Freizeitampel zeigt oft nur grau an

Baden-Baden (kie) – Digitale Plattform zur Besucherlenkung: Die „Freizeitampel Baden-Württemberg“ ist seit drei Monaten in Betrieb, hat aber noch Kinderkrankheiten.

Viel los: Im vergangenen Jahr herrschte zeitweise so großer Andrang an den Geroldsauer Wasserfällen, dass Ausweichparkplätze auf dem Sportplatz geschaffen werden mussten. Foto: Ulrich Philipp/Archiv

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Viel los: Im vergangenen Jahr herrschte zeitweise so großer Andrang an den Geroldsauer Wasserfällen, dass Ausweichparkplätze auf dem Sportplatz geschaffen werden mussten. Foto: Ulrich Philipp/Archiv

Baden-Baden – Mittelbaden bietet viele Möglichkeiten für einen Ausflug. Doch während der coronabedingten Lockdowns kam es gerade an Freiluft-Ausflugszielen immer wieder zum unerwünschten Besucherandrang. Ende Juli stellte deshalb die Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg (TMBW) die „Freizeitampel“ vor, mit der Besucher zu weniger frequentierten Zielen gelenkt werden sollen. Doch rund drei Monate nach der Einführung ist klar: Die Plattform funktioniert nicht so, wie ursprünglich gedacht.

Anwohner leiden unter Andrang

Zugeparkte Fahrbahnen und Grünflächen oder die Verrichtung der Notdurft in der Natur waren einige der Kritikpunkte von Anwohnern beliebter Ausflugsziele während der Schließung vieler Freizeiteinrichtungen. So wurde etwa die Parksituation am Geroldsauer Wasserfall zum Problem – bis heute zeugen rot-weiße Baken am Fahrbahnrand von der Masse an Fahrzeugen, die insbesondere am Wochenende und zur Rhododendronblüte hier zu finden sind.

Doch anders als in der Vergangenheit soll der Besucherandrang vor Ort nun bereits im Vorfeld ermittelt werden können: Die „Freizeitampel“ will in Echtzeit anzeigen, wie viel aktuell an einem bestimmten Ausflugsziel los ist. Neben den Livedaten, die für zwölf Stunden sichtbar sind, speisen sich diese Informationen zur Auslastung auch aus Prognosedaten, die für einen längeren Zeitraum gültig sind. Technische Grundlage des Systems sei eine landesweite Datenbank, die von Tourismusschaffenden zur zentralen Erfassung von touristischen Daten genutzt werde, so die TMBW. Die Daten werden direkt vor Ort vonseiten der Kommunen, Tourismusverbände oder Betreiber von Ausflugszielen eingepflegt. Neben der Auslastung der Örtlichkeit sind in der „Freizeitampel“ auch weiterführende Informationen wie etwa die aktuelle Sieben-Tage-Inzidenz vor Ort oder die Erreichbarkeit eines Ziels zu finden.

Doch ein regelmäßiger Blick auf die Webseite zeigt, dass sich das Ampelsymbol nur in seltenen Fällen tatsächlich rot, orange oder grün färbt. Es bleibt oft nur grau. Der tatsächliche Andrang kann damit in den meisten Fällen bisher nicht eruiert werden.

Pflege der Daten ist das A und O der Besucherlenkung

Das liege, so Andreas Braun, Geschäftsführer der TMBW auf BT-Nachfrage, an der Pflege der Daten vonseiten der Tourismusverbände, Kommunen oder der Betreiber: „Die einen legen großen Wert darauf, andere weniger.“ Die Pflege der Daten am Ausflugsziel sei das A und O der Besucherlenkung. Das Einspeisen der aktuellen Informationen könne „sinnvoll nur vor Ort erfolgen“, denn allein dort wisse man, ob ein Parkplatz voll ist oder wann ein Bus wo abfährt. Nach wie vor müsse man „weiterhin Überzeugungsarbeit leisten und auf den Nutzen hinweisen“, so Braun.

Doch für die lokalen Betreiber ist die Pflege der Daten nicht einfach zu bewerkstelligen, wie Caterina Cancellieri, Leiterin Online Marketing und Brand Management bei der Baden-Badener Kur- und Tourismus GmbH, zu bedenken gibt: „Wir sehen an sich einen Bedarf für solch eine Plattform, aber der große Haken ist, dass es händisch gepflegt werden muss und wenig Schnittstellen bestehen.“ Für die Betreiber von Ausflugszielen und die Kommunen sei die „Freizeitampel“ deshalb nur wenig praktikabel, sagt sie.

