Frauen morden selten – und anders als Männer

Baden-Baden (BNN) – Messer, Gift und Medikamente: Frauen morden ausgesprochen selten. Wenn sie aber zur Tatwaffe greifen, gehen sie weniger gewalttätig, aber heimtückischer als Männer vor.

Aus der Giftküche: Weibliche Straftäter verabreichen ihren Opfern häufig Stoffe mit tödlicher Wirkung. Die fehlende körperliche Kraft macht sie erfinderisch und lässt sie zu Schlaftabletten, Arsen und Co. greifen. Grafik: Katrin Wörner

© Katrin Wörner

Aus der Giftküche: Weibliche Straftäter verabreichen ihren Opfern häufig Stoffe mit tödlicher Wirkung. Die fehlende körperliche Kraft macht sie erfinderisch und lässt sie zu Schlaftabletten, Arsen und Co. greifen. Grafik: Katrin Wörner

Zum Glück war noch ein größerer Vorrat von Frau Alsfelders Schlaftabletten vorhanden, von dem ich ohne weiteres vier Stück abzweigen konnte. Kurzentschlossen bettete ich sie zwischen Klarsichtfolien und zertrümmerte sie mit dem Fleischklopfer zu feinem Pulver. Es war kein Problem, die Leberwurst mit dieser Würze zu mischen.“ Lorina wird aus Wut zur Mörderin. Ihr Opfer hat sie geärgert und beleidigt. Auf dessen zwei Frühstückstoast eine todbringende Wurst zu streichen – die gerechte Strafe, glaubt sie.

Die Geschichte ist erfunden. Sie stammt aus der Feder von Ingrid Noll. Die Krimiautorin rückt in ihrem Roman „Kein Feuer kann brennen so heiß“ eine Altenpflegerin in den Mittelpunkt, die den Tod anderer verursacht. Und damit erneut eine mordende Frau. In jedem ihrer Krimis sind die Täter weiblich. Warum auch nicht? „Frauen sind keine besseren Menschen“, sagt Ingrid Noll.

Untergeordnete Rolle in der Statistik

Oder doch? Fakt ist, dass die meisten Morde von Männern begangen werden. Frauen bringen eher selten einen Menschen um. Von 98 Tatverdächtigen, die die Polizei in Baden-Württemberg 2020 in Zusammenhang mit einem Mord verhörte, waren nur 16 weiblich. Im Jahr zuvor war der Unterschied sogar noch drastischer: 145 Männer, aber lediglich 13 Frauen standen unter Mordverdacht. Überhaupt spielen sie in der Kriminalstatistik keine bedeutende Rolle. Im Bereich des Polizeipräsidiums Karlsruhe etwa waren unter den Tätern sämtlicher Straftaten, die 2020 aktenkundig wurden, nur zu 23 Prozent Frauen. Das ist kein neues Phänomen. Im Gegenteil: Kriminalisten entdecken beim Blick in die Geschichte kein anderes Bild.

„Frauen sind nicht so gewalttätig wie Männer“, meint Toni Feller. Der pensionierte Hauptkommissar aus Bruchsal-Untergrombach schreibt über Kriminalfälle – allerdings nicht wie Ingrid Noll ausschließlich über fiktive Morde, sondern vor allem über Verbrechen, die tatsächlich stattgefunden haben. In seinem jüngsten Buch „Im Dienst der Gerechtigkeit“ schildert er 21 Fälle. Dass er dabei nur von zwei Frauen erzählen kann, überrascht ihn nicht. Während seiner 26 Jahre bei der Mordkommission des Polizeipräsidiums Karlsruhe ermittelte er fast nie gegen weibliche Tatverdächtige.

Friedlicher und diplomatischer

Sind Frauen also doch die besseren Menschen? „Nein“, sagt Feller. Die Erklärung für das unterschiedliche Verhalten sucht er in den traditionellen Geschlechterrollen. „Der Mann ist seit der Steinzeit der Kämpfer, die Frau hütet die Höhle.“ Dies habe dazu geführt, dass sie friedlicher und diplomatischer sei als er.

Aber ist das tatsächlich der Grund? So genau weiß das niemand. Als die schwedische Universität Göteborg vor knapp sechs Jahren eine Studie veröffentlichte, die sich weiblicher Tötungsdelikte widmete, bemängelte sie, dass das Thema in der Forschung stiefmütterlich behandelt wird. Das hat sich seither wohl nicht geändert. Auch in den deutschen Ausbildungsstätten für Polizisten kommt das Phänomen nur am Rande zur Sprache.

Der weibliche Teil der Gesellschaft ist natürlich nicht komplett immun gegen das Morden. Doch anders als bei Männern richtet sich die Gewalt häufig an drei Personenkreise. Frauen töten in der Mutterrolle Neugeborene, als Pflegerin oder Krankenschwester Patienten oder als gequälte Partnerin den eigenen Mann. Das betont das Landeskriminalamt Baden-Württemberg. Die schwedische Studie unterstreicht außerdem: Weibliche Täter morden meist zuhause. Und ist das Opfer erwachsen, ist es fast immer ein Mann – der Partner oder ein Verwandter.

Dass eine Stiefmutter wie im Märchen „Schneewittchen“ die Adoptivtochter aus dem Weg räumen will, dürfte also die Ausnahme sein. Doch die Art und Weise, wie die böse Königin dem Mädchen zusetzt, stimmt durchaus mit der Realität überein. Bringt eine Frau etwa ihren Peiniger um, schlägt sie nicht mit dem Hammer zu oder stößt ihn vom Balkon. Auch besorgt sie sich kein Gewehr. Denn sie hat in der Regel weniger Kraft als ein Mann. „Und eine Schusswaffe nehmen die meisten Frauen nicht gerne in die Hand“, weiß Toni Feller.

Als typische Tatwerkzeuge gelten das Messer und – wie bei Ingrid Noll – überdosierte Medikamente und eben Gift. Die Stiefmutter von Schneewittchen präparierte einen Apfel damit. „Frauen müssen heimtückischer vorgehen“, sagt der Kriminalist.

Der Fall der Monika Weimar

Wird eine Mörderin erwischt, geht ein Aufschrei durch die Gesellschaft. Der Fall Monika Weimar gilt als einer der spektakulärsten Mordfälle der deutschen Nachkriegszeit. Weimar soll 1986 ihre zwei Töchter (sieben und zwölf) umgebracht haben. Das Interesse der Öffentlichkeit war riesig. Die Medien berichteten ausführlichst, stürzten sich auf die Liebesaffäre der später verurteilten Mutter und ihre Ehe. „Dass eine Frau mordet, kann man sich einfach nicht vorstellen“, meint Feller.

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Ihr Autor

unserer Mitarbeiterin Petra Hirschel

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Erstellt:
5. Februar 2022, 08:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 29sec

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