Frauenpower im Bikini Art Museum

Bad Rappenau (fh) – Vier Dreiecke und ein paar Bänder schlugen am 5. Juli 1946 in der Bademode ein wie eine Bombe. Nun widmet sich ein neues Museum in Bad Rappenau der Sprengkraft des Bikinis.

Bereits vor dem Gebäude gibt es einiges zu sehen. Fotos: Fiona Herdrich

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Bereits vor dem Gebäude gibt es einiges zu sehen. Fotos: Fiona Herdrich

Die goldene Galionsfigur auf dem Dach, in pinkfarbenem BH und Miederhöschen gekleidet, reckt in Rocky-Manier die behandschuhte Faust in die Luft. Sie krönt eine Weltkugel und mit ihr das Gebäude des Bikini Art Museums, das am morgigen Sonntag, dem Tag des Bikinis, in Bad Rappenau eröffnet.

Direktor Reinhold Weinmann hat gleich zu Beginn des Ausstellungsrundgangs das Bedürfnis jegliche Gedanken an Sexismus bei diesem Thema von sich zu weisen. Vorwürfe dieser Art seien zum Start der Planungen oft zu hören und zu lesen gewesen.

Dabei will man hier doch das Gegenteil zeigen. Das Bikini Art Museum (BAM) präsentiert Mode (und Kunst) für Frauen, inszeniert von Frauen. „Hier gibt es keinen Text, der nicht von unseren Kuratorinnen gegengelesen und abgesegnet wurde“, betont Weinmann. Männer erhalten selbstverständlich auch Einlass, und auch die ein oder andere Badehose ist zu sehen.

Freddie Mercury macht Appetit auf mehr

Gleich nach der Autobahnabfahrt begrüßt der pastellfarbene Bau im Art-déco-Stil die Besucher mit Urlaubsatmosphäre – Miami lässt grüßen. Der Brunnen draußen wird noch fertiggestellt. Die Lounges und erste Kunstwerke stehen schon. Und wer die Augen schließt, kann das Meer – sprich die Autobahn – leise rauschen hören.

Innen steht der Besucher zunächst im Restaurant eines Systemgastronomen. Ein Gemälde von Sergi Cadenas vereint hier Operndiva Montserrat Caballé mit Sänger Freddie Mercury im pinken Bikini-Top auf raffinierte Weise und macht Appetit auf mehr.

Die Engelsfiguren Ava und Marlene flankieren den Eingang zum eigentlichen Museum, der direkt auf eine Installation mit einem geblümten Auto, einem Wartburg, zuführt. „Im ersten Moment hat das ja gar nichts mit Bademode zu tun“, räumt der BAM-Direktor ein. „Aber darin stecken so viele Verweise.“ Zum einen der Bezug auf die Kernwaffentests auf Bikini-Atoll im Pazifischen Ozean. Vier Tage später, am 5. Juli 1946, präsentierte Louis Réard, der als Erfinder des Bikinis gilt, den kleinsten Badeanzug der Welt. Zum anderen baute der französische Designer und Maschinenbauingenieur ein Auto zum Schiff um, um damit bei der Tour de France für seinen gewagten Zweiteiler zu werben. Aber dazu später mehr.

Die Bademode vergangener Jahrzehnte ist neben der Original-Werbung zu sehen.

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Die Bademode vergangener Jahrzehnte ist neben der Original-Werbung zu sehen.

Von der Installation aus hat der Museumsbesucher die Wahl: Entweder er begibt sich in den Themenbereich Hawaii und spürt den Pionierinnen und Pionieren der Bademode nach, oder er wirft einen Blick auf die Sammlung aus den Archiven regionaler Wäscheproduzenten wie Naturana, Triumph und Benger Ribana. „Das Besondere ist, dass wir hier immer die Badekleidung neben der entsprechenden Werbung zeigen“, hebt Weinmann hervor.

Freiheit für den Bauchnabel

Aber was definiert eigentlich den Bikini? Es ist nicht einfach nur ein Zweiteiler, wie Weinmann erklärt, doch die Grenzen sind heute fließend. „Der erste Bikini bestand nur aus gleichseitigen Drei-ecken verbunden mit Bändern. Entscheidend ist, dass der Bikini den Bauchnabel freilegt“, sagt er.

Knappe Höschen und BHs kannte man auch schon früher aus dem Varieté. In der Öffentlichkeit wurde jedoch deutlich züchtiger gebadet. Im 19. Jahrhundert sprangen die Damen verhüllt bis zu den Handgelenken und Knöcheln in schwerer Wolle und darunter eingeschnürt im Korsett aus der sogenannten Badekarre zum Planschen ins Meer. Unterstützt wurden sie von Badefrauen, denn der Sprung ins Wasser in der unpraktischen Kleidung war laut Weinmann teilweise lebensgefährlich.

Historische Badeanzüge der Firma Goldfisch.

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Historische Badeanzüge der Firma Goldfisch.

Dagegen lehnten sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts einige Sportlerinnen auf. Für „anstößige Enthüllung“ wurde Annette Kellermann verhaftet, und Ethelda Bleibtrey nur für das Ausziehen ihrer Strümpfe. Die seidenen Schwimmanzüge von Gladys Osborne und dem englischen Olympiateam 1912 lösten erst einen Skandal und schließlich ein Verbot aus, wurden sie doch bei Kontakt mit Wasser durchsichtig.