Schnittstellen zu Mobilfunkdaten, aus denen Bewegungsmodelle abgeleitet werden können, oder zu Kassensystemen, die Besucherzahlen ohnehin abbilden, wären beispielsweise wünschenswert: „Wir hatten gehofft, dass die Daten automatisiert zugeliefert werden“, so Cancellieri weiter – und räumt ein, dass bei der „Unzahl von Kassensystemen“ eine Integration der Daten vermutlich gar nicht so einfach zu bewerkstelligen sei.

Einsame Ziele und skurriler Effekt

Ein weiteres Problem komme bei Orten wie Baden-Baden, die eine Vielzahl an Ausflugszielen ihr eigen nennen, hinzu: Badeseen oder Wanderwege, so Cancellieri, seien ja nicht ständig von Mitarbeitenden besetzt, die Messung der Besucherströme damit kaum möglich. Man habe versucht, bei neuralgischen Punkten wie etwa dem Geroldsauer Wasserfall in der „Freizeitampel“ Prognosen zu hinterlegen. Deshalb ist das Ampelsymbol für dieses Ziel dauerhaft orange; egal, wie viel tatsächlich an einem bestimmten Tag dort los ist. Auf der Webseite heißt es außerdem: „Liebe Gäste, es kann zu großen Besucherströmen an den Feiertagen und am Wochenende kommen. Wenn Sie das Beste aus Ihrem Aufenthalt herausholen möchten, besuchen Sie die Wasserfälle unter der Woche.“

Cancellieri gibt dabei zu bedenken, dass in einem solchen Fall Variablen wie etwa das Wetter am Ausflugstag nicht abbildbar sind: „Die Komplexität ist unglaublich groß. Das ist in der Realität schwer umsetzbar“, sagt sie. Insgesamt rund 250 Baden-Badener Sehenswürdigkeiten und Ausflugsziele, daneben etwa 95 Gastronomie-Betriebe und um die 40 Wanderwege, sind laut Cancellieri bei der „Freizeitampel“ aufgeführt – mit steigender Tendenz. Doch bisher habe die Kur- und Tourismus GmbH noch keine einzige Rückmeldung zur „Freizeitampel“ erhalten.

Das deckt sich mit den Erfahrungen der TMBW: Nur zwei Rückmeldungen von Nutzern hat diese bisher erreicht – eine davon war negativ, eine positiv. Die Webseite sei insbesondere zu Beginn der Freischaltung gut angelaufen, die TMBW nennt auf Nachfrage mehrere Tausend Aufrufe pro Tag, mittlerweile hätten die Zahlen allerdings „deutlich nachgelassen“. Braun vermutet, dass sich „nach dem Hochbetrieb im Sommer die Situation jetzt im Herbst und Winter vielerorts erst mal weiter entspannen dürfte“.

Teils falsche Anzeigen

Gerade in Freibädern entspannte sich die Lage naturgemäß von Woche zu Woche. Doch ausgerechnet hier finden sich rote Ampelfärbungen in verschiedenen Teilen Baden-Württembergs. Die TMBW erklärt diesen skurrilen Effekt mit den hinterlegten Prognosedaten, die vermutlich zwischenzeitlich nicht mehr aktualisiert worden seien.

Während also die eine Örtlichkeit gut besucht, aber in der „Freizeitampel“ datenlos ist, erscheint bei offensichtlich geschlossenen Einrichtungen aufgrund des Langzeiteffekts der Daten der fehlerhafte Eindruck eines großen Besucherandrangs.

Die Kosten für die „Freizeitampel“ beziffert die TMBW mit einem „überschaubaren fünfstelligen“ Betrag, die Pflegekosten seien „sehr niedrig“. Insgesamt sei die „Freizeitampel“ Teil eines größer angelegten Datenmanagements, das ohnehin umgesetzt werden sollte, heißt es vonseiten der TMBW weiter. Ausflugsanbieter, Kommunen und Tourismusverbände könnten die Informationen aus der „Freizeitampel“ auch auf der eigenen Webseite einbinden.

„Gäste wollen sich heute umfassend online informieren. Das betrifft Öffnungszeiten genauso wie die Verkehrsanbindung oder die Frage nach der Buchung“, sagt Braun. Auch Cancellieri sieht großen Bedarf – nimmt jedoch an, dass sich Gäste derzeit wegen der unvollständigen Angaben in der „Freizeitampel“ vermutlich auf anderen Wegen online informieren, etwa mittels der Live-Daten auf Google Maps. „Tendenziell ist das ein super Grundgedanke, aber es ist nicht praktikabel“, sagt sie deshalb zur „Freizeitampel“.


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