„Frag einen Zeitzeugen“ – Projekt gegen das Vergessen

Hamburg/Bad Arolsen/Iffezheim (marv) – Sie werden immer weniger. Menschen, die uns erzählen können, was in der jüngeren deutschen Geschichte genau passiert ist, weil sie es selbst erlebt haben.

Wollen Zeitzeugengespräche an die Pandemiesituation und die Sehgewohnheiten junger Menschen anpassen: Die Initiatoren des Projekts „Ask a Witness“, Mathias Ahlmer (links) und Tom Franke. Foto: privat

© pr

Wollen Zeitzeugengespräche an die Pandemiesituation und die Sehgewohnheiten junger Menschen anpassen: Die Initiatoren des Projekts „Ask a Witness“, Mathias Ahlmer (links) und Tom Franke. Foto: privat

Wo immer Zeitzeuginnen und Zeitzeugen eingeladen wurden, um Erlebtes zu schildern, herrschte großes Interesse. Der Andrang war häufig größer als die dafür vorgesehenen Lehrsäle oder Veranstaltungsräume. Seit Beginn der Corona-Pandemie ist das nicht mehr möglich. Menschenansammlungen sind fast überall auf der Welt tabu, weil sie Superspreader-Events werden könnten. Veranstaltungen finden kaum statt, in Präsenz nur äußerst selten und unter strengsten Hygienevorkehrungen. Ältere Menschen sind besonders gefährdet. Die wenigen Überlebenden des Holocaust gehören Risikogruppen an.

Ein Projekt zweier Studierender will daher einen anderen Weg gehen, um den historisch wertvollen Erfahrungsschatz für die Nachwelt zu archivieren und für Heranwachsende zeitgemäß aufzubereiten. Mit „Ask a Witness“ wollen die Digital-Journalisten Mathias Ahlmer und Tom Franke Zeitzeugengespräche auf Video bannen und so aufbereiten, dass es den heutigen Sehgewohnheiten der Mediennutzenden entspricht und beispielsweise auf Social-Media-Kanälen veröffentlicht werden kann. Dazu wollen sie mit Erinnerungsstätten und Privatpersonen zusammenarbeiten.

07.04.2021 Videointerview zum Projekt Ask a Witness
© marv 12:57 min
Interview mit Mathias Almer und Tom Franke vom Projekt Ask a Witness

BT: Mathias, Tom, was steckt hinter eurem Projekt „Ask a witness“?
Tom Franke: Mit „Ask a Witness“ sammeln wir Fragen, die junge und interessierte Menschen gerne Zeitzeugen stellen möchten. Diese möchten wir in Videointerviews zusammen mit den Zeitzeugen beantworten.
Mathias Ahlmer: Das Projekt ist eine Reaktion auf Hasskommentare im Netz und die Ereignisse der letzten Zeit in den vergangenen Jahren in Deutschland, wo aus Worten letztlich Taten wurden, sei es der Mord an Walter Lübcke oder das Attentat von Halle. Das hat mit Aussagen von Politikern von weit rechts des politischen Spektrums angefangen, Hasskommentare auf Facebook haben das ganze befeuert und das hat sich dann so weit hochgeschaukelt.
Wir haben dann überlegt: „Wie können wir Worte dagegen finden?“ Das können aus unserer Sicht am besten Zeitzeuginnen, Verfolgte des NS-Regimes. Wir bieten eine Plattform, in einer digitalen, zeitgemäßen Form, dass die, die so etwas erlebt haben, eine Stimme bekommen. Wir wollen somit eine Plattform bieten, die den Entwicklungen etwas dagegenhält, gegen den Hass, der in unserer Zeit vorherrscht.

BT: Wie soll euer fertiges Produkt aussehen? Welche Erzählformen stellt ihr euch konkret vor?
Franke: Die Fragen, die uns erreichen, bieten den Ausgangspunkt für unsere Interviews. Da suchen wir gerade aktiv und sprechen zum Beispiel befreundete Lehrerinnen an und fragen, ob sie in ihren Klassen fragen möchten, ob die Schülerinnen und Schüler Fragen an Zeitzeuginnen haben. So schaffen wir es, aktuelle Bezüge herzustellen. Diese sind gerade für junge Leute wichtig, um an ihr Wissen anknüpfen zu können. Da muss man ein bisschen unterscheiden zu einem biografisch-narrativen Interview, wie es ein Historiker mit einem Zeitzeugen führen würde. Dabei wird versucht, den Lebens- und Verfolgungsweg anhand von verschiedenen Stationen abzubilden. Das setzt häufig eine genaue Kenntnis der Zustände eines bestimmten Lagers voraus und der Lebenssituation in dem Lager. Unsere Herangehensweise ist da eher journalistisch. Das kann aus meiner Sicht einen sehr guten Anknüpfungspunkt bieten, um sich dann weiter mit den Geschichten der Zeitzeugen auseinanderzusetzen. Wir schaffen damit einen Startpunkt für eine tiefere Auseinandersetzung.
Ahlmer: Wann und wie oft wir Videos veröffentlichen, können wir noch nicht sagen, weil wir am Anfang des Projekts stehen. Wir wollen auf keinen Fall die Aufgaben von Gedenkstätten übernehmen. Wir werden vorrangig auf Instagram aktiv sein, was eine gewisse Aufmerksamkeitsspanne, Sprache und Farbe hat. Das wollen wir jetzt nicht komplett bedienen, es sollte dem Ganzen schon einen angemessenen Rahmen geben, aber wir können Produkte, die uns wichtig sind oder die wir als wichtig empfinden, wo wir sagen, es wäre gut, wenn junge Leute damit in Kontakt kommen, entsprechend anpassen. Die Idee ist es, die typische Ansprache von Social Media zu übernehmen und trotzdem die Inhalte hochwertig und aus erster Hand anzubieten.

