Freiburgs Grifo: Glücklich im Kreis der Familie

Von Michael Ihringer

Freiburg (mi) – Vincenzo Grifo ist der Künstler im Team des Fußball-Bundesligisten SC Freiburg. Im Breisgau ist der 27-Jährige gar zum italienischen Nationalspieler gereift.

Freiburgs Grifo: Glücklich im Kreis der Familie

Kreativer Kopf und Standardspezialist beim SC Freiburg: Vincenzo Grifo (links). Foto: Philipp von Ditfurth/dpa

Es ist für ihn zur Gewohnheit geworden wie der Espresso am Morgen. Wenn der Schiedsrichter 20, 25 Meter vor dem Tor Freistoß pfeift, steckt sich Vincenzo Grifo den Ball unter den rechten Arm, legt ihn sich sorgfältig auf den Rasen, justiert ihn leicht nach links oder rechts, beobachtet sekundenlang konzentriert den Aufbau der gegnerischen Mauer und die Position des Torwarts.

Er geht maximal drei Schritte zurück, eifert also mitnichten dem breitbeinigen Wichtigtuer Cristiano Ronaldo nach, der so gerne Westernheld John Wayne vor dem Showdown imitiert, sondern schießt bei nur kurzem Anlauf mit der Innenseite des geschmeidigen Fußes mit maximalem Schnitt, sodass das Objekt der Begierde im besten Fall mit krummer Flugkurve im Netz einschlägt. Und das öfter als bei den meisten Kollegen in der Bundesliga, der Italiener hat den Standard als wichtig(st)e Waffe im Repertoire des Bundesligisten Sport-Club Freiburg etabliert.

Vincenzo Grifos Spiel ist zum großen Teil Kunst, aber auch Künstler müssen täglich üben, stundenlang. Trainer Christian Streich legt viel Wert auf diese wirkungsvolle Variante, also nimmt sich auch der Filigrantechniker mindestens zweimal die Woche die Zeit dafür, Freistöße zu üben. Die Gefühlssache passt perfekt zum Gefühlsmenschen, der in Freiburg von den Fans so bewundert wird wie sonst nur noch Stürmer Nils Petersen. Künstlertypen brauchen die Zuwendung, um Großes leisten zu können.

Autokorso nach Nominierung für die Squadra Azzura

Da beim Sport-Club ein stark ausgeprägtes Zusammengehörigkeitsgefühl zur Vereins-DNA gehört, kann sich Grifo wie in einer italienischen Großfamilie fühlen. Auch bei seiner Vorstellung in der Squadra Azzura, in deren Kreis er vor zwei Jahren aufgenommen wurde. Herzlich, wie er dem Fußballmagazin „11 Freunde“ erzählte: „Ich habe mich von der ersten Minute an gefühlt, als sei ich Teil einer Familie. Giorgio Chiellini, der Kapitän, stand auf und begrüßte mich direkt: Küsschen links, Küsschen rechts, es war, als würden wir uns ewig kennen.“ Man kann sich auch kaum vorstellen, dass es beim DFB vor seiner ersten Nominierung einen Autokorso mit der gesamten Verwandtschaft durch seine Heimatstadt Pforzheim gegeben hätte. „An den Wagen hingen Fahnen und Schals, irgendjemand spielte die italienische Nationalhymne ab. Klingt verrückt, ich weiß.“

Ziemlich verrückt ist deshalb auch, dass der Künstler, geniale SC-Spielgestalter, Nationalspieler, der in bislang vier Länderspielen zuletzt zwei Tore für Italien gegen Estland erzielte, nur in Freiburg perfekt funktioniert, was nicht nur am mediterranen Wetter im südlichsten Zipfel Deutschlands liegen kann. Das Fernweh hat Vincenzo Grifo schon mehrmals gepackt – besser gesagt die Aussicht auf viel mehr Geld –, doch anderswo ist er nicht zurechtgekommen, bisweilen gar krachend gescheitert.

Nach seiner Jugendzeit in Pforzheim und im Nachwuchs des KSC war die TSG Hoffenheim die erste Bundesligastation, durchsetzen konnte er sich als 19-Jähriger unter dem damaligen Trainer Markus Babbel aber nicht. „Ich wollte irgendwohin, wo ich spiele.“ Was danach auf Leihbasis bei Dynamo Dresden folgte, war gar ein Kulturschock. Nach dem Zweitliga-Abstieg wiesen rabiate Dynamo-Anhänger ihren gefallenen Helden den Weg per Spruchband: „Ihr habt eine Stunde, um unsere Stadt zu verlassen.“ Also eher Tollhaus statt heimelige Familie.