Trotz strenger Kleidungsvorschriften zog es die Menschen ins kühle Nass. Der Wannsee in Berlin wird zu einem der größten Strandbäder an einem Binnensee in Europa, und die Massen strömen ins Villenviertel. Um 1910 stand schließlich auch die knappe Badehose der Männer in der Kritik, die ab 1920 den Oberkörper bedecken mussten. In der Folge wurden die Schwimmtrikots unisex.

Bad Rappenau ist der Geburtsort der Marke Benger Ribana.

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Bad Rappenau ist der Geburtsort der Marke Benger Ribana.

Wie sehr Bademode mit Bad Rappenau, dem Geburtsort der Marken Benger Ribana und Felina, und der Schwäbischen Alb verbunden ist, zeigen Dokumente, Bilder und Texte über die Geschichte der Textilindustrie und der einzelnen Unternehmen. Über die Herstellung des Bikinis hat das BAM einen Film gedreht. Auch eine Moldemaschine, die die Cups des Oberteils ausformt, ist zu sehen.

Dazwischen nimmt auch immer wieder die Kunst Bezug auf Mode und Badekultur. Im Archiv von Triumph fand man zu Kunstobjekten stilisierte BHs. Otto Walkes und Udo Lindenberg sind mit Auftragsarbeiten im BAM vertreten. Ein Bild des Malers Rudolf Sternad zeigt Eveline Fischer, die Tochter des Bademodenherstellers Hans Fischer, im Zweiteiler am Pool vor den Goldfisch-Werken in Oberlungwitz – 1943 ein weiterer Skandal, erlaubte der Zwickelerlass der Nazis doch nur Einteiler.

Louis Réards wenig verhüllende Kreationen

Und dann kam Louis Réard und revolutionierte am 5. Juli 1946 die Bademode, als er im Pariser Piscine Molitor seine wenig verhüllende Kreation – den bis dato kleinsten Zweiteiler der Welt – präsentierte. Symbolisch sollte der „Bikini“, der mit entsprechenden Zeitungsartikel bedruckt war, mit der Sprengkraft der Atomversuche assoziiert werden, und tatsächlich schlug er ein wie eine Bombe.

Marilyn Monroe hat ihre eigene Vitrine. Die Hollywood-Diva ließ sich oft im Bikini fotografieren.

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Marilyn Monroe hat ihre eigene Vitrine. Die Hollywood-Diva ließ sich oft im Bikini fotografieren.


16 von Réards Kreationen sind noch erhalten, zwölf davon präsentiert das BAM, unter anderem in Vitrinen, die den Umkleidekabinen des Piscine Molitor nachempfunden sind. Unter ihnen ist die einzige erhaltene Einzelanfertigung – „Der Goldene Réard“.

„Diese Bikinis kamen wohl nie mit Wasser in Berührung“, scherzt Reinhold Weinmann. Das gilt wohl auch für viele bekannte Modelle, die durch Hollywood-Schauspielerinnen wie Marilyn Monroe oder Brigitte Bardot bekannt wurden.

Kleidungsvorschriften für den Strand galten dagegen noch lange im katholischen Spanien und Italien – nicht jedoch für Filmdiven wie Sophia Loren. Brasilien ist bekannt als Hotspot der freizügigen, aber auch eleganten Bademode. Schauspielerin Carmen Miranda kombinierte dazu den Tutti-Frutti-Hut. In Asien wiederum steht das Kleidungsstück mit der Mangakultur in Verbindung.

Zu einem Durchbruch verhalf dem Bikini Bond-Girl Ursula Andress in „007 jagt Dr. No“ 1962. Raquel Welch hing vier Jahre später für das Filmplakat zu „Eine Million Jahre vor unserer Zeit“ im Pelzbikini am Kreuz und ließ sich von Terry O’Neil fotografieren. Um einen Skandal zu vermeiden, entschied man sich jedoch für ein anderes Motiv. Ein Christuszitat ziert auch einen Bikini von Salina, der mit dem Cristo Redentor bedruckt ist. Vom Bischof von Rio verboten, wurde er für das Bikini Art Museum reproduziert.

Im BAM aber dürfen Frauen tragen, was sie wollen, werden weder für zu wenig noch für zu viel Stoff beurteilt oder gar verurteilt. Das knappe Brazil-Höschen hat im BAM ebenso seine Berechtigung wie der verhüllende Burkini oder die für europäische Augen ungewohnten Facekinis der Chinesinnen. Einige Puppen spiegeln vielfältige Körperformen wider, um Diversität zu zeigen. Doch die meisten Mannequins sind „entindividualisiert“, wie Weinmann sagt. Mode und Kunst sollen im Vordergrund stehen, nicht der Körper.

Anders halten es die Pin-up-Girls: Die Sonderausstellung mit Fotografien von Bunny Yaeger holt sexy Ladys wie Betty Page aus der Schmuddeligkeit der Spinde und zeigt ihre kulturhistorische Bedeutung. Frauen werden dabei wieder durch die Linse einer Frau betrachtet, feministische und rassistische Grenzen gesprengt – Feminismus im doppelten Sinne also.

Die kleinen Stoffstücke, die einst für Aufschrei sorgten, gehören heute zum Grundrauschen der Unterhaltungsindustrie. In einem Spiegelzimmer laufen aktuelle Musikvideos, in denen sich etwa Nicki Minaj freizügig rekelt – völlig selbstverständlich.


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