Freiheit ist nicht selbstverständlich

Pforzheim (ela) – Kritischer Rückblick: Das DDR-Museum in Pforzheim versteht sich als Lernort für demokratische Bewusstseinsbildung.

Weggeschlossen: Zellentüren aus verschiedenen DDR-Gefängnissen erinnern emotional an die dunkle Seite des Regimes. Foto: Daniela Jörger

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Weggeschlossen: Zellentüren aus verschiedenen DDR-Gefängnissen erinnern emotional an die dunkle Seite des Regimes. Foto: Daniela Jörger

Der Blick in die Vergangenheit soll für die Zukunft helfen. Denn: „Wer nicht weiß, wie es auch anders sein kann, der kann wenig Gespür entwickeln für demokratiegefährdende Tendenzen in unserer Gesellschaft“. Dieser Auszug aus dem Flyer des DDR-Museums in Pforzheim erklärt, als was sich die Einrichtung versteht: als ein „Lernort Demokratie“. Mit einer kritischen Betrachtung des DDR-Regimes will man in der einzigen Einrichtung dieser Art in Westdeutschland sensibilisieren für die Gefahren einer Diktatur, die Bedeutung der Demokratie, ihre Verletzlichkeit und die Wichtigkeit jedes Einzelnen für ihren Erhalt.

Zum Jubiläum „30 Jahre deutsche Einheit“, das am Samstag, 3. Oktober, begangen wird, ist diese Aufgabe wichtiger denn je, betont Birgit Kipfer, Vorsitzende der Stiftung „Lernort Demokratie – DDR-Museum Pforzheim“. „Für junge Menschen ist die DDR Geschichte und weit weg. Sie gilt es abzuholen“, ergänzt Jürgen Gorenflo. Und auch Menschen, die aus undemokratischen Staaten zugewandert sind, sind eine Zielgruppe.

Geschichtslehrer Markus Speer zeigt auf die konservierten Geruchsproben, die die Stasi nahm. Foto: Daniela Jörger

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Geschichtslehrer Markus Speer zeigt auf die konservierten Geruchsproben, die die Stasi nahm. Foto: Daniela Jörger

Klar wird in dem Museum: Eine freiheitliche Rechtsordnung ist nicht selbstverständlich, sondern muss immer wieder verteidigt und gestärkt werden. Der Gymnasiallehrer ist vom Kultusministerium Baden-Württemberg für mehrere Stunden in der Woche freigestellt, um Schülern und Schülerinnen die deutsch-deutsche Geschichte näherzubringen. Und das Thema interessiert, die Resonanz sei „im Großen sehr gut“. Rund 1.500 Schüler und Schülerinnen besuchen das Pforzheimer DDR-Museum im Jahr. Sie sollen sich – wie jeder andere der jährlich mehr als 3.500 Besucher auch – selbst ein Bild machen vom Leben in der DDR – mit all seinen Facetten. Gorenflo und seinen Mitstreitern sind darüber hinaus die geschichtliche Einordnung und die Verknüpfung mit aktuellen Strömungen wie Hetze und Populismus wichtig.

Schattenseiten des Arbeiter- und Bauern-Staats

Infowände, Tablets und 14 Themenräume mit Objekten aus der DDR führen die Besucher durch die Geschichte, die zeitlich vom Beginn der DDR über die Gründung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) und den Bau der Mauer bis zur friedlichen Revolution und der deutschen Wiedervereinigung reicht. Zahlreiche Geschichten von Zeitzeugen, die wegen regimekritischer Äußerungen verfolgt und ihrem Wunsch nach einem freien Leben im Westen verhaftet wurden, machen die Schattenseiten des Arbeiter- und Bauern-Staats auf dem Geschichtsspaziergang persönlich. Manche wurden freigekauft, wenigen gelang die Flucht. Einige ließen sich in Pforzheim und Umgebung nieder und erzählen in der Ausstellung auch über ihr neues Leben im Westen.

