Fremde Muttermilch, die Neugeborenen helfen kann

Karlsruhe/Freiburg/Ulm (for) – Die Muttermilch gilt als gesündeste Nahrung für Neugeborene. Aber nicht alle Frauen können stillen. In diesem Fall können Frauenmilchbanken Abhilfe schaffen.

Die Nährstoffe in der Muttermilch können für Frühchen und kranke Babys von großem Vorteil sein. Foto: Stefan Sauer/dpa

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Die Nährstoffe in der Muttermilch können für Frühchen und kranke Babys von großem Vorteil sein. Foto: Stefan Sauer/dpa

Im Rahmen der Weltstillwoche, die in diesem Jahr vom 28. September bis zum 4. Oktober stattfindet, widmet sich die BT-Instagram-Redaktion am Throwback Thursday dem Stillen. Schon seit vielen Jahren gilt die Muttermilch als gesündeste Nahrung für Neugeborene. Das sieht auch die World Alliance for Breastfeeding Action (WABA) so, die die Weltstillwoche 1991 ins Leben gerufen hat, um das Stillen zu fördern. Es gibt allerdings immer wieder Frauen, die aus verschiedenen Gründen nicht stillen können. In solchen Fällen können sogenannte Frauenmilchbanken helfen. Das sind spezielle Einrichtungen, bei denen Frauen Milch an andere Frühchen spenden können. BT-Redakteurin Janina Fortenbacher hat sich in der Vergangenheit intensiv mit dem Thema befasst:

28 Milchbanken in Deutschland

Derzeit existieren nach Angaben der „European Milk Bank Association“ (EMBA) nur rund 28 Frauenmilchbanken in ganz Deutschland. Dort wird gespendete und auf Keime kontrollierte Muttermilch vorrätig gelagert. Spenderinnen sind Frauen, die über den Bedarf ihres eigenen Kindes hinaus Milch bilden und diese für die Ernährung von anderen Säuglingen zur Verfügung stellen. Besonders im Osten Deutschlands haben die Stationen eine lange Tradition. Im Uniklinikum Freiburg besteht eine derartige Einrichtung seit 2017. Lange war das die einzige Frauenmilchbank in Baden-Württemberg, im April 2020 hat die Uniklinik Ulm nachgezogen. Auch in Karlsruhe denkt man über eine solche Einrichtung nach.

Muttermilch kann Vorteil für Frühgeborene sein

Laut der Nationalen Stillkommission am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sind Milchbanken von großer Bedeutung. Die Muttermilch könne Krankheitsrisiken wie Darmerkrankungen und Nahrungsmittelunverträglichkeiten minimieren und habe einen positiven Einfluss auf die Entwicklung der Babys. Dies könne insbesondere bei Frühgeborenen und kranken Neugeborenen von Vorteil sein. Da viele Mütter von Frühchen aber nicht stillen können, steige für ihre Babys die Bedeutung an „Frauenmilch“ (so nennen Fachleute die von fremden Frauen gespendete Muttermilch).

„Viele Stoffe, die in der Muttermilch enthalten sind, lassen sich industriell nicht herstellen“, erklärt Dr. Corinna Gebauer von der Universitätskinderklinik Leipzig. Sie ist Leiterin der dortigen Milchbank und deutsche Delegierte der EMBA. Sie äußert den Wunsch, dass es mehr Muttermilchbanken in Deutschland geben müsse, denn die Nachfrage sei groß.

Hohe Kosten

Dieser Meinung ist auch die Grünen-Fraktion im Karlsruher Gemeinderat, die sich für eine solche Einrichtung in Karlsruhe einsetzt. „Muttermilch enthält zahlreiche Nährstoffe, die für die Entwicklung von Babys wichtig sind“, betonte die Grünen-Stadträtin Verena Anlauf im vergangenen Jahr. Sie ist Mitglied im Aufsichtsrat des Städtischen Klinikums Karlsruhe und sieht dort einen besonders hohen Bedarf an Muttermilch: „Das Klinikum ist auf Risikoschwangerschaften, Risikogeburten und sehr kleine Frühgeborene spezialisiert“, sagte sie. Allerdings habe die Sache auch einen Haken: Die Banken seien mit hohen Kosten verbunden, meint Anlauf. Derzeit würden die Einrichtungen von Kliniken, Trägern und über Spendengelder finanziert.

Hohes Risiko bei privatem Milchhandel

Anlauf glaubt, durch mehr zentrale Anlaufstellen könne auch der private Onlinehandel in sogenannten Muttermilchbörsen oder über soziale Netzwerke verringert werden. Die Grünen-Stadträtin warnte ausdrücklich vor dem Austausch der Milch über das Internet: „Das ist mit vielen Risiken verbunden“, sagte sie.

Auch die Nationale Stillkommission schlägt Alarm: Sie lehnt die Abgabe der Nahrung über private Muttermilchbörsen ab. Aus Sicht der Kommission müssten bei Muttermilchspenden ähnliche Hygienevorschriften beachtet werden wie beim Blutspenden. Es könne nämlich nicht ausgeschlossen werden, dass Spenderinnen übertragbare Krankheiten wie Aids oder Hepatitis haben oder Medikamente einnehmen, deren Wirkstoffe in die Milch übergehen.

„Hochgradige hygienische Anforderungen“

Bei Muttermilchbanken, die in der Regel an Kliniken angeschlossen sind, wird die Säuglingsnahrung streng kontrolliert und mikrobiologisch untersucht, um diese Gefahren auszuschließen: „Frauenmilchbanken arbeiten nach festgelegten Arbeitsrichtlinien mit hochgradigen hygienischen Anforderungen“, erklärt Gebauer. „Für Spenderinnen gelten außerdem bestimmte Ausschlusskriterien“, sagt sie. Wer raucht, Drogen oder Medikamente einnimmt oder chronische Krankheiten hat, dürfe nicht spenden. In Leipzig beispielsweise findet deshalb vor jeder Milchspende ein persönliches Gespräch statt. Mit einer Blutuntersuchung werden schließlich übertragbare Krankheiten ausgeschlossen.

Industriell hergestellte Milch „nicht verteufeln“

Doch auch eine hygienisch einwandfreie Frauenmilch ist für die Ernährung eines fremden Kindes nicht immer geeignet, da sich die Zusammensetzung der Milch im Laufe der Stillzeit ändert. „Frühgeborene haben einen höheren Energie- und Proteinbedarf als ältere Säuglinge“, sagt Gebauer. In solchen Fällen muss die gespendete Milch mit bestimmten Nährstoffen angereichert werden.

Gebauer ist der Meinung, dass die Vorteile des Stillens nicht unnötig aufgegeben werden sollten. Industriell hergestellte Milch will sie aber trotzdem nicht schlechtreden: „Die Herstellung ist sicher und auf die Bedürfnisse von Babys abgestimmt“, sagt sie. In einigen Fällen sei industrielle Spezialnahrung sogar überlebenswichtig, etwa wenn ein Baby an Stoffwechselerkrankungen oder Kuhmilcheiweißunverträglichkeiten leidet. „Wenn man die Wahl hat, ist Muttermilch aber immer am besten“, fügt sie hinzu.


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