Freilichtbühne Ötigheim: Premiere von „Max und Moritz“

Ötigheim (kie) – Vor dem Publikum überzeugen die Darsteller mit Ausdruck, Spielfreude und Textsicherheit: Das Kinderstück „Max und Moritz“ in modernem Gewand.

„Ritzeratze voller Tücke in die Brücke eine Lücke“ – vieles wird dem Original nachempfunden. Doch auch Jugendsprache und -symbolik kommen zum Einsatz. Foto: Lukas Tüg

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„Ritzeratze voller Tücke in die Brücke eine Lücke“ – vieles wird dem Original nachempfunden. Doch auch Jugendsprache und -symbolik kommen zum Einsatz. Foto: Lukas Tüg

„Lempel ist doof“, steht als Graffito auf dem Tor in der Mitte der Ötigheimer Freilichtbühne. Und der Krawall reißt an diesem Freitagabend bei der Premiere des Kinderstücks „Max und Moritz“ erwartungsgemäß nicht ab. Den Volksschauspielen gelingt damit eine moderne Adaption der berühmten Lausbubengeschichten von Wilhelm Busch.

Nach einer Bearbeitung von Herbert Broeren und in der Fassung von Regisseur Torsten Krug werden sowohl die in den Geschichten angelegte Doppelmoral der Erwachsenen als auch die grundlegende Unvorhersehbarkeit kindlichen Handelns gekonnt in die Gegenwart übertragen. Mit Symbolen wie der unter Rock-Fans bekannten „Pommesgabel“ – einem popkulturellen Zeichen des Unkonventionellen –, fetzigen Liedern und Anspielungen sowie Ergänzungen zum originalen Text aus der Jugendsprache ist das rund 150 Jahre alte Werk auch im Jahr 2021 für Kinder anschlussfähig.

So wird beispielsweise der Vers aus der Feder Buschs „In die Kissen und die Pfühle, denn man liegt nicht gerne kühle“ von den beiden hervorragend verkörperten Protagonisten (Moritz: Maxima Befurt, Max: Antonius Scholz; Zweitbesetzung; Rufina Beckert, Jonas Woll) auf der Bühne gewinnbringend erörtert: „Was sind denn Pfühle?“, wirft einer der beiden ein. Der andere entgegnet: „Das ist oldschool und bedeutet Kissen.“ Schade nur, dass von einer zeitgemäßen Übersetzung an anderer Stelle abgesehen wurde. So heißt es nach der Explosion von Lehrer Lempels Pfeife nach wie vor und unkommentiert: „Nase, Hand, Gesicht und Ohren sind so schwarz als wie die Mohren“. Zwar erfolgt ein Hinweis im Programmheft auf heute als diskriminierend empfundene Formulierungen, doch scheint das Argument der Originaltreue angesichts der Tatsache, dass andere Begrifflichkeiten kontextualisiert werden, nicht ausreichend.

In einem dem Zeitgeist entsprechenden Gewand erscheinen jedoch die den beiden Streichespielern im Nachhinein angedichteten Überlegungen: Da ist wenig von Boshaftigkeit zu spüren, vielmehr wird die Erschrockenheit über die Folgen des eigenen Tuns sichtbar, etwa wenn beide nach dem erfolgten ersten Streich, durch den die Hühner der Witwe Bolte sterben, feststellen: „Ziemlich krass, wie das gelaufen ist.“

Spektakuläre Spezialeffekte


Vor dem Publikum überzeugen die Darsteller mit Ausdruck, Spielfreude und Textsicherheit – insbesondere die Leistung der beiden jungen Protagonisten ist bemerkenswert. Auch Sänger und Tänzer – ebenfalls die meisten unter ihnen sehr jung – begeistern. Allein die Verständlichkeit der Liedtexte lässt bisweilen zu wünschen übrig. Die Botschaft kommt aber auch so an: Die Stimmung im Publikum – coronabedingt war die Vorstellung bereits mit 875 Plätzen ausverkauft, ist gelöst und äußerst beschwingt. Immer wieder gibt es verdienten Zwischenapplaus, am Ende gipfelnd in stehenden Ovationen. Dass Kinder und Erwachsene an unterschiedlichen Stellen lachen, ist sicheres Zeichen dafür, dass es Regisseur Krug gelingt, die Geschichten aufleben zu lassen, ohne den Anschluss an die Moderne zu verpassen.

Geschickte musikalische Untermalungen, hervorragende Kostüme, spektakuläre Spezialeffekte und eine an die Illustrationen Buschs angelegte Maske fügen der Inszenierung einen großen Unterhaltungswert hinzu. So bleibt „Max und Moritz“ eine scherenschnitthafte und groteske Erzählung über Moralvorstellungen einer vergangenen Zeit, die aber problemlos in das 21. Jahrhundert transferiert werden kann.

Und so betritt abschließend ein junges Mädchen als Verweis auf die Gegenwart die Bühne. Modern gekleidet und ungeschminkt spricht sie die Erwachsenen direkt an: „Das könnt ihr doch nicht machen!“, sagt sie empört, nachdem diese den Tod der beiden Buben zu verantworten haben. Lehrer Lempel, Witwe Bolte oder Schneider Böck erwidern darauf nur: „Hä?“. Die Kleine entgegnet: „Wie bitte, heißt das!“. Fragen der moralischen Überlegenheit und des Anstands werden dadurch erneut zur Disposition gestellt – ganz im Sinne von Wilhelm Busch.


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