Frauen wie Lothar Matthäus

Baden-Baden (ket) – Im Bemühen um Gleichberechtigung erlaubt das Internationale Olympische Komitee bei den Spielen in Tokio erstmals zwei Fahnenträger – einen Mann und eine Frau – pro Nation. Wie die BT-Kolumne aber verdeutlich: Vor allem im Sport ist der Kampf um Emanzipation ein hartes Brot.

Kathrine Switzer mit der Nummer 261 kämpft sich 1967 beim Boston Marathon an Marathon-Direktor Bill Cloney (im schwarzen Mantel) vorbei.

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Kathrine Switzer mit der Nummer 261 kämpft sich 1967 beim Boston Marathon an Marathon-Direktor Bill Cloney (im schwarzen Mantel) vorbei.

Sonntag war, der ein oder andere wird sich dunkel daran erinnern, Weltfrauentag. Auch das Internationale Olympische Komitee hatte sich dazu natürlich etwas Hübsches einfallen lassen, bereits in der Woche zuvor wurde dies mit einigem Stolz verkündet. Künftig, so ließen die meist recht alten Herren der Ringe wissen, darf bei olympischen Eröffnungsfeiern jedes Teilnehmerland zwei Fahnenträger nominieren – sofern es sich um einen weiblichen und einen männlichen Athleten beziehungsweise Athletin handelt.

Damit, so wurde die bahnbrechende Neuerung eigengelobt, treibe man die Politik des IOC, das Ziel der Gleichberechtigung der Geschlechter zu erreichen, noch einen Schritt weiter. Auch wie weit man es bereits jetzt schon getrieben hat, blieb selbstredend nicht unerwähnt: Bei den anstehenden Sommerspielen in Tokio, so sie nicht dem Virus zum Opfer fallen, werden angeblich 48,8 Prozent der Teilnehmer Frauen sein, also Teilnehmerinnen.

So frauenfreundlich, das muss man leider feststellen, war das IOC nicht immer. Ganz im Gegenteil! 1896 in Athen, bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit, war der Frauenanteil 0 – und zwar 0,0. Da Frauen bei den Spielen in der Antike nicht zugelassen waren, wollte auch Pierre de Coubertin, jener französische Baron, der die Spiele-Idee wiederbelebt und auch das IOC gegründet hat, keine laufenden, springenden oder werfenden Weiblichkeiten zulassen. Lange aufrechterhalten ließ sich dies Begehren freilich nicht, bereits vier Jahre später, bei den Spielen in Paris, sportelten 17 Frauen mit, ohne Zustimmung des IOC wohlgemerkt. Als erste weibliche Olympiasiegerin trug sich übrigens Helen de Pourtalès in die Geschichtsbücher des Sports ein. Sie gewann, freilich im Verbund mit drei Männern, einen der elf Segelwettbewerbe.

Wie es überhaupt Sportarten mit hohem Sozialprestige und Gesundheitswert waren, denen die Damen jener Zeit olympisch frönten, als Beispiele zu nennen wären etwa Bogenschießen, Tennis, Eiskunstlauf, Segeln oder Motorbootfahren. Deutsche Mädels waren erstmals 1908 in London mit von der Partie, nämlich zwei Eiskunstläuferinnen. Elsa Rendschmidt wurde Zweite im Einzel, Anna Hübler gewann mit ihrem Partner Heinrich Burger sogar Gold im Paarlauf.

Zwar stieg die Frauenquote in den Folgejahren kontinuierlich an, allerdings nur äußerst gemächlich. Umso mehr darf das Jahr 1928 als Durchbruch der sich bewegenden Frauen gesehen werden. Erstmals wurde ihnen gestattet, in der Leichtathletik, einer der vier Kernsportarten Olympias, an den Start gehen zu dürfen, allerdings nur in fünf Disziplinen, nämlich über 100, 800 und 4 x 100 Meter sowie im Hochsprung und im Diskuswurf.

Mit Trick an den Marathon-Start

Eine davon wurde freilich sofort wieder aus dem Programm genommen. Weil sich nach dem 800-Meter-Lauf, den übrigens die Karlsruherin Lina Radke gewann, ein paar Frauen „unfeminin“ – weil erschöpft – ins Gras hatten fallen lassen, wurde die für Frauen angeblich zu lange Strecke postwendend gestrichen – und zwar bis 1960. Zumindest inoffizielle Begründung: Die Konstitution von Frauen sei für eine derart mörderische Tortur „zu zart“. Noch 1972 waren die 800-Meter übrigens die längste olympische Laufstrecke, die Frauen zugemutet wurde.

