Frank V. leidet an Post-Covid-Symptomen

Gernsbach (for) – Die Langzeitfolgen einer Covid-Erkrankung können fast jede Stelle des Körpers betreffen. Das Mediclin Reha-Zentrum in Gernsbach setzt deshalb auf ein interdisziplinäres Rehakonzept-

Übungen, um den Brustkorb zu dehnen: Nach einer überstandenen Corona-Infektion müssen viele Betroffene erst wieder lernen, in die Tiefe zu atmen. Symbolfoto: Friso Gentsch/dpa

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Übungen, um den Brustkorb zu dehnen: Nach einer überstandenen Corona-Infektion müssen viele Betroffene erst wieder lernen, in die Tiefe zu atmen. Symbolfoto: Friso Gentsch/dpa

Frank V. bricht plötzlich mitten im Gespräch ab, hält kurz inne, fasst sich an die Stirn, denkt nach und versucht, den roten Faden wieder aufzunehmen. „Ich muss mich kurz sammeln“, sagt er und atmet tief durch. Immer wieder schaut er auf den Boden, in der Hoffnung, seine verloren gegangene Konzentration irgendwo dort wiederzufinden. Solche Aussetzer sind für Frank V. nichts Neues, seit mehr als einem Jahr leidet der 55-Jährige an kognitiven Blockaden. Dass sie eine direkte Folge seiner überstandenen Corona-Infektion sind, war ihm anfangs nicht bewusst. Heute steht fest: Frank V. ist einer von geschätzt zehn bis 20 Prozent der Corona-Patienten, die am Post-Covid-Syndrom leiden.

Angst vor dem „neuartigen Virus“

Es war der erste Weihnachtsfeiertag 2020 – der Tag, der das Leben von Frank V. von Grund auf verändert hat. „Ich hatte mich schon Wochen davor völlig zurückgezogen“, erzählt er. Aus Angst, sich mit diesem „neuartigen Virus“ anzustecken, wie es damals hieß. „Ich habe enge Freunde in Italien, weil ich eine Zeit lang in der Lombardei gelebt habe. Die haben mich schon früh gewarnt, dass da was Schlimmes auf uns zukommt.“

Am 25. Dezember 2020 hatte er sich dann doch aus dem Haus gewagt, um seinem Patenkind die Geschenke vorbei zu bringen. Zwei Tage später fühlte er sich unwohl, schlapp, irgendwie kränklich. In der Nacht kamen Fieber und starke Rückenschmerzen dazu. Kurz vor Silvester stand fest: Frank V. ist positiv, er hat sich mit Covid-19 infiziert. Ab dann ging alles ganz schnell, Tag für Tag wurden seine Beschwerden schlimmer. „Ich hatte nachts Atemnot und so starken Husten, dass meine Nachbarn wütend gegen die Wände getrommelt haben“, erinnert sich Frank V. Kurz darauf spielte sein Geschmackssinn verrückt, der Geruchssinn setzte komplett aus. „Das ganze ging etwa drei Wochen, dann hatte ich die akute Phase überstanden.“ Frank V. galt also als „genesen“. Dass er sich auch mehr als ein Jahr später noch immer nicht vollkommen von seiner Corona-Erkrankung erholt haben wird, wusste er zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

„Zwar habe ich schnell gemerkt, dass diese extreme Müdigkeit einfach nicht verschwindet, ich habe mir zunächst aber nichts dabei gedacht.“ Als sein Lungenarzt ihm schließlich riet, Ausdauersport zu treiben, merkte Franz V. schnell: „Das funktioniert nicht so, wie ich das möchte.“

Aber es sind nicht nur die körperlichen Aktivitäten, die ihm bis heute Schwierigkeiten bereiten, sondern vor allem auch geistige oder emotionale Belastungen, denen er nicht mehr so standhalten kann wie vor seiner Corona-Infektion. „Ich war plötzlich überhaupt nicht mehr belastbar, jede Kleinigkeit hat mich aufgeregt und völlig aus der Rolle gebracht. So sehr, dass ich mich danach vor lauter Erschöpfung wieder hinlegen musste“, berichtet der 55-Jährige. „Im Prinzip war mir der ganze Alltag einfach zu viel.“

Gedächtnislücken und Konzentrationsdefizite

Irgendwann habe er dann beim Spazierengehen festgestellt, dass ihm die Namen der Leute aus seinem Ort nicht mehr einfielen. Doch er habe weiter gehofft, dass die Symptome bald wieder verschwinden. Zwischenzeitlich sah es sogar ganz gut aus, seine Lebensgeister kehrten zurück, er fühlte sich wieder fit – nur um kurz darauf festzustellen, dass er plötzlich extreme Gelenk- und Muskelschmerzen verspürte und auf einem Auge alles verschwommen sah. Auch die Atembeschwerden wurden nicht wirklich besser.

