Freilaufende Hunde sind der Rehe Tod

Murgtal (ama) – Wildtierexperten aus dem Murgtal appellieren an die Vernunft der Hundehalter.

Nicht immer schnell genug: Immer wieder werden Rehe gerissen. Unser Bild zeigt einen Rehbock. Foto: Patrick Pleul/dpa

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Nicht immer schnell genug: Immer wieder werden Rehe gerissen. Unser Bild zeigt einen Rehbock. Foto: Patrick Pleul/dpa

Freilaufende Hunde haben im Murgtal zuletzt ein Reh gerissen und ein weiteres gejagt. Ersteres wurde dabei tödlich verletzt und musste erlöst werden. Von dem Hundebesitzer fehlt bisher jede Spur.

Blutspuren auf dem Waldboden wecken bei Frank Schröder böse Vorahnungen. Diese verdichten sich, als er direkt daneben Abdrücke von Hundepfoten und Rehhufen entdeckt. Schröder verfolgt die Spuren nahe Gernsbach-Staufenberg. 30 Meter entfernt findet er schließlich ein Reh, das um sein Leben kämpft. Es weist schwere Bissverletzungen am Hinterlauf und am Hals auf. Schröder hat keine andere Wahl, als das sterbende Tier zu erlösen.

„Mich hat das emotional sehr mitgenommen“, sagt der Kreisjägermeister. „Aber das arme Tier hätte sonst noch viel länger leiden müssen.“ Letztlich sei es reiner Zufall gewesen, dass er die Geiß im Wald entdeckt hat. Für die tödlichen Verletzungen sind seiner Aussage nach zwei Hunde verantwortlich: „Das entnehme ich den Spuren im Schnee.“.

Vor etwa zwei Wochen bleibt es aber nicht nur bei der schockierenden Entdeckung. Rund zweieinhalb Stunden später ruft die Polizei Schröder an: Zwei Fußgänger hätten kurz zuvor gesehen, dass zwei Hunde ein anderes Reh durch den Staufenberger Wald hetzten – ganz in der Nähe vom Fundort des schwer verletzten Tiers.

Als Schröder wieder vor Ort ist, findet er zwar keine Spur von der Hetzjagd. Doch er vermutet, dass es sich um dieselben Hunde handelte, die Stunden zuvor die Geiß gerissen haben. „Alles andere wäre schon ein sehr großer Zufall gewesen“, betont er, nachdem er den Ablauf der Ereignisse geschildert hat.

Hetzjagden sind im Murgtal kein Einzelfall. Im vergangenen Jahr hatten Hunde zwei Rehe innerhalb von fünf Tagen gerissen. Ein Bock brach sich das Genick an einem Zaun, während er zwischen Gernsbach und Selbach vor einem Hund floh. Fünf Tage später erlöste Schröder in seinem 1,5 Quadratkilometer großen Jagdrevier in Gernsbach eine trächtige Geiß, der ein Hund schwere Verletzungen zugefügt hatte.

Wie viele solcher Fälle es im Landkreis gab, kann Schröder nur schätzen; eine Statistik gebe es dazu nicht: Im Schnitt seien es etwa 40 Vorfälle pro Jahr. Doch die Zahl gehe mittlerweile zurück. „Unsere Appelle an die Hundehalter scheinen zu fruchten“, erklärt Schröder. Trotzdem sei es wichtig, diese im Frühjahr zu erneuern.

„Die Hundehalter müssen auf den Wegen bleiben und eine Leine benutzen“, betont der Jäger. Das hält er vor allem zwischen April und Juli für zwingend notwendig. In diesen Monaten haben die Rehe ihre Setzzeit und bringen Jungen zur Welt. Stöbernde Hunde können viel Schaden anrichten. Denn hoch trächtige Rehe sind zu langsam für die Flucht. Rehkitze sind ebenfalls „leichte Beute“, wenn Hunde sie aufspüren.