Papierkloß mit Geschichte: Vernichtete Stasi-Akten als eine Spur des Terrors. Foto: Daniela Jörger

Papierkloß mit Geschichte: Vernichtete Stasi-Akten als eine Spur des Terrors. Foto: Daniela Jörger

Letzteren Weg nahm auch Museumsgründer Klaus Knabe (1939-2012), der 1961 – kurz vor dem Mauerbau – aus Dresden flüchtete. Er wurde in der Goldstadt sesshaft und sammelte im Laufe der Zeit unzählige Objekte mit DDR-Bezug. Von seiner Geschichte selbst erhalten ist das Straßenbahnticket für 20 Pfennige, mit dem er damals von Ost- nach Westberlin gelangte. Sein Lebenswerk pflegt heute die Stiftung „Lernort Demokratie – Das DDR-Museum Pforzheim“, die die Einrichtung trägt. Das Museum entstand 1998 und wurde 2015 neu und professionell gestaltet. Vorträge, Projekte und Wechselausstellungen machen auch einen mehrmaligen Besuch interessant. Für die Zukunft hofft Birgit Kipfer, dass das ehrenamtlich betriebene Museum finanziell gestärkt wird. Dann könnte sie sich mit einer hauptamtlichen Kraft zum Beispiel auch ein Erzählcafé vorstellen.

Eine Wand voller Militärorden, absurde konservierte Geruchsproben der Staatssicherheit (Stasi), ein Klumpen zerstörter Stasi-Unterlagen, ein „besonderer“ Behälter für Mikrofilme, ein Stück original Stacheldraht (importiert aus dem Westen), Uniformen, Minen, ein Stück Grenzzaun:

Karg und einschüchternd: Ein DDR-Verhörzimmer mit gepolsterter Tür. Foto: Daniela Jörger

Karg und einschüchternd: Ein DDR-Verhörzimmer mit gepolsterter Tür. Foto: Daniela Jörger

„Halt“: Grenzpfosten der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik. Foto: Daniela Jörger

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„Halt“: Grenzpfosten der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik. Foto: Daniela Jörger

All diese Dinge zeugen von Jahrzehnten der Unterdrückung und Unfreiheit. Vor der Tür steht ein Stück Mauer vom Potsdamer Platz, die derzeit restauriert wird. Davor: ein NVA-Soldat. „Er schaut nicht, wie man vielleicht meinen könnte, zum Feind Richtung Westen, sondern nach Osten“, erklärt Markus Speer, seines Zeichens Geschichtslehrer und einer der ehrenamtlichen Mitarbeiter des Museums. Unter den rund 6.000 Objekten (zuzüglich einer Bibliothek mit rund 5.000 DDR-Büchern) befinden sich auch viele Alltagsgegenstände, die das DDR-Leben lebendig machen. Vom Ampelmännchen, dem Comik „Mosaik“, erzgebirgische Weihnachtskunst, Radeberger Bier und einem Weihnachtsstollen im Paket reicht die Palette. Belege der Mangelwirtschaft: jährlich 25 Millionen Westpakete mit Kaffee, Schokolade, Jeans und Kosmetikprodukten. Besonders emotional wird es im Keller. Ein DDR-Verhörzimmer mit gepolsterter Tür, eine Gefängniszelle aus Dresden und ein Raum mit Zellentüren aus verschiedenen DDR-Gefängnissen sind Spuren des Terrors und lassen schaudern.

Tafeln regen zum Nachdenken an: „Stell Dir vor, Du darfst nicht mehr sagen, was Du denkst und Dich ungehindert mit anderen austauschen!“ – Artikel 19 der Menschenrechtscharta: „Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung; ... sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.“ Es ist ein Beispiel für viele Fragen, mit denen die Besucher angesprochen und aufgefordert werden, sich mit der DDR-Realität und den Menschenrechten auseinanderzusetzen. Denn wie sagte schon der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck 2011: „Eine Demokratie ist nicht einfach da, und – vor allem – sie bleibt nicht von alleine.

“DDR-Museum Pforzheim, Hagenschießstraße 9, 75177 Pforzheim, (07231) 4243340, E-Mail: info@pforzheim-ddr-museum.

Öffnungszeiten: Sonntag von 13 bis 17 Uhr, Schulklassen und Gruppen nach Vereinbarung. Der Eintritt ist frei.

Führung: Sonntag, 14 Uhr.

Sonderausstellung: Es gibt regelmäßig Sonderausstellungen. Zum Anlass 30 Jahre deutsche Einheit werden bis 15. November unter dem Titel „Leben in der Utopie – Oder der Alltag in einem verschwundenen Staat“ Fotografien von Siegfried Wittenburg gezeigt.

Stiftung: 2012 Gründung der Stiftung „Lernort Demokratie – Das DDR-Museum Pforzheim“ unter Mitwirkung des Vereins „Gegen das Vergessen“ e.V. und seines damaligen Vorsitzenden Joachim Gauck.

Bereits vergangene Woche hat Daniela Jörger über ein besonderes Museum berichtet – das Schweinemuseum im Stuttgarter Schlachthof.


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