Dabei hatte bereits fünf Jahre zuvor Kahtrine Switzer, als Tochter eines US-Majors in Amberg geboren, unter Beweis gestellt, dass deutlich mehr geht und viel länger – und dabei einen besonderen Meilenstein der sportlichen Emanzipation gesetzt. Als erste Frau nahm sie an einem Marathon, jenem in Boston, teil, obwohl das schwache Geschlecht zu jener Zeit dafür gar nicht zugelassen war. Um doch an den Start gehen zu können, musste die damals 20-Jährige ein wenig tricksen: Bei der Anmeldung kürzte sie ihren Vorname Kathrin Victoria ab. K.V. Switzer klang nicht nur nach einem Kerl, sondern trat auch als solcher verkleidet zum Wettkampf an: in einem wallenden Trainingsanzug, mit Wollmütze auf dem Kopf – und flankiert von ihrem Freund und ihrem Trainer. Nach zwei Meilen wurde Herr Switzer dennoch als Frau Switzer enttarnt, doch ihre beiden Bodyguards verhinderten, dass Bill Cloney, der Rennleiter, sie von der Strecke zog (siehe Foto oben). Nach 4:20 Stunden erreichte K.V. Switzer schließlich unbeschadet und vollkommen gesund das Ziel.

Switzers Zeit mag bescheiden anmuten – und dennoch ist es eine sporthistorische Leistung, die die heute 73-Jährige damals vollbracht hat, schließlich diskutierte hernach die ganze Welt, ob Frauen, sportlich gesehen, vielleicht doch mehr können, als man ihnen bis dato zugetraut hatte. Die Antwort darauf, zumindest indirekt: 1984 in Los Angeles wurde Marathon für Frauen erstmals ins olympische Programm aufgenommen.

Es ist weiß Gott nicht die letzte Mauer, die Frauen erst einreißen mussten, um mitsporteln zu dürfen. Viel Hohn und Spott mussten sie sich immer und immer wieder anhören, nur ein paar Beispiele seien hier genannt: Als Frauen in Deutschland in den 70er-Jahren begannen Fußball zu spielen, frotzelte Moderator Wim Thoelke im ZDF-Sportstudio über „Gerda Müller“. Als sie anfingen, Eishockey zu spielen, hieß es, sie bräuchten den Schläger nur, um auf dem Eis nicht umzufallen.

Erst Showkampf bringt Anerkennung

Die Karlsruher Profi-Box-Pionierin Regina Halmich wiederum, mehrfache Weltmeisterin, bekam republikweit erst Aufmerksamkeit, als sie dem TV-Entertainer Stefan Raab in einem Showkampf das, nun ja, Großmaul polierte – und ganz nebenbei die Nase brach. Und die Skispringerinnen mussten sich noch in den 90er Jahren von Skiverbandspräsident Gian-Franco Kasper persönlich anhören, das Springen von Schanzen sei nichts für Frauen, weil bei der Landung die Gebärmutter platzen könne.

Voll auf die „Zwölf“: Boxweltmeisterin Regina Halmich vermöbelt den TV-Entertainer Stefan Raab.

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Voll auf die „Zwölf“: Boxweltmeisterin Regina Halmich vermöbelt den TV-Entertainer Stefan Raab.

Wie man aus alledem unschwer erkennen kann, ist es mit der Emanzipation auch im Sport so eine Sache. Leicht fällt sie nicht, schon gar nicht den Männern. Da kann von Glück sagen, wer erleben durfte, was Steffi Graf, der Tennis-Legende, vor ziemlich genau 20 Jahren widerfahren ist: Als der Fußballer Lothar Matthäus bei seinem Abschiedsspiel kurz vor Schlusspfiff den Platz unter den Ovationen der Fans verließ, suchte TV-Reporter Jörg Dahlmann nach der passenden Superlative zum Abschied. Schließlich rief er ins Mikrofon: „Da geht er. Ein großer Spieler. Ein Weltstar. Ein Mann wie Steffi Graf.“


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