fehlender Arbeiter infolge der reduzierten Zimmerbelegungen nicht abgeerntet worden. Die Mehrkosten, die den Landwirten in der vergangenen Saison durch die Pandemie und die Umsetzung von Hygienekonzepten entstanden sind, beziffert er auf durchschnittlich 880 Euro pro Arbeitskraft.

Doch dieses Argument lässt Schaum nicht gelten. Entschieden spricht er sich gegen weitere Hilfen für die Betriebe aus. Es gebe ja bereits eine „relativ große Menge an Unterstützung“ – und Ausnahmen von der Regel: Beispielsweise dürfen die Saisonarbeitskräfte während der Quarantäne nach der Einreise arbeiten, zudem können Landwirte Saisonarbeitskräfte während der Pandemie länger sozialversicherungsfrei anstellen als üblicherweise. Eine „Unverschämtheit hoch drei“, nennt er diese Regelung, die auch schon im vergangenen Jahr Anwendung fand. Schumacher hingegen betont, dass die Arbeiter selbst die Befreiung von der Sozialversicherungsabgabe befürworteten. Gewerkschafter Schaum bezeichnet das als „totalen Unfug“.

„Irgendwo gibt es eben Grenzen“

Während die Arbeitsbedingungen von Erntehelfern zu Auseinandersetzungen führen, läuft auf den Feldern bereits die Ernte (siehe zum Thema). Auf dem Spargelhof von Stefan Schneider in Iffezheim gibt es „eh keine dichte Zimmerbelegung“, wie der Landwirt sagt; in den Unterkünften seien die Arbeiter räumlich voneinander getrennt. Zudem würden sie in Kleingruppen eingeteilt und auf Schneiders Kosten wird wöchentlich getestet. „Ich habe die Leute angehalten, dass immer nur einer zum Einkaufen geht und für die anderen etwas mitbringt“, nennt er ein Beispiel. „Aber irgendwo gibt es eben Grenzen“. Überwachen könne er die Erntehelfer natürlich nicht, so Schneider, bei dem derzeit rumänische und polnische Erntehelfer arbeiten.


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