„Das Fatale an Post-Covid ist, dass die Symptome nicht regelmäßig auftreten. Sie kommen, verschwinden wieder, neue treten auf und alte Symptomen kommen zurück“, schildert Frank V. die Situation. „Die Folge davon ist: Man kann sein Leben nicht mehr planen“, fasst der Betroffene die Problematik zusammen. Das habe auch Auswirkungen auf den Berufsalltag und die Arbeitsfähigkeit.

Frank V. hat bereits vor seiner Corona-Erkrankung betriebsbedingt seinen Job verloren. Das ist auch der Grund, weshalb der Arbeitsuchende seinen vollständigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Denn: Ob er mit Post-Covid jemals wieder in seinem alten Berufsfeld tätig sein kann, weiß er nicht. „Ich habe keinen körperlich anstrengenden Beruf ausgeübt, sondern einen, der mich geistig gefordert hat. Aber wie soll das gehen, wenn ich nach einer kurzen Konzentrationsphase so erschöpft bin, dass ich schlafen muss?“

„Viele Ärzte haben mich nicht ernst genommen“

Dass all seine Beschwerden tatsächlich auf seine Corona-Infektion zurückzuführen sind, ist lange unklar. „Viele Ärzte haben mich nicht ernst genommen, abgewunken mit der Meinung, Herz- und Lungenbilder zeigten keine Auffälligkeiten.“ Nur mit der Hilfe eines befreundeten Neurologen stellt Franz V. irgendwann fest, dass er an Post-Covid leiden muss. Er recherchiert viel, liest wissenschaftliche Fachliteratur, um festzustellen, dass vieles auf ihn zutrifft. „Es handelt sich bei Covid-19 um eine Multiorganerkrankung. Das Virus hat dazu geführt, dass mein ganzer Körper einmal komplett gegen eine Wand gefahren wurde“, so Franz V. „Und das wieder in Ordnung zu bringen, ist eine echte Herausforderung.“

Eine Herausforderung, der sich der 55-Jährige jetzt stellt. Seit etwas mehr als vier Wochen wird er als Post-Covid-Patient im Gernsbacher Mediclin Reha-Zentrum betreut und fühlt sich dort mit seinen Beschwerden zum ersten Mal „wirklich ernstgenommen“.

Die Mediclin setzt bei der Rehabilitation von Post-Covid-Patienten auf ein sogenanntes interdisziplinäres Konzept. Dr. Franz van Erckelens, Chefarzt der Fachklinik für Innere Medizin und Kardiologie bei der Mediclin am Standort Gernsbach, erklärt das folgendermaßen: „Beim Post-Covid-Syndrom handelt es sich um ein sehr komplexes Krankheitsbild, deshalb muss auch der Behandlungsansatz immer multimodal sein – also zusammengesetzt aus Bausteinen verschiedener Fachbereiche.“ Bei Post-Covid handele es sich um „eine Wundertüte im negativen Sinne, die alle möglichen Beschwerden beinhalten kann“, beschreibt van Erckelens das Krankheitsbild. „Es ist eine Systemerkrankung, die quer durch den Körper geht.“

Austausch unter vielen Fachbereichen

Die Mediclin hat sich deshalb dazu entschlossen, die Diagnostik breit aufzustellen. „Denn wir haben gemerkt, dass es eben nicht ausreicht, dass ein einzelner Fachbereich die Rehamaßnahmen für Post-Covid-Patienten übernimmt.“ Stattdessen erfolge ein ständiger Austausch zwischen den unterschiedlichsten Fachbereichen wie etwa Innere Medizin, Neurologie, Kardiologie, Geriatrie sowie Lungenfachärzten, HNO-Spezialisten und Atemtherapeuten. „Wir schließen uns dazu regelmäßig mit allen Bereichen unserer Häuser in Online-Konferenzen zusammen, um Erfahrungen auszutauschen und zu beraten.“

Dieses interdisziplinäre Konzept hat Frank V. von Anfang an überzeugt. „Deshalb habe ich lange dafür gekämpft, hier in Gernsbach meine Reha antreten zu können“, sagt er. Seine Krankenkasse wollte ihn zunächst nämlich nicht als Post-Covid-Patienten einstufen und statt einer interdisziplinären Reha lediglich eine psychosomatische Reha verschreiben. Doch Frank V. ließ sich nicht unterkriegen und schaffte es mit der Hilfe seines befreundeten Neurologen nach langem Hin- und Her schließlich doch, seine Krankenkasse zu überzeugen. Nach rund vier Wochen Reha sagt er nun: „Der Aufwand hat sich gelohnt.“

