„Franz“ entwickelt sich in Rotenfels prächtig

Gaggenau (er) – Die Freude über den Storchennachwuchs ist groß in Bad Rotenfels. „Franz“ ist jetzt auch beringt und offiziell registriert.

Meister Adebar thront mit seinem Nachwuchs über Bad Rotenfels. Foto: Elke Rohwer

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Meister Adebar thront mit seinem Nachwuchs über Bad Rotenfels. Foto: Elke Rohwer

Für die Beringung hatte sich Roland Seitz, Gründer eines ortsansässigen Unternehmens, kurzerhand bereit erklärt, die Aktion in zwölf Metern Höhe mit seiner Hebebühne zu unterstützen. Um kurz nach 17 Uhr war diese auf dem Anwesen der Familie Merkel in der Hubstraße aufgestellt und einsatzbereit. Nun konnte es losgehen.

Stefan Eisenbarth, der für die Vogelwarte Radolfzell seit 2009 ehrenamtlich Beringungen vornimmt, klettert zu Roland Seitz in den Personentransportkorb. Wenige Augenblicke später steigt der Korb mit den beiden Männern langsam und in sicherem Abstand zum Storchenhorst nach oben. „Wir zeigen uns erst einmal aus der Ferne, damit der Jungstorch nicht erschrickt“, erklärt der Storchenexperte. Als sich Seitz und Eisenbarth dem Horst nähern, fliegt der Altstorch, der die Aktion von Anfang an misstrauisch verfolgt hatte, auf, dreht eine Runde und landet auf der gegenüberliegenden Wiese bei der Realschule in der Dachgrub.

Wie erstarrt liegt das Jungtier im Nest. Behutsam greift Stefan Eisenbarth das Tier an den Seiten und betrachtet es kurz. „Es sieht gut aus. Das Gefieder ist fast voll entwickelt. Nur am Rücken sieht man noch etwas Flaum, die Schwungfedern sind auch noch nicht herausgewachsen. Kühle Witterung kann dem Jungtier in dieser Entwicklungsphase nichts mehr anhaben. Noch sind die Beine bräunlich-gelb und der Schnabel schwarz, die rote Färbung kommt noch im ersten Jahr“, erklärt Eisenbarth.

Mit geübtem Handgriff nimmt er den etwa zehn Gramm leichten, schwarzen Ring mit dem gelaserten Code DER A9W88, legt die beiden Hälften oberhalb des Kniegelenks vorsichtig um das linke Bein und drückt sie zusammen. Ein deutlich hörbares Klicken verrät dem Vogelexperten, dass sich die beiden Teile korrekt zu einem Ring geschlossen haben. Das Jungtier schaut derweil zur Seite, als ginge es die ganze Sache überhaupt nichts an. „In ungeraden Jahren beringen wir die Störche am linken Bein, in geraden Jahren am rechten. DE steht für Deutschland, R für die Vogelwarte Radolfzell.“

Altstörche sammeln einigen Unrat

Nach getaner Arbeit entfernt Eisenbarth den von den Altstörchen gesammelten Unrat: eine FFP2-Maske, einen Arbeitshandschuh sowie mehrere Schnüre. Dann betrachtet er eingehend die runden Gewölle, sogenannte Speiballen, in denen man unter anderem die unverdaulichen Chitinpanzer und Flügel von Insekten gut erkennen kann.

Zufrieden über die geglückte Beringung und den scheinbar guten gesundheitlichen Zustand des Jungvogels treten Eisenbarth und Seitz den Rückzug an. Wieder am Boden angelangt, steht der Experte Rede und Antwort für Fragen, etwa warum nur ein Junges durchgekommen ist. „Die Storcheneltern merken früh, wenn ein Junges krank ist oder von der Entwicklung hinter den anderen zurückgeblieben ist, zum Beispiel weil es spät geschlüpft ist. Dann schmeißen sie das Junge aus dem Nest und kümmern sich um den gut entwickelten Nachwuchs.“

Welches Geschlecht der Jungvogel hat, lässt sich ohne DNA-Untersuchung nicht feststellen, weil Störche keine offensichtlichen Geschlechtsmerkmale haben. Für die Kinder der Familie Merkel ist dies nicht wichtig, sie geben dem Jungstorch kurzerhand den Namen „Franz“.

„Dass sich die Merkels so für die Ansiedlung der Störche engagieren, ist wirklich klasse“, lobt Eisenbarth, der sich auch über die auf dem Hofgelände angesiedelten Rauchschwalben, Falken, Fledermäuse, Bunt- und Grünspechte, Eichhörnchen und Igel freut. Rund 1.000 Euro und mehrere Stunden Arbeit hatte Thomas Merkel mit Unterstützung von Roland Seitz investiert, um den Störchen auf dem Anwesen einen Nistplatz zu bieten. „Wenn die Störche weggezogen sind, sollte man das verdichtete Gras und den Unrat entfernen und frische Hackstücke oder grobes Holzmaterial reinlegen“, rät Eisenbarth. „1975 gab es in Baden-Württemberg 15 Storchbrutpaare, 2020 waren es 1.495 Paare und 2.488 Jungtiere. Das ist eine tolle Entwicklung.“

Anfang bis Mitte August heißt es Abschied nehmen, dann sammeln sich die Jungtiere, um in einem sogenannten Jungstorchtrupp in wärmere Gebiete zu fliegen. Die Altstörche folgen etwa zwei Wochen später. Bleibt zu hoffen, dass sie im kommenden Frühjahr wohlbehalten zurückkehren.

Wie erstarrt liegt das Jungtier, das den Namen „Franz“ bekommen hat, im Nest, als es von Stefan Eisenbarth behutsam beringt wird. Foto: Elke Rohwer

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Wie erstarrt liegt das Jungtier, das den Namen „Franz“ bekommen hat, im Nest, als es von Stefan Eisenbarth behutsam beringt wird. Foto: Elke Rohwer


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