Die Freude zum Fußball fand er bei der nächsten Leihstation FSV Frankfurt zurück. Doch der FSV, der vor maximal 3 000 Zuschauern in Liga zwei sein Dasein fristete, war nicht die große Fußball-Welt, mehr ein Hinterhof-Schrebergarten für einen Hochbegabten.

SC-Trainer Streich Vaterfigur für Grifo

Die Erlösung war der Anruf aus Freiburg 2015. Streich wusste, was für ein Rohdiamant ihm zum Feinschliff präsentiert wurde. Mit je 14 Toren und Vorlagen schlug er wie eine Bombe im Breisgau ein. Nach zwei Spielzeiten, in denen er viel Selbstvertrauen tankte und Spielmacherqualitäten erlangte, wollte er erneut an die fetten Futtertröge. Doch auch beim fünfmaligen Meister Borussia Mönchengladbach haftete ihm das Pech an: Nach einem Innenbandriss fand er bei Dieter Hecking keinen Anschluss im Team mehr.

Der nächste Anlauf in Hoffenheim folgte, nun unter Alfred Schreuder. „Wir haben Potenzial in ihm gesehen“, sagte der Niederländer. Doch Grifo blieb Randfigur mit wenig Spielzeit. Wieder Ausleihe zurück nach Freiburg, wo er in der Rückrunde auf Anhieb mit sechs Toren und vier Assists an frühere Leistungen anknüpfte. Am letzten Tag der Wechselperiode wurde er für sieben Millionen Euro zurückgekauft. „Für mich war klar, dass ich bei einem Wechsel nur zum SC gehe. Ich war sehr glücklich, als Christian Streich mich angerufen hat.“

Freiburg ist sein Klein-Italien, die heilige Famiglia. Das lässige Dolce-Vita-Flair der Universitätsstadt passt zum deutschen Realitätssinn im Verein. Christian Streich ist mehr als sein Trainer, neben seinem sizilianischen Papa Grifos zweite Vaterfigur. Und noch emotionaler, was einiges heißt. „Er weiß genau, wie er mich nehmen muss.“ Wer Probleme hat, findet bei dem verschärften Markgräfler-Dialekt babbelnden Vielsprecher mit seelischem Tiefgang und großer Sozialkompetenz immer ein offenes Ohr.

Wobei der Italiener neben Zuckerbrot auch die Peitsche des stets fordernden Übungsleiters kennengelernt hat. Im Gegensatz zu früher hat der Kreativgeist mittlerweile auch verinnerlicht, nach Ballverlusten den Rückwärtsgang einzuschalten. Zum Wohle des Teams. „Er tut alles. Es ist herausragend, wie er alles abarbeitet, was ich in den letzten Jahren von ihm eingefordert habe“, hielt Streich nach dem 2:0 gegen Bielefeld eine Eloge auf seinen Denker und Lenker, der bis Weihnachten in 13 Bundesliga-Spielen sechs Tore und vier Assists zu Buche stehen hatte. Beim 4:1 gegen Hertha BSC gelang ihm gar Historisches: Sein erstes Profikopfballtor. „Selbst der Trainer hat mir das nicht zugetraut. Ich habe mit Nils Petersen um eine Waschtasche gewettet.“

Einst auf Parkplätzen und Schulhöfen geübt

Das große Los hat der clevere Straßenfußballer, der einst stundenlang mit den „billigsten Schuhen“ auf Parkplätzen und Schulhöfen trainierte, seine beiden Brüder bei Freistoßübungen auch zu Dummys degradierte und deshalb unter Gleichaltrigen als „Freak“ durchging, also in Freiburg gefunden. Dort hat sich der Kreis seiner jahrelangen Deutschland-Tour geschlossen.

Doch wenn der 27-Jährige weiter so auftrumpft und bei der Europameisterschaft im Sommer gar nachhaltigen Eindruck mit Italien hinterlässt, könnte wieder das große Zittern im Verein beginnen und sein Reisefieber geweckt werden. Vincenzo Grifo hat schon als Kind in Bettwäsche von Inter Mailand geschlafen. In der elterlichen Wohnung gab es einst „viel Streit im Kinderzimmer“, da die Brüder zu Juve und dem AC Milan hielten. Sollte sich einer der drei italienischen Vorzeigeklubs nach der EM bei ihm melden, könnte es wieder Küsschen regnen. Von einem der beiden Brüder oder künftigen Inter-Kollegen.