Breit gefächertes Reha-Programm

Das Reha-Programm sei breit gefächert, von Cardio für die Ausdauer über Medizinische Trainingstherapie, Physiotherapie, Atemtherapie, Logopädie bis hin zu Neurofit, um die Koordination und Konzentration zu fördern, sei alles dabei, zählt Frank V. auf. Er habe hier innerhalb weniger Wochen gelernt, seinen Brustkorb zu dehnen und wieder richtig „in die Tiefe zu atmen“, sagt er. „Ich hatte bis vor 14 Tagen jede Nacht extreme Erstickungsanfälle. Mittlerweile kann ich wieder ohne Panik durchschlafen.“ Auch körperlich fühle er sich wieder fit. „Ich bin gestern rund drei Kilometer auf dem Laufband gejoggt und kann ohne Pause wieder 16.000 Schritte gehen“, berichtet er. Kognitiv habe er aber immer noch große Defizite. Und auch psychisch belaste in seine Erkrankung sehr. Das liege auch daran, dass die Akzeptanz für Post-Covid in der Gesellschaft seiner Meinung nach kaum vorhanden ist.

„Das könnte man möglicherweise ändern, wenn man diese geistige Müdigkeit, auch bekannt unter dem Fatigue-Syndrom, messen könnte“, wirft der Neuropsychologe Christian Schmidt ein. „Aber durch unsere gängigen Testverfahren – mit Aufgaben zum logischen Denken oder Gedächtnistests – können wir die Defizite von Post-Covid-Betroffenen oft gar nicht abbilden. Viele Patienten meistern diese Tests ohne große Probleme, sind danach aber völlig erschöpft.“ Stattdessen müsse man die Defizite bei Gesprächen abfragen, mit Messwerten sei es da aber schwierig. „Und genau die bräuchte man, um die Krankheit in der Gesellschaft als solche wahrzunehmen oder zu belegen, dass hier eine Berufseinschränkung vorliegt.“ „Bei Burn-Out war das lange Zeit ähnlich. Betroffene wurden in eine Ecke gestellt und nicht ernstgenommen. Davor sollten wir Post-Covid-Patienten dringend schützen“, betont van Erckelens.

Anonyme Daten sollen Erkenntnisse bringen

Gleichzeitig gibt der Arzt trotz der Fortschritte, die Frank V. seit dem Beginn seiner Reha macht, zu bedenken, dass Post-Covid auch für die Mediclin „Neuland ist“. „Dass Covid-19 zu einer Rehabehandlung führen würde, damit hat keiner gerechnet“, sagt er. Und bis heute wisse man nicht, wie sich die Erkrankung künftig weiterentwickele. „Was wir wissen, ist, dass es keinen Unterschied macht, ob jemand einen besonders starken oder milden Covid-19-Verlauf hatte. Auch bei milden Verläufen können durchaus Langzeitfolgen auftreten“, so van Erckelens. Insbesondere in Bezug auf die Omikron-Variante sei noch vieles unklar. „Ja, die Fälle, die auf der Intensivstation landen, gehen mit der Omikron-Variante zurück, aber wer weiß, welche Spätfolgen möglicherweise in fünf oder zehn Jahren bei Betroffenen auftreten. Das wissen wir nicht“, so van Erckelens.

Derzeit sammele er gemeinsam mit seinen Kollegen in den Mediclin-Häusern anonym Daten von Reha-Patienten. „Alle Daten kommen in einen wissenschaftlichen Pool, dort wird alles genau protokolliert, irgendwann zeichnen sich dann hoffentlich Erkenntnisse ab“, sagt der Chefarzt. „Sicherlich werden wir auch Fehler feststellen und unsere Behandlungen dann entsprechend anpassen müssen oder zusätzliche Rehakonzepte entwickeln.“ Bis es so weit ist, müsse man mutig und kreativ sein und bestimmte Behandlungsmöglichkeiten ausprobieren, meint Frank V. „Viel kaputt machen kann man bei uns Betroffenen ja ohnehin nicht.“

Zumindest eine gute Sache habe die Pandemie, so van Erckelens: „Im besten Fall entwickeln wir jetzt Techniken und Therapiemöglichkeiten, die später auch bei anderen Krankheiten helfen können.“

Hilfe bei Corona-Langzeitfolgen: Das Mediclin Reha-Zentrum in Gernsbach bietet Therapien für Post-Covid-Patienten an. Foto: BT/Archiv

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Hilfe bei Corona-Langzeitfolgen: Das Mediclin Reha-Zentrum in Gernsbach bietet Therapien für Post-Covid-Patienten an. Foto: BT/Archiv


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