Mathias Ahlmer (links) und Tom Franke im Videointerview mit BT-Redakteur Marvin Lauser. Screenshot: Marvin Lauser

© marv

Mathias Ahlmer (links) und Tom Franke im Videointerview mit BT-Redakteur Marvin Lauser. Screenshot: Marvin Lauser

BT: Was interessiert die Menschen ganz besonders? Was für Fragen werden euch gestellt?

Franke: Es waren sehr unterschiedliche Fragen, was super spannend ist. Schon die Fragen sagen etwas über die Zugänge der Schülerinnen und Schüler aus. Es gibt sehr empathische Fragen. Eine war: „Wie erleben Zeitzeuginnen aktuell die Corona-Situation und die Isolation in der Corona-Zeit?“ Eine andere Frage, auch mit aktuellem Bezug, war: „Wie begegnen Zeitzeugen Geschichtsrevisionismus und Geschichtsverfälschung, die aktuell beispielsweise bei Querdenken-Demos zur Schau gestellt wird?“
Eine Frage, die ich persönlich sehr spannend finde, war: „Wie haben Zeitzeuginnen die Nachkriegszeit erlebt und gab es Organisationen, die sie in dieser Zeit unterstützt haben?“ Das ist ein spannendes Thema, das aktuell nicht in der Schule behandelt wird.

BT: Haben sich schon Menschen oder Institutionen gemeldet, die euch bei eurem Projekt unterstützen möchten? Wie können Interessierte euch helfen?

Ahlmer: Die Corona-Pandemie erschwert das Ganze. Wir suchen gerade Wege, trotz der Pandemie, mit Zeitzeuginnen, die in der Regel schon älter sind, Interviews zu bekommen. Wir haben Konzepte – das ist für uns alles kein Problem, aber die Menschen sprechen uns immer zuerst darauf an. Uns ist die Problematik bewusst. Wir sind aber auch überzeugt, dass wir das können. Ich arbeite beim Fernsehen. Seit einem Jahr mit Corona. Wir wissen mittlerweile, wie wir damit sicher umgehen können. Dennoch wollen wir keine unnötigen Risiken eingehen und haben daher erst mal in unserer unmittelbaren Nähe geschaut. In meinem Fall, in Hamburg, ist das die Gedenkstätte Neuengamme und da haben wir auch sofort Unterstützung erhalten. Das war vor allem informativ, vielleicht ergibt sich eine Zusammenarbeit. Die zweite Anlaufstelle ist Toms Arbeitgeber, die Arolsen Archives.

Franke: Wir freuen uns über jeden, der uns Fragen schickt, zum Beispiel über unseren Instagram-Kanal. Das würde uns sehr helfen. Zusätzlich ist diese Woche der jüdische Holocaust-Gedenktag „Yom Hashoah“. Am heutigen Sonntag jährt sich außerdem zum 76. Mal die Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald. Es gibt also auch andere interessante Social-Media-Kanäle von Gedenkstätten, die gerade sehr aktiv sind. Unterstützt nicht nur uns, holt euch was Sinnvolles in den Feed. Versucht auch da zu liken und zu teilen.

Unterstützer gesucht, Hinweise erbeten

Wenn Sie einen Zeitzeugen kennen, das Projekt unterstützen möchten oder eine Frage haben, die die beiden einer Zeitzeugin stellen sollen, können Sie sich per E-Mail an askawitness.projekt@gmail.com an die Projektinitiatoren wenden.

Vier Fragen an:“ ist eine Reihe der BT-Onlineredaktion. Die vier Fragen richten sich an Menschen, die gerade im Fokus stehen, etwas Interessantes erlebt oder zu erzählen haben oder aufgrund ihrer Tätigkeit interessant sind. Die Beiträge der Reihe werden sonntags auf der Homepage des Badischen Tagblatts veröffentlicht.

Ebenfalls interessant:

Welche Gefahr geht von Rechtsextremen aus, Herr Blume?

Versöhnungsarbeit mit KZ-Überlebenden

Badens blinder Fleck


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.