„Freiheit statt Baden-Württemberg“

Stuttgart (bjhw) – Die aktuelle Baden-Frage: Kurz vor dem 70. Geburtstag des Südweststaats herrscht miese Stimmung in „the Länd“.

Macht bislang kaum Anzeichen, die Wogen zwischen Schwaben und Badenern zu glätten: Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Foto: Bernd Weißbrod/dpa

© dpa

Macht bislang kaum Anzeichen, die Wogen zwischen Schwaben und Badenern zu glätten: Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Wenige Tage vor dem 70. Geburtstag des Südweststaats ist die Stimmung keineswegs ungetrübt zwischen Baden und Württemberg. Weil Landtagspräsidentin Muhterem Aras (Grüne) weiterhin keine konkrete Einladung an jene Badener ausgesprochen hat, die ungebührlich fanden, dass der Landesteil auf einer Festveranstaltung gar nicht vertreten ist. Aber auch, weil der Ministerpräsident höchstpersönlich noch keine Gelegenheit fand, die Wogen zu glätten.

Dabei muss Winfried Kretschmann nach 42 Jahren in der Landespolitik wissen, wie dünn das Eis werden kann, wenn Badener sich übergangen fühlen von Württembergern oder, vielleicht noch schlimmer, von Baden-Württembergern. Jetzt ist immerhin eine auswärtige Kabinettssitzung geplant. Nicht nur im Netz wird dennoch heftig debattiert.

Wie ein gelb-roter Faden zieht sich durch die Landesgeschichte, wie Animositäten ausgesprochen leicht entflammbar sind. Denn kleine und große Anlässe für badische Unzufriedenheiten gab es zuhauf. Als Lothar Späth (CDU) Mitte der 80er Jahre über die Einführung des Wasserpfennigs nachdachte, wurde in Mannheim eine absichtliche Schlechterstellung des badischen Landesteils befürchtet.

Noch 1999 drohte Robert Mürb, der langjährige, erst vor wenigen Tagen abgetretene Vorsitzende der Landesvereinigung Baden in Europa, mit der Gründung einer eigenen Partei, „wenn der Stuttgarter Zentralismus so weitergeht wie bisher“. Der heute 89-Jährige führte als Belege die unterschiedliche Messemitfinanzierung durch das Land in Stuttgart und Karlsruhe an oder Baden-Württembergs Selbstdarstellung auf der Expo 2000 in Hannover. Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) wurde 2017 mit einer Salve der Kritik überzogen, weil die neuen Regionalzüge zentralistisch, wie es hieß, in den Farben Gelb und Schwarz designt worden waren.

Gelb-Schwarz sind die Regionalzüge im Land: Dafür erntete Verkehrsminister Winfried Hermann 2017 viel Kritik. Foto: Bernd Weißbrod/dpa

© dpa

Gelb-Schwarz sind die Regionalzüge im Land: Dafür erntete Verkehrsminister Winfried Hermann 2017 viel Kritik. Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Der Flaggenstreit ist legendär: Grün-Schwarz änderte sogar die Regeln für Landeseinrichtungen, damit die badischen Farben über dem Schloss in Karlsruhe wehen können. „Ich selbst bin zwar Stuttgarterin mit Leib und Seele, aber bei dem Thema durchaus sensibilisiert“, bekannte die Landtagspräsidentin, als 2018 200 Jahre Badische Landesverfassung gefeiert wurde. Denn hinter der Debatte zur Baden-Flagge stecke „viel mehr als nur die Frage, wann wo welche Stoff-Farben verwendet werden dürfen“. All das sind gute Gründe – gerade vor dem 70. Geburtstag des Bindestrich-Landes – besonders sensibel zu sein, was allerdings weder Aras noch Kretschmann wirklich gelungen ist. Stattdessen mosern sogar Grüne gegen Grüne, weil sieben Abgeordnete meinten, einen Brief schreiben zu müssen, um ihrer Verwunderung Ausdruck zu verleihen, „dass es hier immer wieder zu Missverständnissen kommen muss, indem die badische Seite nicht mitbedacht wird“.

Der Flaggenstreit ist legendär: Grün-Schwarz änderte sogar die Regeln für Landeseinrichtungen, damit die badischen Farben über dem Schloss in Karlsruhe wehen können. Foto: Uli Deck/dpa

© dpa

Der Flaggenstreit ist legendär: Grün-Schwarz änderte sogar die Regeln für Landeseinrichtungen, damit die badischen Farben über dem Schloss in Karlsruhe wehen können. Foto: Uli Deck/dpa

Kretschmann bleibt der „SWR-Promi-Talk“ zum Jubiläum, um seine Sicht der Dinge darzulegen. Vielfach aufgefordert ist er allemal. Etwa unter einschlägigen Hashtags, wobei aus manchen Tweets nicht hervorgeht, ob es sich um Ernst oder um Satire zum Jubiläum handelt. „Freiheit statt Baden-Württemberg“, schreibt einer samt der gelb-roten Flagge. Auch die SPD ist aktiv. „Eigentlich ist mir das ja nicht so wichtig, aber wie die Landesregierung wiederholt Baden dabei vergisst, offenbart doch, wie die Politik in Stuttgart in den Köpfen Schwaben zentriert ist“, weiß die Mannheimer Bundestagsabgeordnete Isabel Cademartori. Die AfD-Fraktion will der neuen alten Baden-Frage sogar eine Aktuelle Landtagsdebatte widmen. Alexander Salomon, der Karlsruher Grünen-Abgeordnete, empfiehlt Gegenteiliges und alle Diskussionen zu beenden: „Denn in meiner Generationen interessiert die Baden-Frage niemanden“ – gerade gegenwärtig und angesichts des Kriegs in der Ukraine.

Ihr Autor

BT-Korrespondentin Brigitte J. Henkel-Waidhofer

Zum Artikel

Erstellt:
21. April 2022, 05:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 39sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.