„Jagdtrieb in der DNA verankert“

Martin Hauser erklärt, dass die Jungtiere erst ab der vierten Lebenswoche mit ihrer Mutter laufen können. Zuvor setzten die Ricken (wie weibliches Rehwild auch genannt wird) die dank ihres Fells gut getarnten Kitze auf Wiesen in Waldrandnähe, um sie im hohen Gras vor Fressfeinden zu schützen. Der Wildtierbeauftragte des Landkreises Rastatt ergänzt: „Die Mutter weiß aber immer, wo ihr Nachwuchs liegt.“

Damit keine stöbernden Hunde auf die jungen oder auch älteren Rehe aufmerksam werden, sei eine Leine sowohl im Wald als auch auf Wiesen wichtig. Doch: „Viele Herrchen sagen, dass ihr Tier nicht gefährlich ist. Das ist Schwachsinn“, sagt Hauser. „Der Jagdtrieb ist in ihrer DNA fest verankert.“

Aus seiner Sicht sind Besitzer machtlos, sobald ein Hund die Verfolgung eines Wildtiers aufgenommen hat. Wird das Reißen oder Hetzen gesehen, drohen den Haltern aber Konsequenzen. Unter anderem Geldstrafen oder eine Maulkorbpflicht. Hauser erklärt: „Hunde jagen nicht aus Hunger, sondern aus Spaß.“

Im Gegensatz zu Wölfen seien sie nicht daran interessiert, schnell zum Erfolg zu kommen. Sie fügten den Rehen schwerste Verletzungen zu. Anstatt wie die Wölfe den sogenannten Kehlbiss anzuwenden, um die Rehe schnell zu töten. „Haushunde haben das Jagen nicht gelernt und besitzen in den aller seltensten Fällen eine gute Technik“, erklärt Hauser. „Ihre Beute muss deshalb extrem leiden.“

Der Jagdpächter sei dann verpflichtet, das verletzte Reh zu erlösen, sagt Hauser. Wer ein verletztes Tier findet oder als Hundehalter selbst involviert ist, solle deshalb direkt den zuständigen Jagdpächter beziehungsweise die Polizei informieren. Wenn das verletzte Tier eine Überlebenschance hat, könne es mit fachkundiger Hilfe noch gerettet werden.

„Leider werden aber viele Fälle vertuscht“, bedauert Schröder. So fehle auch nach dem Rehriss in Staufenberg jegliche Spur von dem Hundehalter, dem die Tiere möglicherweise ausgebüxt seien. Mittlerweile hat der Kreisjägermeister Anzeige erstattet. Ob das zu einem Ergebnis führt? Schröder bezweifelt das.

Strafen drohen

Werden ihre Hunde beim Hetzen oder Reißen gesehen, können diese laut Sören Kurz, Justiziar des Landesjagdverbands, als gefährlich eingestuft werden. Die Folge: Maulkorbpflicht.

In schwerwiegenden Fällen droht Hundebesitzern ein Bußgeld im dreistelligen Bereich. Wenn der Halter seinen Hund zielgerichtet im Wald frei herumlaufen lässt, obwohl dieser als gefährlich eingestuft ist, zählt das als Wildern. Neben dem Ordnungsrecht kann bei wildernden Hunden auch das Zivilrecht greifen. Reißt ein Hund im Bereich eines Jagdpächters ein Reh, hat dieser ein Anrecht auf Schadensersatz.

Kurz schätzt, dass die Geldstrafe zwischen 500 und 1.000 Euro liegen kann. Er verweist aber darauf, dass die Jagdpächter zum Großteil darauf verzichteten. Ihnen sei es wichtiger, dass die Hundebesitzer keine Hemmungen haben, einen Vorfall zu melden.

Ihr Autor

BT-Mitarbeiter Adrian Mahler

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Erstellt:
19. April 2022, 17:46 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 45sec

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